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Kultur „Ich führe ein Leben ohne Popmusik“
Nachrichten Kultur „Ich führe ein Leben ohne Popmusik“
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02:15 26.11.2015
Der TV-Entertainer und Sänger Götz Alsmann. Quelle: Universal
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Potsdam

Lieder vom Broadway – ihnen gilt die Zuneigung von Entertainer Götz Alsmann. Der Münsteraner TV-Star tourt derzeit mit seiner Band durch Deutschland. Am Donnerstag ist er in Potsdam zu Gast.


MAZ:
Sie touren mit einem Programm alter Broadway-Songs. Aus Nostalgie oder Experimentierfreude?

Götz Alsmann: Nostalgie ist ja eigentlich die Sehnsucht nach Dingen, die man kennengelernt hat. Vieles von dem, mit dem ich mich beschäftige, hat vor meiner Zeit stattgefunden. Meine Triebfeder ist ästhetisch – mich fasziniert die Art, in der die Musiker damals komponierten und arrangierten.

Sehnen Sie sich nur nach der Musik oder auch nach Werten, die damals wichtiger waren?

Alsmann: Die Musik war handwerklich auf hohem Niveau, sie war so wie die Zeit war. Man kaufte sich Anzüge beim Schneider und Schuhe beim Schuster. Heute lässt man sich eine Jacke in fünf Größen übers Internet zuschicken.

Sie waren für die Studio-Aufnahmen in New York. Hat der Broadway noch irgendwas mit den 30er- und 40er-Jahren gemein?

Alsmann: Optisch bestimmt nicht. Der Broadway sieht heute aus wie eine riesige Toyota-Reklame. Ganz anders als Paris, wo wir auch schon gearbeitet haben. Paris sieht immer noch aus wie Paris.

Dort haben Sie vor wenigen Jahren ein Chanson-Album aufgenommen. Was dachten Sie, als Sie von den Terror-Anschlägen erfuhren?

Alsmann: Wir spielten ein Konzert und machten danach unsere Handys an, um zu schauen, wie es beim Fußballspiel Deutschland gegen Frankreich steht. Als wir von Explosionen lasen, dachten wir erst an eine zerbrochene Gasleitung oder so. Dann haben wir nach und nach erfahren, was wirklich los war. Ich habe mich mit meinen Freunden in Paris in Verbindung gesetzt. Das sind Menschen, die dort in der Musikszene tätig sind. Zum Glück war bei ihnen alles in Ordnung.

Sehen Sie als passionierter Unterhaltungsmusiker in dem Terror eine Attacke auf Ihre Zunft?

Alsmann: Ich empfinde es als Angriff auf unsere Kultur, auf unseren Lebensstil – das schließt Konzerte, Theater und Sport mit ein. Den Terroristen geht es ja nicht um ästhetische Fragen und darum, was genau für Musik jemand macht.

An dem Tag der Pariser Anschläge erschien Ihre „Winterwunderwelt Vol. 2“, ein Album mit Weihnachtsliedern.

Alsmann: Ich bekam am Morgen noch eine E-Mail, in der mein Team mir einen schönen Veröffentlichungstag wünscht. Seitdem hören wir täglich neue schlimme Nachrichten über den Terror.

Vielleicht brauchen die Menschen jetzt, wo die Welt am Lodern ist, so ein Album erst recht.

Alsmann: Ja – es dürstet die Menschen nach Zerstreuung, wenn die Umstände am schwierigsten sind.

Der Entertainer, Sänger und Musiker

Götz Alsmann ist einer der beliebtesten Jazz-Musiker in Deutschland. Der 58-jährige Münsteraner ist einer breiten Öffentlichkeit durch seine TV-Show „Zimmer frei!“ bekannt geworden, die seit 1996 im WDR läuft. Er moderiert sie zusammen Christine Westermann, im kommenden Jahr werden die letzten Folgen ausgestrahlt. Der Moderator und Musiker hat u.a. den Adolf-Grimme-Preis und mehrfach den Echo in der Kategorie Jazz gewonnen.

Im Potsdamer Nikolaisaal ist Alsmann am Donnerstag mit seiner Band zu Gast. Er spielt vor allem umarrangierte und auf Deutsch getextete amerikanische Klassiker aus seinem Broadway-Album, das im vergangenen Jahr erschienen ist. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

Pünktlich zu Vorweihnachtszeit ist Götz Alsmanns „Winterwunderwelt Vol. 2“ erschienen. Es ist die Fortsetzung eines Projektes, bei dem Götz Alsmann mit der WDR Big Band eine Kombination aus traditionellen deutschen und amerikanischen Winter- und Weihnachtssongs eingespielt hat.

Hören Sie selbst auch Musik, die sich mit der Gegenwart beschäftigt?

Alsmann: Nein, die interessiert mich eigentlich nicht.

Warum?

Alsmann: Auch das ist eine rein ästhetische Frage. Ich führe ein Leben ohne Popmusik, für mich ist die populäre Musik nach 1965 einfach nicht interessant. Ich weiß aber auch: Es gibt viele, viele Menschen, denen diese Musik sehr viel bedeutet…

… mit einigen haben Sie schon zusammen Musik gemacht – zum Beispiel mit Bela B. von den Ärzten.

Alsmann: Das stimmt. Und es hat Spaß gemacht. Nur muss ich mich dauernd dafür rechtfertigen, dass ich mich für zeitgenössische Musik nicht näher interessiere. Einen Geiger, der berühmt ist für seine Interpretationen von Mozart und Beethoven würde man nicht fragen, wie er zum Beispiel HipHop findet.

Doch, auch von einem klassischen Musiker würde ich gerne erfahren, wie er in einer Welt, in der es so stark rumort, die aktuelle Musik erlebt. Aber blicken wir lieber auf Ihre Projekte – könnten Sie sich nach den Alben in Paris und New York eines an einem exotischeren Ort vorstellen?

Alsmann: Mir geht es darum, die Geschichte unserer Unterhaltungsmusik vor Ort aufzuspüren. Einer ganz anderen Musikkultur sollte man sich nicht oberflächlich auf einem Feierabend-Trip nähern. Ich habe schon häufig afrikanische Musik gehört und sie fasziniert mich. Aber ich werde kein Album mit afrikanischer Musik aufnehmen. Das wäre, als sollte ein Tischler ein paar Schuhe nähen.

Von Maurice Wojach

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