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18:04 11.02.2018
Ein Mann aus Musik: Brian Fallon steht auf die Musik der British Invasion der Sechzigerjahre, auf Punk und auf Bruce Springsteen. Quelle: Redferns
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Hannover

Eine akustische Täuschung. Durch das Fingerschnippen zum Liedbeginn ist man auf der falschen Spur. Man erwartet die Soulstimme von Diana Ross, will schon „I need love-love – oh, ease my mind“ mitsingen. Wie ein Geschwisterchen von „You Can’t Hurry Love“, dem Oldie über das eigenwillige Tempo des Sichverliebens, klingt der Song. Aber in „If your Prayers Don’t Get to Heaven“, wie dieses Lied wirklich heißt, singt einer nicht vom Bleiben und Warten, sondern vom Packen und Aufbrechen. Brian Fallon ist einer vom Stamme „Born to Run“.

„Ich blase ein 50 Fuß großes Loch durch die dunklen Wolken in meinem Zimmer“, verkündet der Sänger mit wundgescheuerten Stimmbändern. Sturm und Drang, so fulminant, dass man dazu gleich mal die Straße runtertanzen möchte wie Gene Kelly in „Singin’ in the Rain“. Denn des Sängers Fluchtgedanke ist so ungestüm wie romantisch. Er vibriert vor Fernweh, und doch würde er das Städtchen nie ohne die Liebste verlassen. Wie einst Diana Ross ist auch Fallon ungeduldig. Mutterns Lebensweisheit ist ihm zu abwartend: „Setz auf die Hoffnung!“, hat die ihm geraten. Aber Hoffnung, das weiß jeder Songheld, lässt die Zeit nicht stillstehen. Man hat nie Zeit zu verlieren. Man ist nur einmal jung.

Nun, nicht mehr ganz jung. Brian Fallon ist vor anderthalb Wochen 38 Jahre alt geworden. Man hat ihn stets mit großen Alten verglichen – mit Tom Petty, mit John Cougar Mellencamp und immer wieder mit Bruce Springsteen, weil der auch so eine abgewetzte Ledertaschenstimme hat, aus New Jersey kommt, auf klassischen Rock ’n’ Roll setzt und schöne, traurige, glücklich machende Geschichten erzählt. Mit seiner Band The Gaslight Anthem hatte Fallon Musik der Elvis- und Beatles-Tage mit UK-Punk verheiratet. Im Sommer 2008 kam ihr zweites Album „The 59 Sound“ in die US-Charts. Seitdem zählt Fallon zu den Großen der jüngeren amerikanischen Songwriter-Generation. Seit Juli 2015 liegt die Band auf Eis, Fallon startete 2016 mit dem folkigen Album „Painkillers“ eine Solokarriere, dem jetzt das schwungvollere zweite Album „Sleepwalkers“ folgt. Eingespielt in New Orleans.

„Ich stehe total darauf, all die Dinge, die ich liebe, in meiner eigenen Musik zu verbandeln“, sagt Fallon. „Und ich liebe so unglaublich viele Sachen. Etwas Eigenes zu schaffen, etwas Frisches, Neues, aber voller Respekt gegenüber denen, die mich inspiriert haben, das ist es, was mich umtreibt. Ich hoffe, ich werde andere dazu inspirieren, dasselbe zu tun.“ Heavy R & B nennt er seinen Sound. Das Einbringen des Alten ins Neue führt bis hin zum Verweben klassischer Songtitel in seine Lyrics: „Needles & Pins“, „The Kids Are All Right“, „Watching the Detectives“, „Like a Rolling Stone“, „At Last“. Popgeschichte hebt und senkt hier die Brust.

Ob er sich vorstellen kann, sich in die derzeit agile Protestsong-Bewegung einzureihen? „Ich schreibe Protestsongs als Protest gegen Isolation“, erwidert Fallon. „Ich schreibe Songs, um Leute zusammenzubringen und zu singen. Aber ich werde den Leuten doch nicht erzählen, was sie zu denken haben. Die denken für sich selbst, dazu brauchen sie mich nicht. Ich bin nur da, ihnen meine Geschichten zu erzählen, und hoffe, sie erkennen, dass sie nicht allein sind und dass, wenn ich meine Träume verwirklichen kann, sie es auch können.“

Ein Lied kann also Leute verändern? „Ein Lied kann alles, was du es für dich tun lässt“, davon ist Fallon überzeugt. „Aber du musst offen sein. Du musst das Geschenk annehmen, das ein Lied dir gibt. Musik ist universell, sie wird von allen erfühlt. Darin liegt ihre Schönheit.“

Fallon hat für „Sleepwalkers“ Klavierunterricht genommen, um die Vox Continental beherrschen zu können, die Rock-Orgel, die sakral, psychedelisch und nach bunter Kirmes klingen kann. „Ich war überrascht, wie schnell ich das Instrument begriff und einen Song spielen konnte. Du weißt nie, was in dir steckt, bevor du nicht loslegst.“ Auch Bläser sind an Bord. Zunächst widerstrebend, weil eine Rockband aus Gitarren, Bass, Schlagzeug und Piano besteht, nahm er sie ins Programm. Das sei nicht einfach gewesen: „Man kommt kaum mehr an eine Brass-Section, erst recht nicht an eine gute“, weiß Fallon. „Sie machen sie nicht mehr wie früher.“

Dann hing er in New Orleans eine Weile mit der Preservation Hall Band ab, besuchte eins ihrer Konzerte und lud sie dann ins Studio ein. „Es war Wahnsinn, sie auf einem meiner Lieder spielen zu hören“, so der am Ende geläuterte Skeptiker. Entsprechend klingt der Titelsong über einen eifersüchtigen Verliebten, als wäre er von Sam Cooke, Sam & Dave oder den frühen Temptations.

Oft geht es in Fallons Songs um die Angst vorm Alleinsein, einseitige Liebe, Liebende im Wartestand, Liebesverlust. Viele Träumer tauchen auf, die an ihren Träumen zu scheitern drohen. Fallon verneint das, nimmt seine „Helden“ in Schutz. „Ich glaube nicht, dass die Leute in diesen Liedern ihre Träume nicht verwirklichen können. Ich glaube, sie sind sehr wohl dazu in der Lage. Die Platte handelt von Liebe und Hoffnung, steht gegen Ängste und Notlagen. Es ist ein ,Wir‘-Album, extrem positiv, soll die Bekümmerten trösten.“

Der Icherzähler in „Forget Me Not“, der sein Mädchen bittet, ihn nicht zu vergessen, klingt aber schon arg nach Tod. „Ich denke, jede Person auf der Welt begreift eines Tages die Tatsache, dass er nicht für immer leben wird – vielleicht ist das etwas ausgeprägter, wenn man Eltern wird.“ Wie bitte? Diese Aussage lässt Fallon so stehen, keine weiteren Ausführungen. Aber die oft trügerische Suche nach dem einsamen Fallon in den suchenden Icherzählern kann man an dieser Stelle wohl getrost abbrechen: „Denk bloß nicht, dass ich in Isolation lebe, in einer abgelegenen Hütte mit meinen Schallplatten. Ich versichere dir, alles ist gut im Privatleben von Brian Fallon.“ Pause. „Ich habe sie in England getroffen.“ Das wirft ein neues, privates Licht auf sehr „englisch“ klingende Liedtitel wie „Watson“ und „Her Majesty’s Service“.

Dass Songs wie „Neptune“, „Little Nightmares“ „My Name is the Night“ oder „Come Wander With Me“ schwer nach Gaslight Anthem klingen, ist für Fallon völlig selbstverständlich: „In beiden Fällen bin ich’s, der schreibt und singt. Und kein Songwriter auf der Welt kann die Dinge herausnehmen, die ihn ausmachen.“ Das bedeute nicht, dass es vorbei ist mit der alten Band. „Wir spielen im Sommer einige Shows zum Jubiläum – zehn Jahre ,The 59 Sound‘. Du siehst also – wir können alles haben!“, sagt er triumphierend.

Das letzte Lied des Albums heißt „See You on the Other Side“. Darin ist wieder ganz viel England und der romantische Wunsch, die Liebste nach dem Ende eines gemeinsamen Lebens im Jenseits wiederzutreffen. Glaubt Brian Fallon an eine andere Seite? „Definitiv“, sagt er. Und hat er auch eine Vorstellung davon? „Ich stelle mir vor, dass dort Frieden ist“, sagt er. „Ich hoffe, wir finden am Ende alle Frieden.“

Tourdaten Brian Fallon & The Howling Weather

28. 2.: Köln – Live Music Hall

1. 3.: Berlin – Astra Kulturhauis

3. 3.: Nürnberg – Löwensaal

10. 6.: Wiesbaden – Kulturzentrum Schlachthof

20. 6.: Dresden – Alter Schlachthof

Von Matthias Halbig

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