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Impressionen vom „Flirtsport“

Ausstellung in der Liebermann-Villa in Berlin-Wannsee Impressionen vom „Flirtsport“

Vom Freizeitvergnügen an der frischen Luft: In der Liebermann-Villa am Wannsee in Berlin kann man sich die sehenswerte Ausstellung „Max Liebermann und der Sport. Reiten – Tennis – Polo“ mit 45 Werken anschauen. Er war der erste deutsche Künstler, der sich intensiv diesen Themen widmete. Beeinflusst auch von Tochter Käthe, die gern ritt und Lawntennis spielte.

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Als flögen die Rösser über das Hindernis: Max Liebermanns Bild“ „Pferderennen (in den Cascinen)“, 1909, Privatbesitz.

Quelle: Privat

Berlin, . Irgendwo da unten auf seinem Grundstück muss Max Liebermann (1847-1935) gestanden haben. Er hörte das Plätschern der Wellen, sah die Segelboote vorbeischippern. Vielleicht hat der Maler sie auch vom Atelier in der oberen Etage seiner Villa aus beobachtet, die er ab 1910 sommers bewohnte. 1924 verewigte er die Szenerie auf dem wunderbaren Gemälde „Birken am Wannseeufer nach Osten“. Vorn schauen Tochter Käthe und Enkelin Maria den Seglern zu. Ansehen kann man sich das Bild jetzt in der dortigen Ausstellung „Max Liebermann und der Sport. Reiten – Tennis – Polo“ mit 45 Werken. Auch „Boote am Wannseegarten“ und auf „Wannsee“ erkennt man Teepavillon und Steg – die es heute noch gibt. Die Weide wurde vor ein paar Jahren nachgepflanzt.

Galt lange als verschollen

Galt lange als verschollen: „Segelboote am Bootssteg“, 1922.

Quelle: Sandra Köhler

Als verschollen galt das Bild „Segelboote am Bootssteg“ von 1922. „Wir kannten es nur als Schwarz-Weiß-Abbildung aus dem Werkverzeichnis“, erzählt Martin Faass, Direktor des Hauses und Mitkurator der Schau. „Ein Mitglied unserer Liebermann-Gesellschaft hat es bei einem Sammler in Nordrhein-Westfalen gesehen, der es geerbt hatte und überhaupt nicht wusste, was für einen Schatz er da hat.“ Nach einigem Löchern lieh er es aus.

Erst hatte er den Ruf als „Armeleutemaler“ weg

Geboren wurde Max Liebermann am 20. Juli 1847 als Sohn eines wohlhabenden jüdischen Textilfabrikanten in Berlin. Er studierte an der Kunstakademie Weimar und hatte bald den Ruf als „Armeleutemaler“ weg, weil er nach 1878 zunächst einfache Handwerker und Bauern aus Holland auf seinen Werken zeigte.

1897 Ernennung zum Professor der Königlichen Akademie der Künste, 1898 wurde Liebermann Präsident der neu gegründeten Berliner Sezession, von 1920 bis 1932 war er Präsident der Preußischen Akademie der Künste. Am 8. Februar 1935 starb er.

info „Max Liebermann und der Sport. Reiten – Tennis – Polo", bis 26.6., Liebermann-Villa, Colomierstraße 3, Berlin-Wannsee, geöffnet täglich außer dienstags 10 bis 18 Uhr.

Liebermanns Nachbar Julius Springer besaß einen Schärenkreuzer, zehn Meter lang. 1867 hatte sich der Verein „Seglerhaus am Wannsee“ gegründet, er ist der zweitälteste deutsche Segelklub. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war Segeln ein Sport des Hochadels und Großbürgertums. Als ein kleiner Bootstyp, die „Nationale Sonderklasse“, aufkam, setzten auch Freizeitkapitäne aus weniger begüterten Kreisen die Segel.

Der Maler verewigte das muntere Treiben auf der Alster

Überhaupt: der Wassersport. Für Liebermann wurde er 1909 zum Motiv, als ihn die Hamburger Kunsthalle beauftragte, das Uhlenhorster Fährhaus, eine Art Ausflugslokal, in der Hansestadt zu malen. Welch munteres Treiben auf der Alster. Der Künstler hielt „Zwei aneinanderstoßende Ruderboote mit einer Dame und einem Herrn“ mit dem Pinsel fest. Vorn eine Frau allein im Gefährt, in dem neben ihr streckt der Mann den Arm nach ihr aus. Er will anbändeln. Sie blickt verlegen drein.

Das nasse Element – auf Liebermanns ersten Pleinair-Werken, die Bewegung zeigen, bildete er „Badende Knaben“ ab, so 1900. Es sind Fischerjungen. Einer tippt vorsichtig mit dem Fuß ins kühle Nass, ein anderer watet zurück aus den Wogen, etliche sind noch bis zum Oberkörper im Meer. „Liebermann hat den ganzen Vorgang des Badens festgehalten“, sagt der 53-jährige Kunsthistoriker Faass. Schwimmen sieht man niemanden. Vermutlich konnten das diese Dorfjungs nicht. Badehosen? Hatten sie auch nicht.

Wie jene „Badenden Knaben“ von 1895 auf einer impressionistischen Landschaftsdarstellung in kräftigem Grün. Da fällt das Licht auf zwei Jungs, von denen sich der eine nach der Erfrischung im Waldsee das Hemd über die nasse Haut streift. Mangels Handtuch. Die Gesichter sind nicht zu erkennen. Es kam Liebermann mehr auf die Atmosphäre an als auf Detailgenauigkeit. Schon 1888 hat er den Sommerspaß von nackten Jungs aus dem einfachen Volk an einer Badestelle gezeichnet. Bei den vornehmen Leuten lief das nicht so ungezwungen ab. Für sie gab‘s Badekarren. Auf „Badende Knaben im Wind“ sieht man diese kleinen Häuschen mit Rädern aufgereiht. Man ließ sich ins Wasser fahren, zog sich schamvoll um und glitt ins Meer. Bloß der Kopf ragte heraus.

Sport als Teil des geselligen Umgangs und eher eine Belustigung

Zwischen 1900 und 1914 hatten es Liebermann Reiten, Tennis und Polo angetan – die neuen Pläsiere des Bürgertums. Er war der erste deutsche Künstler, der sich intensiv diesen Themen zuwandte. War er selber eine Sportskanone? In seiner Jugend ist er viel geritten, er schwamm, lief auf den zugefrorenen Wasserflächen im Tiergarten Schlittschuh. Aber er sprach von einer Überschätzung des Bizeps, mit dem Boxen hatte er nicht viel am Hut. Faass sagt: „Im 19. Jahrhundert war Sport Teil des geselligen Umgangs, eher eine Belustigung. Selbst die Jagd, das Ausreiten am Strand galten als Sport, der von England auf den Kontinent kam. Um Rekorde ging’s noch nicht.“

Max Liebermanns  Bild „Tennisspieler“, um 1901, Angermuseum Erfurt

Max Liebermanns Bild „Tennisspieler“, um 1901, Angermuseum Erfurt.

Quelle: Dirk Urban

Die französischen Impressionisten hatten den Zeitvertreib an der frischen Luft, in der Natur schon vor Liebermann entdeckt, auch sie beeinflussten ihn. Und natürlich Tochter Käthe mit ihrem Faible für Sport. 1900 klagte er: „Sie ist doch nicht allein dem Vergnügen wegen auf der Welt, auch kann sie nicht den ganzen Tag Lawntennis spielen.“ Im Jahr darauf schuf er im holländischen Badeort Scheveningen, wo er gern die Ferien verbrachte, davon erste Ölstudien. Tennis galt als „Flirtsport“. Die Plätze nannte man mit spitzer Zunge „Verlobungszwinger“. Erfunden hatte das Lawntennis 1874 der Brite Major Walter Clopton Wingfield. Liebermann stellte „Tennisspieler am Meer“ dar. Vorn das könnte Käthe sein. 1913 malte er den „Tennisplatz in Noordwijk“ an der Nordsee, die Spielerinnen im langen Rock – zum Verheddern. Es war die Zeit, als selbst der nackte Knöchel als unanständig galt.

Im vierten Raum der Schau dreht sich alles um Pferde. Dort hängt Liebermanns „Pferderennen (in den Cascinen)“ von 1909. Das Bild zeugt davon, wie fasziniert er von Geschwindigkeit war und wie genau er die Anatomie der Tiere studierte. Wie eine Fotosequenz zeigt er den Ablauf des Sprungs vom Anreiten, Überspringen der Hindernisse und Aufsetzen. Stets bleibt ein Huf am Boden. Und da ist auch Tochter Käthe im Damensattel hoch zu Ross zu sehen.

 

Von Angelika Stürmer

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