Volltextsuche über das Angebot:

21 ° / 11 ° wolkig

Navigation:
In Gedanken am Baikal

Britta Wulfs Buch „Das Rentier in der Küche“ In Gedanken am Baikal

Eine aufregende Zeit: Im April 2014 war die in Dallgow-Döberitz (Havelland) lebende rbb-Fernsehjournalistin mit einem kleinen Team am Baikalsee. Dort drehte sie einen Film über die Ewenken, eine sibirische Minderheit. Es war der Anfang einer bis heute andauernden Liebesgeschichte mit dem Ewenken Anatoli, über die sie ein Buch geschrieben hat.

Voriger Artikel
Babelsberger Filmnachwuchs in Saarbrücken
Nächster Artikel
J.K. Rowling arbeitet an zwei neuen Romanen

Auf Tuchfühlung: Britta Wulf mit einem Rentier.

Quelle: Verlag

Potsdam. Die zehn Tage im April 2014 waren vorüber. Britta Wulf hatte mit einem kleinen Team bei den Ewenken, jener sibirischen Minderheit, am riesigen Baikalsee gedreht, den die Einheimischen das „heilige Meer“ nennen. „Ich hatte gelesen, dass er eine magische, mystische Anziehung hat und das ein bisschen belächelt“, sagt sie. „Dann zog auch er mich so in den Bann.“ Es war eine aufregende Zeit für die 52-jährige Fernsehjournalistin und Regisseurin, die für den rbb arbeitet und in Dallgow-Döberitz (Havelland) lebt. „Ich war auch berührt, wie gelassen die Menschen dort mit Zeit umgehen, weil die Entfernungen ganz andere als bei uns sind. Und ihre Probleme sind existenzieller. Der Winter kann bis zu acht Monate dauern. Mitunter sind es minus 49 Grad. Es geht darum, diese Temperaturen zu überstehen. Man muss genug Holz und Essensvorräte haben.“

Nach der Rückkehr dann das: Eine Nachricht von Anatoli, der sie während der Tour begleitet hatte: Du fehlst mir. Es war der Beginn einer Liebesgeschichte, die Britta Wulf in ihrem Buch „Das Rentier in der Küche“ erzählt. Sie skypen, sie bleibt bis Mitternacht wach, um ihm gleich auf die erste SMS, die er in der Frühe sendet, antworten zu können. Damals ist er Security-Mann bei der Eisenbahn. Bewacht ein Depot.

Ein Ewenke – fast 8000 Kilometer weit weg

Fast 8000 Kilometer trennen die beiden. Und dann die kulturellen Unterschiede. Anatolis Familie gehört zum ewenkischen Stamm Tschiltschigir. Seine Mutter wurde im Nomadenlager geboren. Der Vater brachte ihm die ewenkischen Gedichte und Lieder bei. „Dort am Nordbaikal sind sie als Minderheit nicht mehr groß aktiv“, sagt Britta Wulf, „die Sprache stirbt aus. Es gibt aber einen ewenkischen Kinderklub, in dem die Kinder mit Fell und Perlen basteln. Es werden Trachten genäht.“

Zu den Gagausen, Samen und Lipowanern

Geboren ist Britta Wulf 1964 in Potsdam. Sie studierte dort an der Filmhochschule und ist seither als freie Fernsehjournalistin und Regisseurin tätig. Für den rbb arbeitet sie für die Sendungen „zibb“, „Theodor“ sowie für die sorbische Redaktion „Luzyca“ in Cottbus, einmal im Jahr berichtet diese auch über Minderheiten in anderen Ländern.

So hat Britta Wulf bereits über die Lipowaner im rumänischen Donau-Delta, die finnischen Samen, die Ewenken am Baikalsee, die Gagausen in der Republik Moldau und die Resianer in Norditalien gedreht. Am 28.12. ist die Autorin bei Bettina Tietjen in der NDR-Sendung „Das!“ zu Gast (18.45 Uhr).

Britta Wulf lebt in Dallgow-Döberitz im Havelland und hat zwei erwachsene Kinder. Ihre Tochter Vanessa ist 24 Jahre alt, Sohn Vincent 18.

Britta Wulf: Das Rentier in der Küche. Eine deutsch-sibirische Liebe. Solibro, 224 Seiten, 18 Euro.

Ausgerechnet ein Sibirier also, ein Ewenke. So weit weg. „Ich hab meinen Gefühlen vertraut“, erzählt Britta Wulf. „Dennoch hab ich mich auch gefragt: Ist es richtig, nochmal hinzufahren?“ Anfang August 2014 flog sie von Schönefeld nach Irkutsk. Dann ging‘s im Sammeltaxi nach Listwjanka an den Baikal. Und elf Stunden mit dem Boot bis Nischneangarsk. An der Nordspitze des Sees wartete er auf sie. Sein Holzhäuschen hatte er extra für sie tapeziert, umdekoriert. Es gibt da Strom, aber kein fließend Wasser. Der kleine Garten ist wie eine Lebensversicherung für den Winter, schreibt Britta Wulf im Buch.

Sie isst Omul, rohen gefrorenen Fisch wie die Ewenken. Mit Anatolis altersschwachem Lada fahren sie nach Uojan, wo er geboren und aufgewachsen ist. Seine Schwester Galina war dort Sportlehrerin, die Schule wurde vor Jahren geschlossen. Aber sie organisiert noch Wettkämpfe in der Sporthalle. Zum Schluss gibt’s Urkunden. Immer noch wichtig in Russland.

Eine Bärenfalle und Rentierfarm in der Taiga

Die Taiga – ein nächstes Erlebnis. Absolute Einsamkeit. Wassergefüllte Schlaglöcher auf dem Weg. Die Männer – Anatoli, sein Bruder Alexander und Wayne, ein Australier – bauen in Gummistiefeln bis über den Knien eine Art Brücke für das Auto. Halt an einem heiligen Ort, wo sie Geld und Zigaretten für die Geister ablegen, sie bitten um eine unfallfreie Fahrt. Dickicht, eine Bärenfalle, Moor, Schlamm. Sie erreichen die Rentierfarm von Alexander. Man schläft normalerweise auf einem Holzgestell mit Rentierfell. Doch Anatoli hat extra Rosenmotiv-Bettwäsche für Britta mitgeschleppt. Am nächsten Morgen steht ein Rentier neben einem Dschum. So wird das Zelt aus Baumrinde oder Fell genannt, das die nomadisch umherziehenden Ewenken dereinst genutzt haben. Drei junge zutrauliche Tiere tauchen in der Küche der Hütte auf. Schauen in die Töpfe. Ein Feuer wird entfacht. In dessen Qualm halten sich tags die Rentiere auf, er hält ihnen die Mücken fern. Nachts verschwinden sie wieder im Wald.

Anatoli fühlt sich wohl in der Natur. „Keine Probleme, keine Angst. Man atmet anders, man denkt anders, man fühlt anders. Die Seele ist frei.“ Da vergisst er auch seine Geldsorgen. Er hatte einen Kredit aufgenommen für sein Auto, das Haus, das er für Frau und Sohn gebaut hatte. Nun ist er geschieden.

Fühlt sich frei in der Natur

Fühlt sich frei in der Natur: Der Ewenke Anatoli, der an der Nordspitze des riesigen Baikalsees lebt.

Quelle: Britta Wulf

Das Buch ist auch eine Art Reise-Buch mit faszinierenden Fotos. Man lernt viel über die Ewenken, die von der Rentierzucht und Jagd leben, ihren Traditionen, ihrem Schamanismus. Britta Wulf besucht das Haus der Hexe Baba Jaga aus dem russischen Märchenfilm. Und hätten Sie gewusst, dass in der Banja, wo sauniert wird, einst auch die kleinen Sibirier zur Welt gebracht wurden?

Alles fühlt sich gut an mit Anatoli“, schreibt Britta Wulf in ihrem Buch. Doch wo könnten sie zusammen leben?Nach den Sommerwochen mit Anatoli fliegt sie zu Silvester 2014 wieder zu ihm. Sie feiern auf der Insel Olchon mitten im Baikal bei minus 25 Grad. Ist es ein Ende oder ein Anfang? So schließt das Buch.

Wenn man Britta Wulf heute fragt, sagt sie: „Es war‘s wert. Es war die spannendste Zeit in meinem Leben.“ Und sie erzählt, dass Anatoli im Sommer 2016 für drei Wochen zu ihr zu Besuch kam. „Er hat Potsdam gesehen. Und Berlin, am meisten mochte er es bei Nacht, diese beleuchtete Stadt.“ Sie waren auch an der Ostsee. „Aber es ist nicht einfach, einen Bürger Russlands, der nicht per Reisebüro fährt, herzubekommen. Es geht nicht nur ums Visum, auch um Geld. Als Russe muss man 52 Euro pro Tag, den man in Deutschland verbringen will, auf seinem Konto nachweisen.“

Anatoli hat derzeit keine Arbeit. Er jobbt, schlägt Holz in der Taiga, drei Monate lang war er für eine staatliche Firma bei der Goldwäsche. Deshalb konnte sie ihn nicht sehen, als Britta Wulf im September 2016 wieder nach Sibirien fuhr. „Ich hab mir dann die andere Seite des Baikals, das Bargusinatal, angeschaut.“ Sie schreiben sich noch immer, telefonieren täglich. „Ich stottere, mein Russisch ist nicht so gut. Wir finden noch einen Weg, um zusammenzusein“, sagt Britta Wulf. Im nächsten Mai werden sie sich wiedersehen.

Von Angelika Stürmer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Erwarten Sie, dass sich nach Einführung der einheitlichen Postleitzahl in der Gemeinde Gumtow die Qualität der Zustellung verbessert?