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Kultur In Huchels Dienst: Der Geist im Nachbarzimmer
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20:03 01.09.2017
„Ich bin nicht Huchels Stellvertreter auf Erden“: Lutz Seiler an der Büste des Lyrikers vor dem Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst. Quelle: Lars Grote
Willhelmshorst

Als Lutz Seiler, Träger des Deutschen Buchpreises, vor guten 30 Jahren noch der Soldat Seiler war, haben sie in der Armee geraunt: Der liest! Der schreibt sogar! „Unsere Truppe war ein aussortierter Haufen“, sagt Seiler heute, „die Hälfte war vorbestraft, die anderen waren nicht vertrauenswürdige Elemente.“ Er, der Mann mit guten Manieren und dem Sinn fürs lebendige Wort, muss grinsen, sonst kriegt er das nicht über seine Lippen: Nicht vertrauenswürdige Elemente…

So ein Wort gehört halt zur Geschichte, die er jetzt erzählt – und die davon berichtet, warum er seit 20 Jahren das Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst (Potsdam-Mittelmark) leitet und welche Rolle die Witwe von Willy Brandt dabei gespielt hat. Am Sonntag kommt die Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller zur Jubiläumsfeier.

Lutz Seiler hat gelesen als Soldat, damals war er 21 Jahre alt, sein Oberfähnrich hat das nicht als Sabotageakt gedeutet, sondern schickte ihn zum Zirkel lesender Arbeiter. Seiler holte sich die Bücher aus der Gewerkschaftsbibliothek Leuna, wo die aussortieren Exemplare 50 Pfennig kosteten. Auch Huchels Gedichte von 1948 gab es zum Schleuderpreis. „Das Land wusste mit diesem großen Mann nichts anzufangen“, urteilt Seiler heute.

Er selbst war von diesen Texten sehr gefordert, weil seine Liebe zu den Büchern noch sehr jung war. Andererseits ließ er sich fangen von Huchels Lyrik, denn Gedichte schienen ihm damals die interessantere Form als der Roman. Dass Lutz Seiler 2014 den Deutschen Buchpreis just für sein Roman-Debüt „Kruso“ bekam, fällt so gesehen ins Feld der Ironie.

„Ich bin nicht Huchels Stellvertreter auf Erden“, sagt Seiler, bei aller Wertschätzung, wenn er im Huchel-Haus beim Kaffee sitzt, vor der Stellwand mit dem Foto von Max Frisch – Frisch, der Schweizer Autor, der vor der Schriftstellervereinigung P.E.N. über die Observierung von Huchel im Wilhelmshorster Haus berichtete und die Schikanen angeprangert hat. Die DDR geriet nach dieser Rede unter Druck, Huchel durfte 1971 in den Westen reisen.

Seiler leitet das Huchel-Haus, wo Schriftsteller aus ihren Büchern lesen, in den 20 Jahren kamen gute 400. Auch eine Dauerausstellung zu Huchels Leben findet man hier. „Ich stelle mich gerne in Huchels Dienst, denn seine Lyrik ist immer noch vital, weil sie aus der mittelmärkischen Landschaft geschöpft ist.“

Peter Huchel starb 1981, als Seiler 17 Jahre war, sie haben sich nicht kennengelernt. Doch Huchels Witwe Monica hat viel erzählt von ihrem Mann. Nach dem Frühstück habe sie Huchel zur Arbeit gebeten, er hat seine Verse geraunt, sie hat mitgeschrieben, die Mitschrift nahm Huchel in seine Kammer unters Dach, zur Korrektur.

Monica hat die Kohlen besorgt und sich um Übersetzungen gekümmert. Ihr Pragmatismus und seine Poesie bedingten sich – doch das Idyll im Walddorf Wilhelmshorst war trügerisch. Das Telefon hörte man ab, der Nachbar hat notiert, was los war auf dem Grundstück bei den Huchels.

Peter Huchel hatte abgeschlossen mit der DDR, spätestens, als man ihm die Arbeit an der Zeitschrift „Sinn und Form“ aus der Hand nahm. In seiner Desillusionierung war er Wolf Biermann voraus, der Huchel als väterlichen Freund betrachtete und sich von ihm die Ideale eines DDR-Sozialismus austreiben ließ.

Biermann wohnte von Zeit zu Zeit bei Huchel, spielte ihm Lieder auf der Gitarre vor, er wartete auf Huchels Urteil. „Huchel selbst hat Biermann nie Texte vorgelesen, Biermann fragte ihn nicht: Hast du auch was Neues?“, berichtete Monica. Biermann sah sich gern als Zentralgestirn, doch er hatte Empathie: 1968 veröffentlichte er sein berühmtes Gedicht „Ermutigung“ („Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit“), er widmete es dem observierten Freund Huchel.

Kontakt zu Monica Huchel knüpfte Lutz Seiler über einen befreundeten Germanistik-Professor. Frau Huchel wollte, dass die Villa in Wilhelmshorst nach der Wende als Literaturhaus genutzt wird. Sie fasste Vertrauen in Seiler, er gründete 1995 den Förderverein. Es fehlte an Geld fürs Haus.

Die Kulturstiftung der Deutschen Bank erbot sich. Ihre Beauftragte Brigitte Seebacher-Brandt, letzte Frau von Willy Brandt, kam vorbei. Sah sich um. „Gut“, sagte sie, „wir geben unseren Anteil – auch darum, weil wir ein Gegenstück zum Gedenken an den Autoren Friedrich Wolf brauchen!“

Friedrich Wolf hat in der Nähe gelebt, er ist der Vater von Markus Wolf, dem Chef des Stasi-Auslandsnachrichtendienstes, der den Spion Guillaume in Willy Brandts Büro geschleust hat und den Rücktritt des Kanzlers provozierte. So gesehen war die Förderung des Peter-Huchel-Hauses auch eine private Entscheidung. Um Willy Brandt zu rehabilitieren. Ab 1997 trug das Haus den Namen „Huchel“.

Ist der vormalige Hausherr gegenwärtig? Lutz Seiler arbeitet in dessen Kammer unterm Dach. Manchmal stößt er beim Schreiben auf Huchels Geist. Lutz Seiler lächelt: „Dann schicke ich ihn ins Nebenzimmer.“

Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller kommt ins Huchel-Haus

Lutz Seiler, Leiter des Huchel-Hauses, wurde am 8. Juni 1963 in Gera geboren. Den Ingeborg-Bachmann-Preis gewann er 2007, den Deutschen Buchpreis für den Roman „Kruso“ erhielt er 2014.

Herta Müller, die in Rumänien aufgewachsen ist und 1987 in die Bundesrepublik Deutschland ausreiste, erhielt 2009 den Nobelpreis für Literatur. Sie liest im Garten des Huchel-Hauses zu dessen 20. Geburtstag.

Gefeiert wird der 20. Geburtstag dieses besonderen Literaturhauses am Sonntag, dem 3. September, ab 14 Uhr im Peter-Huchel-Haus in Wilhelmshorst, Hubertusweg 41. Der Eintritt ist frei.

Der Lyriker Thomas Kunst kommt am 5. Oktober um 20 Uhr zur nächsten Lesung ins Peter-Huchel-Haus.

Von Lars Grote

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