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In Öl und Pastell verewigtes Dorf

Ausstellung im Fercher Museum der Havelländischen Malerkolonie In Öl und Pastell verewigtes Dorf

In Ferch (Potsdam-Mittelmark) kann man sich jetzt eine sehenswerte Ausstellung mit 30 Gemälden aus den Anfängen der Havelländischen Malerkolonie anschauen. Darunter sind wunderbare Werke von Karl Hagemeister, Carl Schuch, Carl Hessmert, Hans Otto Gehrcke oder Theodor Schinkel, die das Dorf am Schwielowsee auf ihren Landschaftsbildern verewigt haben.

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Carl Schuch: Häuser in Ferch, Ausschnitt, von 1881. Gemalt mit Öl auf Leinwand

Quelle: MAZ

Potsdam. Ganz versonnen sitzt ein kleines Mädchen im Gras. Auf der Wiese ein paar Gänse, die es zu hüten hat. Und hinten sieht man Bauernhäuser an der ausgefahrenen sandigen Dorfstraße, die eine Biegung macht. Dort, wo es heute Richtung Autobahn geht. 1870 hat Karl Hagemeister (1848–1933) diese „Ansicht aus Ferch“ gemalt. Sie ist die älteste überlieferte Darstellung dieses idyllisch gelegenen Dorfes in Potsdam-Mittelmark unter den 30 Gemälden in Öl oder Pastell, die nun dort in einer sehenswerten Ausstellung gezeigt werden. Sie widmet sich den Anfängen der Havelländischen Malerkolonie, der einzigen im Brandenburgischen, deren Zentrum Ferch war. „Hier wirkten und lebten bis zum Ende des Ersten Weltkrieges mehr als 160 Künstler“, erzählt Jelena Jamaikina, die die Schau anlässlich des 700. Jubiläums des Ortes in dem ehrenamtlich betriebenen Museum kuratiert hat.

Künstlerkolonien entstanden einst in ganz Europa: von St. Ives in England, Ascona in der Schweiz bis nach Abramzewo in Russland. Einer der ersten Maler, der um 1830 aufs Land zog, war Théodore Rousseau. Er ging nach Barbizon, etwa 40 Kilometer von Paris entfernt. Seinem Aufruf „Zurück zur Natur“ folgten viele. Barbizon wurde zur ersten Malerkolonie überhaupt. Es wurde unter freiem Himmel gearbeitet.

Karl Hagemeister entdeckte als erster Maler Ferch

Auch der in Werder (Havel) geborene Hagemeister war so ein „Freilichtmaler“. In aller Frühe zog er winters mit dem Schlitten samt Werderschem Obstkorb mit Malutensilien los. Sommers fuhr der Eigenbrötler mit dem Kahn bis ins Di­ckicht der Uferzonen. Er beobachtete, sog alles in sich auf. Dann legte er los. Er war der erste Maler, der Ferch für sich entdeckte.

Karl Hagemeisters „Bauernhaus bei Ferch“, 1885

Karl Hagemeisters „Bauernhaus bei Ferch“, 1885.

Quelle: MK

Sein „Sonnenaufgang im tiefen Winter“ ist 35 Jahre später entstanden. Da sieht man, wie er inzwischen mit Licht malte. Hell scheint es durch die Bäume. Und er reduzierte nun alles aufs Wesentliche, auf ein paar Striche. Er wollte die Naturstimmung erfassen. Auch beim „Bauernhaus bei Ferch“ von 1885 wird das deutlich. Es steht noch in der Kemnitzer Heide bei Ferch, seit Kurzem restauriert.

Eine Schau mit Fortsetzung

Nach Karl Hagemeister und Carl Schuch, die die Havelländische Malerkolonie begründeten, ließen sich um 1900 Künstler aller Coleur im Malerdorf Ferch (Potsdam-Mittelmark) nieder.

Auch Schüler aus der Landschaftsklasse von Professor Eugen Bracht, die bei ihm an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Berlin studiert haben, schufen hier Fercher Motive.

Die neue Ausstellung in Ferch wird ab 22. Juli fortgesetzt mit einer zweiten Schau „Ferch – ein Künstlerort“, in der die Bilder von Malern, die dort ab 1910 bis 1933 wirkten, zu sehen sein werden.

Die Schau „Ferch in der Malerei. Anfänge der Künstlerkolonie“, ist noch bis 16. Juli zu sehen: Museum der Havelländischen Malerkolonie, Beelitzer Straße 1, Schwielowsee, OT Ferch, Mi–So 11 bis 17 Uhr, 033209/2 10 25.

Hagemeisters Malweise hatte sich nach seinen Reisen zum Studium „Alter Meister“ geändert: „Ich erkannte, dass nicht die Tonigkeit die Hauptsache für die Bilder sei, sondern das Licht, das ewig wechselt.“ Als er mit wenig Geld in der Tasche am Hintersee in Berchtesgaden war, lernte er 1873 den Wiener Maler Carl Schuch (1846– 1903) kennen. Der elegante junge Mann sprach ihn an, was er da im Regen male. Beide hätten gegensätzlicher nicht sein können: der bäuerische Hagemeister und der vermögende Kosmopolit Schuch. 1874 fuhren sie gemeinsam nach Wien, Dresden, dann nach Brüssel, Amsterdam.

Vom Floß aus malte Carl Schuch ein Motiv am Schwielowsee

Hagemeister kehrte 1877 nach Ferch zurück, schuf in Einsamkeit und Stille Skizzen, Zeichnungen. Die schickte er Schuch, lud ihn ein. Im Spätfrühjahr 1878 kam dieser tatsächlich. Sie malten und wohnten gemeinsam. „Ich führte die Wirtschaft, kochte, kaufte ein, jagte und fischte fleißig, um den Tisch zu besorgen“, so Hagemeister. In diesem Fercher Jahr entstanden Werke von wunderbar ausgewogener Farbigkeit. Im Frühjahr und Sommer 1880 und 1881 waren die beiden, die die Havelländische Malerkolonie begründeten, noch mal in Ferch und Umgebung. Das Bild „Am Schwielowsee“ von 1881 könnte Schuch vom Floß aus gemalt haben, das Hagemeister ihm baute.

Carl Schuchs  „Häuser in Ferch“, Ausschnitt, 1881, Öl auf Leinwand, Morat-Institut für Kunst und Kunstgeschichte, Freiburg i

Carl Schuchs „Häuser in Ferch“, Ausschnitt, 1881, Öl auf Leinwand, Morat-Institut für Kunst und Kunstgeschichte, Freiburg i. Breisgau.

Quelle: Repro MK

Zwischen den Malerfreunden kam es 1884 in Paris zum Bruch. Hagemeister schrieb 1913, die Zeit mit Schuch sei seine glücklichste gewesen. Er öffnete sich dem Impressionismus, Schuch bezichtigte diesen der Oberflächlichkeit, schichtete die Farbe auf seinen Bildern, gilt als einer der besten Koloristen.

Hagemeister lebte bis 1892 in Ferch, mietete ein Haus. Er wollte die Natur zeigen, wie sie atmet, sich bewegt. So auf „Weißer Mohn“, um 1881. Man spürt förmlich, wie sich die Blüten im Wind wiegen vorm Schwielowsee. „Der weiße Mohn und das Schilf werden von ihm mit einer Intensität gezeigt, wie sie nirgends sonst in der Landschaftsmalerei des deutschen Impressionismus zu finden ist“, sagt Jamaikina.

Vier seiner Bilder sind Leihgaben eines Berliners. Er erbte sie von seinem Vater Wilhelm Weik, der in den 1920ern in Ferch ein Haus gebaut hatte, Galerist war und sie Hagemeister abkaufte. Um 1888 entstand „Baumblüte mit Bäuerin“. Darauf eine zierliche Frauengestalt und ein blühender Apfelbaum. Fast sieht man das Gras darunter wachsen. Die Apfelblüten sind gespachtelt, alles andere ist verwischt.

Um die Jahrhundertwende zog es auch andere zu dem schönen Fleckchen. Viele dieser neuen Künstlergeneration haben bei Eugen Bracht an der Königlichen Akademie der Bildenden Künste in Berlin studiert. Darunter Landschaftsmaler wie Gerhard Gisevius, Hans Hartig, Carl Kayser-Eichberg, Louis Lejeune, Max Uth. Ferch-Motive von ihnen hängen im zweiten Raum der Schau. So „Hinter den Häusern von Ferch“, 1901, von Hans Kloss (1879–1954). Vorn ein verwitterter Zaun, Sträucher im Spätherbst – eine melancholische Stimmung.

Carl Hessmerts Bild „Schneeschmelze“, um 1900, Öl auf Leinwand, Privatbesitz

Carl Hessmerts Bild „Schneeschmelze“, um 1900, Öl auf Leinwand, Privatbesitz.

Quelle: MK

Carl Hessmert (1869–1928) hielt um 1900 eine „Schneeschmelze“ fest. Er bildete Ferch von der See-Seite ab. Über die Hälfte des Werkes nimmt eine getaute Wasserfläche ein. Die Häuser des Dorfes sind bloß eine Gebäudemasse in Braun. Jamaikina: „Das ist da unten, wo heute die Bootsklause ist.“ Das Bild zeigt, was die französischen und deutschen Impressionisten unterscheidet. Letztere haben nie die Konturen aufgelöst, da flimmert es nicht.

Hans Otto Gehrckes Garten zu allen Jahreszeiten

Paul Vorgang (1860–1927) hat für „Rote Scheune, Ferch“ um 1900 einen unspektakulären Winkel des Dorfes gewählt. Sie ist in der flachen Umgebung samt Hühnern gemalt. Theodor Schinkel (1871–1919) verewigte 1911 „Die Dorfwiese“.

Oben im Museum gibt‘s Impressionen von Hans Otto Gehrckes (1896–1988) Garten zu allen Jahreszeiten. Sechs Jahrzehnte lebte er in Ferch, ganz naturverbunden und mit Schafen.

Von Angelika Stürmer

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