Menü
Märkische Allgemeine | Ihre Zeitung aus Brandenburg
Anmelden
Kultur In „Transit“ irrlichtern die Figuren durch Marseille
Nachrichten Kultur In „Transit“ irrlichtern die Figuren durch Marseille
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:18 21.02.2018
Franz Rogowski ist als Georg der gute Geist, der sich mit schlechtem Gewissen quält. Mit minimalem Ausdruck spielt Rogowski größtmögliche Verlorenheit. Quelle: Berlinale
Anzeige
Berlin

Die Sirenen klingen zu schrill, die Einsatzfahrzeuge kurven zu schnell um die Straßenecken, Blaulicht flackert wild: Eine seltsame Verunsicherung geht von diesem Film aus. Alles erscheint so unwahrscheinlich gegenwärtig. In welcher Zeit bewegen wir uns bloß in Christian Petzolds Kinoumsetzung von Anna Seghers Roman „Transit“, der nun bei der Berlinale im Wettbewerb Premiere hatte?

Georg (Franz Rogowski) zuckt jedes Mal zusammen, wenn er die Sirenen in seinem Rücken hört und sich in der Bar nervös zum Fenster umdreht, weil er die nächste Razzia befürchtet. Die niemals abklingende Angst eines Flüchtlings steckt ihm in den Knochen. So könnte, so muss das gewesen sein, damals, 1940, als von den Nazis Verfolgte in jedem Moment mit ihrer Verhaftung rechnen mussten. Aber so ist das immer noch bei Menschen, die sich heute vor Krieg und Verfolgung zu retten versuchen und denen die Abschiebung droht. In Petzolds Film begegnen sie sich.

Eine Geschichte deutscher Exilanten

1940 gehörte auch Anna Seghers zu den Flüchtlingen. Noch unter dem Eindruck des frisch Erlebten begann sie auf dem Schiff nach Mexiko, ihren Roman „Transit“ zu schreiben. Petzold hat dieses Meisterwerk der Exilliteratur nun ins Kino gebracht - und dabei eine radikale Entscheidung getroffen. Er löst die Figuren aus ihrem historischen Kontext. Er lässt sie gewissermaßen aus der einen Zeit in eine andere fallen. Er macht sie zu irrlichternden Gestalten, verloren zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Viele NS-Flüchtlinge schlugen sich nach dem Einmarsch der Deutschen in Nordfrankreich nach Marseille durch und versuchten, von dort auf ein Schiff nach Übersee zu kommen. Erst einmal aber mussten sie Visa, Transitbescheinigungen, Stempel organisieren, und dabei waren sie voll und ganz undurchsichtigen Entscheidungen ausgesetzt.

Mit wachsender Verzweiflung irrten sie zwischen Botschaften und Behörden hin und her. Sie schlugen die gleichzeitig endlose und doch gefährlich schnell ablaufende Zeit in Cafés bei Pizza Margherita und billigem Rosé tot. Sie warteten auf Schiffspassagen über jenes Meer, auf dem heute wieder Menschen in Schlauchbooten unterwegs sind. Das Warten darauf, dass sich die Hölle öffnet, ist womöglich schon die Hölle selbst, sagt Georg einmal.

Georg wird in eine neue Identität gedrängt

Petzold ist klug genug, die Parallelen zu unserer Gegenwart nicht überzustrapazieren. Die Vergleiche mit heutigen Menschenströmen treffen den Zuschauer in kurzen, beinahe schockartigen Momenten. Es ist am Publikum, Parallelen zu ziehen.

In diesem Film ist durchaus von Nazis, Lagern, Deportationen die Rede. Georg ist einem Konzentrationslager entkommen. Der Schrecken des Nationalsozialismus ist nah. Aber gleichzeitig bewegt er sich durch ein Marseille, das wie das heutige aussieht, weil es das heutige ist. In einer Szene erblicken wir Georg auf den Bildern einer Überwachungskamera.

Durch Zufall ist Georg in den Besitz eines mexikanischen Visums und auch des letzten Manuskripts des berühmten Schriftstellers Weidel gekommen. Weidel hat noch in Paris Selbstmord begangen - er wird nicht der Einzige in diesem Film bleiben. Ehe sich Georg noch recht versieht, wird er eher in Weidels Identität gedrängt, als dass er sie annimmt. Und dann trifft er ausgerechnet auf Marie (Paula Beer), Weidels Frau, die ihren Mann sucht und nun bei den Behörden immer wieder hört, dass Georg schon in der Stadt sei. Georg wagt es nicht, ihr zu sagen, dass er Weidels Platz eingenommen hat.

Europa als mörderisches Irrenhaus

„Transit“ ist eine Geschichte übers Ankommen und Abfahren, übers Verlassen und Verlassenwerden in einem mörderischen Irrenhaus namens Europa. Bürokratische Willkür entscheidet über Leben oder Sterben, damals war das so, und heute ist das vielfach immer noch so.

Georg fasst es so zusammen: „Ich darf nur bleiben, wenn ich nachweisen kann, dass ich nicht bleiben will.“ Das schmerzhafte Abschiednehmen gehört genauso zum Alltag wie das Hoffen auf eine Wiederbegegnung irgendwo auf sich überschneidenden Fluchtrouten. Ein Liebesfilm ist „Transit“ aber auch. Bloß ist gar nicht so recht klar, wer von diesen Gespenstern hier wen am meisten liebt.

Petzold gilt als Spezialist für Geister-Filme, in denen Menschen seltsam unbehaust durch die Welt ziehen („Innere Sicherheit“, „Yella“, „Phoenix“). Für diesen hier gilt das Prädikat ganz besonders. Zumal die gerade 23-jährige Paula Beer („Frantz“) in ihrer fragilen Erscheinung wie eine jüngere Wiedergängerin von Nina Hoss wirkt, Petzolds Lieblingsschauspielerin etwa im DDR-Drama „Barbara“, mit dem er 2012 den Regie-Bären der Berlinale gewann.

Mit minimalem Ausdruck spielt Rogowski größtmögliche Verlorenheit

Franz Rogowski ist als Georg der gute Geist, der sich mit schlechtem Gewissen quält. Mit minimalem Ausdruck spielt Rogowski größtmögliche Verlorenheit. In einem zweiten Wettbewerbsbeitrag mit dem Titel „In den Gängen“ werden wir dem Shootingstar des deutschen Kinos am Freitag noch einmal begegnen.

Bis zum Schluss verfolgt der Zuschauer diese zwischen Vergangenheit und Gegenwart irrlichternden Gestalten gebannt. Gut möglich, dass er bei der Bären-Vergabe am 24. Februar ganz vorn mitspielt.

Von Stefan Stosch/RND

Kultur Kritik zu "Zentralflughafen THF" - Vom Warten und Hoffen in den Hangars

Der ehemalige Flughafen Tempelhof in Berlin ist inzwischen zu einem Vergnügenshotspot und zu einer Touristenattraktion geworden. Auf der Berlinale ist mit "Zentralflughafen THF" nun ein Film zu sehen, der ein anderes Bild des Flughafens zeigt - als Flüchtlingsunterkunft. Er zeigt das trostlose und oft perspektivlose Leben der Geflüchteten in den Hangars.

21.02.2018

Sie gehören zur Berlinale wie der Rote Teppich. Exotische Dokumentationen, die wahrscheinlich nie im deutschen Fernsehen oder Kino zu sehen sein werden. "Minatomachi" ist so eine. In Schwarz-Weiß-Bildern wird ein liebesvolles Porträt eines Fischfangs-Dorfes gezeigt, doch ein fader Nachgeschmack bleibt zurück. 

21.02.2018
Kultur Berlinale: „Waldheims Walzer“ - Ein wichtiger Wutmacher

Der österreichische Dokumentarfilm widmet sich dem ehemaligen UN-Generalsekretär, seiner NS-Vergangenheit und dem Umgang der österreichischen Gesellschaft damit. Ein wichtiger Film, der zugleich Wut und Mut macht.

21.02.2018
Anzeige