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In dieser Windmühle zieht’s schön durch

Attraktion zum „Tag des offenen Denkmals“ In dieser Windmühle zieht’s schön durch

Einst ersann der Sachse Johann Traugott Leberecht Schubert aus Podemus bei Dresden seine Scheunenwindmühle, die zwischen 1864 und 1866 auf seinem Hof entstand. Bis 1957 leistete sie gute Dienste, dann verfiel sie. Das technische Denkmal, einmalig auf der Welt, hat seit 1992 im märkischen Saalow ein zweites Leben. Heute wird dort zu Führungen eingeladen.

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Drinnen vorm kleinen Windrad: Die Vereinsvorsitzende und Architektin Marianne Frey ist fasziniert von Schuberts alter Technik.

Quelle: Angelika Stürmer

Potsdam. Ganz frisch riecht’s noch nach Farbe. Schönstes Ocker – im Eingangsbereich der Scheunenwindmühle auf der Dorfaue in Saalow (Teltow-Fläming). Sie ist einmalig auf der Welt. Mitglieder des achtköpfigen rührigen Vereins, der sich um dieses technische Kleinod kümmert, haben vorletzte Woche extra den Pinsel geschwungen. Damit Sonntag am „Tag des offenen Denkmals“ bei den Führungen alles akkurat ist. Backen werden sie für die Besucher auch, Apfel- und Zwetschgenkuchen. Einen Mühlen-Film können sie sich ansehen. Und das neue Riesenfoto, 2,30 Meter breit, bestaunen. Vom Gehöft jenes Sachsen Johann Traugott Leberecht Schubert (1820-1889). Diesem Technik-Pfiffikus, der das Unikat ersann und errichtete.

„Wir sind nach Podemus bei Dresden gefahren“, erzählt Vereinsvorsitzende Marianne Frey, „und haben uns mit dem Fotoapparat an die Stelle gestellt, wo Schubert aus seiner Scheune kam und auf den Hof blickte.“ Ururenkel Armin Schubert lebt und arbeitet jetzt auf dem Gehöft, der hat’s als Zimmermann auch mit dem Holz. Wie sein findiger Vorfahr, ein drahtiger, hagerer Mann.

Dieser Schubert verdiente sein Geld mit der Zimmerei, führte auf seinem Dreiseithof auch eine kleine Landwirtschaft. Nebenbei verkaufte er Geerntetes von seiner Streuobstwiese. Baute ein wenig Getreide an, schrotete es in seiner Mühle. „Die zündende Idee hat er wohl auch wegen der Gegebenheiten auf seinem Hof gekriegt“, meint Marianne Frey. „Leicht abschüssiges Feld und in der Scheunendurchfahrt zog’s. Er hat dann die Mühle rangebaut.“ Ans Ende der Scheunendurchfahrt kam zunächst das kleine Windrad mit einem Durchmesser von 3,85 Metern. „Da war der Windkanal schon mal ganz passabel. Dann fiel ihm ein, das Gebäude 1866 noch mit einem größeren Windrad von 4,70 Metern Durchmesser auszustatten. An das schloss er einen Mahlgang an.“

Das Tor steht offen

Das Tor steht offen: Die Giebelseite von Saalows Scheunenwindmühle.

Quelle: Angelika Stürmer

Entstanden ist die Scheunenwindmühle, ein zweigeschossiger Fachwerkbau, zwischen 1864 und 1866. Öffnete Schubert draußen die Tore vor den Windrädern, gab’s Durchzug. Sie drehten sich. Frey erklärt: „Der Wind drückt von außen auf die Windradflügel und wird durch das Windradgehäuse quer durchs Gebäude geleitet.“ Schubert machte gegenüber Tür, Luke, Fenster auf, dann konnte er besser durchpfeifen. „Der Tüftler war seiner Zeit voraus. Er hat den Prototyp der hölzernen Windturbine erschaffen, 20 bis 30 Jahre vor der Erforschung des Windkanals und des Turbinenprinzips.“

Das Mühlenwunder war abbruchreif

Bis 1914 war das Mühlenwunder auf dem Schubertschen Hof in Podemus per Windradflügel in Betrieb. Als die Steckdosen aufkamen, leistete ein Elektromotor gute Dienste. Seit 1957 arbeitete die Mühle nicht mehr. 1974 war sie abbruchreif. Alles wurde von der Denkmalpflege fotografiert, dokumentiert, vorsichtig auseinandergebaut. Die hölzernen Teile lagerte man ein, zum Beispiel im Schloss Moritzburg und im Museum für Sächsische Volkskunst in Dresden. Wohl absichtlich an verschiedenen Stellen verteilt. Bevor Schalck-Golodkowskis KoKo das gute Stück möglicherweise an den Westen verscherbelt. Jedenfalls hat das Marianne Frey so gehört.

Lagerbalken der Windradwelle

Lagerbalken der Windradwelle: Hier hat sich Johann Traugott Leberecht Schubert verewigt und auch gleich noch die Jahreszahl eingeschnitzt.

Quelle: Angelika Stürmer

Nun steht Schuberts geniale Hinterlassenschaft im märkischen Rundlingsdorf Saalow. Einer Gegend, die Marianne Frey wegen ihres weiten Himmels so liebt. Die Mühle wurde hier ab Frühjahr 1991 wieder aufgebaut. Das hatten die Gemeindevertreter beschlossen. Die 61-jährige Architektin machte die Planungen für das Gebäude, dies musste neu errichtet werden. Der Jüterboger Mühlenexperte Bernd Maywald beriet. Rein kam Schuberts originale Technik. Bloß: Aufzeichnungen gab’s von ihm keine. Nur jene Zeichnungen, die beim Abbruch in Sachsen ’74 angefertigt worden waren. „Alle sehr genau, im Maßstab von 1:50. Aber: Es war keine einzige Zahl dabei.“ Kurzerhand wurden Schuberts alte Teile auf Freys Saalower Vierseithof, wo sie seit 1992 wohnt und mit Theo Boss ein Architekturbüro betreibt, aufgebaut. „Ich stellte meinen Zeichentisch daneben. Und hab’ die alten Zeichnungen nachträglich vermaßt.“

450 historische Gebäude und Parks zu besichtigen

Am „Tag des offenen Denkmals“, der am morgigen Sonntag diesmal unter dem Motto „Gemeinsam Denkmale erhalten“ steht, sind in ganz Deutschland mehr als 8000 historische und archäologische Stätten sowie Parks zu besichtigen. Nach Angaben der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ist das ein neuer Rekord von Angeboten. 2015 waren 7700 Denkmäler in rund 2500 Gemeinden zu sehen.

Im Land Brandenburg laden etwa 450 Baudenkmäler, Parks und archäologische Stätten zum Besuch ein. Zu den Attraktionen gehören das „Blaues Wunder“ genannte Gasometer in Bernau (Barnim) oder das Schloss Blankensee in Trebbin (Teltow-Fläming).

Die Villa Carlshagen (Potsdam) öffnet von 12 bis 16 Uhr erstmals nach der Sanierung für Besucher. Die IHK hatte das Haus unter Ex-Präsident Victor Stimming gekauft und will es nun loswerden.

In der Saalower Scheunenwindmühle auf der Dorfaue gibt’s am Sonntag von 14 bis 17 Uhr Führungen, Kaffee und selbstgebackenen Kuchen sowie einen Mühlen-Film im Bürgerhaus zu sehen, 03377/302260.

Weitere Informationen unter www.tag-des-offenen-denkmals.de

Seit Spätsommer ’92 hat die Scheunenwindmühle in Saalow ein zweites Leben. Man ist fasziniert von der Technik. Und wo ihr Erfinder sich nicht alles verewigt hat. In den Lagerbalken der Windradwelle ritzte er seine Initiale J. T. S. samt Jahreszahl 1866 ein. Auf dem Mahlboden ist die Kornkiste von 1867 mit einem Kornblumenmotiv verziert. Auf dem Kleiekasten steht 1860, und das Beutelwerk – eine einfache Siebanlage fürs Mahlgut, ist von 1871, wie man darauf erkennt.

Erfinder Schubert hatte auch ästhetisches Empfinden

Johann Traugott Leberecht Schubert hatte eben auch ästhetisches Empfinden. Wie man selbst an den Rundstäben der schützenden Zaunreihen vor den Windrädern sieht. Denen hat er dereinst kleine Zwiebeltürme draufgeschnitzt. „Die Deckenbalken pinselte er schön rot, bei den Windrädern war ein Flügel rot, der nächste grün“, sagt Marianne Frey. Am Mittelpfosten der Giebelwand klappt sie ein klitzekleines metallenes Türchen auf. „Da hat er das Lager der Windradwelle geschmiert.“ Drinnen gibt’s zwei hölzerne Ritzel, verbunden mit einer Kette – Teil der Bremsanlage. „Er konnte damit ein Windrad anhalten, wenn er fertig mit dem Schroten war, und in Ruhe vom Mahlboden runtergehen, um die Tore zuzumachen.“

Das alles wird am Sonntag vorgeführt. Hoffentlich weht Wind.

Von Angelika Stürmer

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