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Ist der Osten noch Dunkeldeutschland?

Interview Ist der Osten noch Dunkeldeutschland?

Seit sechzehn Jahren ist Thomas Krüger Präsident der Bundeszentrale, die in ihrem Lokaljournalisten-Programm seit langem schon die regionalen Medien fördert. Im MAZ-Interview spricht er darüber, welche Fehler Journalisten gemacht haben und wie sie damit umgehen sollten.

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Thomas Krüger

Quelle: MAz

Potsdam. Thomas Krüger (56), Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, spricht in Wien beim größten Journalisten-Kongress Europas als Festredner bei der Ehrung der besten Zeitungen Europas. Er studierte Theologie in der DDR, war nach der Revolution Jugend-Senator in Berlin und ab 1994 einige Jahre Abgeordneter im Bundestag.

Herr Krüger, Tausende gehen zu den Hass-Reden von Pegida, Zigtausende posten ihre Wut auf Facebook, schreiben verächtliche Briefe oder Online-Kommentare an Zeitungs-Redaktionen. Hat die politische Bildung versagt?

Versagt haben nur diejenigen, die keine politische Bildung machen wollten. Sie ernten jetzt die Quittung für eine jahrelange Ignoranz gegenüber der Tatsache, dass eine Gesellschaft eben nicht nur durch ein Ingenieur-Gen zusammengehalten wird.

Es kann nicht sein, dass in einem Bundesland wie Sachsen - laut einer Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung - das Fach politische Bildung in der Schule im Vergleich zu allen anderen Bundesländern am wenigsten stattfindet. Zum Glück haben die politisch Verantwortlichen das ja inzwischen auch erkannt.

Die Einsicht kommt spät, aber hoffentlich nicht zu spät. Jetzt heißt es vor allem in die schulische politische Bildung zu investieren.

Welches Menschenbild haben die Hass- und Wutprediger? Und warum wirkt es auf vielleicht zehn oder zwanzig Prozent der Bürger so anziehend?

Seit dem Zusammenbruch des „Ostblocks“ vor 25 Jahren wird immer offensichtlicher, dass die Zeit der Nation vorbei ist. Die Globalisierung wird immer dynamischer, gesellschaftliche Bereiche verzahnen sich immer enger, und Migration ist globaler Alltag. Menschen kommunizieren und handeln, ja, leben über Grenzen hinweg.

Und da gibt es natürlich auch nicht gerade wenige Menschen, die sich durch diese faktische Entgrenzung ihres Ankers beraubt sehen und sie entwickeln eine Sehnsucht nach Homogenität, Eindeutigkeit und Abgrenzung. Sie glauben tatsächlich daran, dass alles besser funktioniert, wenn Nationalitäten sauber voneinander getrennt leben.

Leider neigen sie auch zu Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, also zur Abwertung „anderer“ und vermeintlich geschlossener Personengruppen – aktuell sind hier vor allem die Geflüchteten das Ziel.

Sie sind in der DDR aufgewachsen: Ist der Osten nach Jahrzehnten der Diktatur anfälliger, alles und alle in einer Demokratie zu verachten?

Die Gründe für das starke Auftreten des Rechtsextremismus in den neuen Ländern, insbesondere in Sachsen, sind vielfältig. Ein Grund sind sicherlich die Überbleibsel der politischen Kultur der DDR - die „mentale Infrastruktur“ hinkt auch 25 Jahre nach der Wiedervereinigung in bestimmten Regionen der „baulichen Infrastruktur“ hinterher.

Zwar sind die meisten Straßen, Plätze und Häuser im besten Zustand, aber eben nicht die „Denk- und Aktionsformen“ vieler Menschen, die viele Jahrzehnte in einer Diktatur lebten.

Wir brauchen eine Großinvestition in genau diesen Bereich: in die Stärkung der Demokratie und damit in politische Bildung.

Heißt das: Wir brauchen einen Solidarpakt 3 – um die Demokratie zu stärken?

Ja, der von mir schon länger angeregte Solidarpakt 3 sollte die mentale Innenseite von großen Veränderungsprozessen deshalb mitdenken und entsprechende Anstrengungen – nicht zuletzt finanzieller Natur - beinhalten. Hinzu kommt noch, dass es in den letzten 25 Jahren eine massive Abwanderung aus den ländlichen Räumen gegeben hat. In Kleinstädten wie Anklam etwa verschwinden die kompletten Abiturjahrgänge innerhalb von vier bis sechs Wochen nach dem Schulabgang. Zurückbleiben vor allem bildungsbenachteiligte junge Männer, die von rechtsextremen Gruppen eingesammelt werden.

Gerade im Westen sagen viele: 25 Jahre Einheit müssten doch ausreichen, um die Diktatur aus den Köpfen zu vertreiben.

Diktatur-Aufarbeitung dauert lange, das ist ein Generationen-Projekt. So etwas braucht seine Zeit. Nehmen Sie mal die Zeit des Nationalsozialismus. Sie dauerte 12 Jahre. Der zeitliche Abstand zur DDR ist heute 26 Jahre, also wären wir, was die NS-Aufarbeitung angeht, heute gerade mal im Jahr 1971 angelangt, also: vor der TV-Serie „Holocaust“, dem Gedenkstättenboom, dem kritischen Nachfragen einer neuen Generation. Die DDR dauerte 40 Jahre, also fast zwei Generationen. Warum sollte die „Aufarbeitung“ und Bewältigung schneller gehen als bei der des Nationalsozialismus?

Ist der Osten also wirklich noch Dunkeldeutschland?

Nennen Sie es, wie Sie wollen. Ich sehe – wie der Bundespräsident - in ganz Deutschland und auch in Ostdeutschland eine engagierte und organisierte zivilgesellschaftliche Willkommenskultur, viele Ostdeutsche verurteilen die Fremdenfeindlichkeit und die Übergriffe aufs Schärfste. Aber gerade in den letzten Monaten, wo sich Menschen, die aus größter Not zu uns gekommen sind, gewalttätigen rechtsextremen Demonstranten aussetzen, gibt es eine Notwendigkeit, diese Schattenseiten klar und deutlich anzusprechen.

Haben Journalisten diese Schattenseiten nicht deutlich genug angesprochen. Kurzum: Haben die Medien, haben die Journalisten versagt?

Nein, ich bin Anhänger der These, dass der Journalismus heute nicht schlechter, die Leser aber sehr viel kritischer sind. Als publizistisches Rückgrat der demokratischen Öffentlichkeit bleiben Journalisten unersetzlich und natürliche Verbündete der politischen Bildung. Beiden geht es darum, Sachverhalte zu erklären, Kontroversen aufzuzeigen und letztendlich das demokratische Bewusstsein und die aktive Mitarbeit zu stärken.

Offenbar haben auch Journalisten einiges falsch gemacht. Umfragen deuten an: Das Vertrauen ist bei vielen Bürgern erschüttert. Haben Journalisten vielleicht wie Oberlehrer aufs Volk hinabgeschaut – was die Bürger eben nicht mögen?

Wenn Journalisten etwas falsch gemacht haben, dann höchstens zwei Dinge:

Erstens, dass sie sich zu spät in die Debatten im Netz, in den sozialen Medien eingeschaltet haben. Hier haben viele Journalisten die Möglichkeiten unterschätzt, sich frühzeitig Gehör zu verschaffen.

Und zweitens haben Sie ihr Licht unter den Scheffel gestellt. Guter Journalismus setzt sich schon durch, dachte man, dass dazu aber heute eine transparente Kommunikation gehört, haben viele noch nicht begriffen.

Journalisten wie der ehemalige FAZ-Redakteur Udo Ulfkotte schreiben: Medien manipulieren, lassen sich korrumpieren und von Amerika und der Nato einspannen. Stimmt unsere Politik-Berichterstattung nicht mehr?

Natürlich kann man manches kritisieren. Wenn zum Beispiel der Eindruck entsteht, im politischen Berlin würde eine Art „Hofberichterstattung“ stattfindet, und zum Beispiel Pressekonferenzen nur dazu genutzt werden, um O-Töne einzuholen, statt Dinge kritisch zu hinterfragen - dann werden Journalisten ihrer Rolle als „vierte Gewalt“ nicht mehr gerecht. Aber es gibt sie ja noch, die investigativen und meinungsstarken Formate und Reporter und die genannten Vorwürfe von Herrn Ulfkotte sind doch sehr verschwörungstheoretisch. Da macht es auch keinen Unterschied, dass er mal für die FAZ geschrieben hat.

Wenn Redaktionen Fehler öffentlich zugeben, laufen sie Gefahr, dass andere wie beispielsweise der Ministerpräsident Seehofer sagen: Seht Ihr, jetzt geben sie schon selber zu, dass sie Fehler machen! Wäre es da nicht besser zu schweigen und die Fehler auszusitzen?

Auf keinen Fall! Fehler müssen benannt und analysiert werden – auch öffentlich. Die Taktik, solche Dinge totzuschweigen, ist nicht mehr zeitgemäß und führt keinesfalls dazu, Vertrauen, das durch einen Fehler möglicherweise verloren gegangen ist, wieder zurückzugewinnen. Gerade in den lokalen und regionalen Tageszeitungen konnten wir aktuell feststellen, dass sich besonders die Lokalredaktionen herausgefordert sehen, sie aktiv auf ihre Leser zugehen – durch Bürgerdialog-Veranstaltungen und andere Events. Hinzu kommt eine neue Ombuds-Bewegung, die sich den Fragen und der Kritik der Leserschaft annimmt.

Wie gewinnen Journalisten das Vertrauen zurück? Müssen sie mehr erklären, wie sie arbeiten?

Dies ist ja bereits in vollem Gange. Redaktionen bekommen über die Sozialen Medien unmittelbare Rückmeldungen zu ihrer Berichterstattung. Journalisten die diesen Kommunikationsweg nicht als „Meckerecke“ abtun, sondern reagieren und sich auf die Diskussion einlassen. Der Dialog ist das A und O, um herauszufinden, was die Nutzerinnen und Nutzer eigentlich möchten. Für die wiederum ist es wichtig, dass sie ernst genommen werden und in den Journalisten seriöse Partner wissen.

Ist die Medienverdrossenheit ein Spiegel der Politikverdrossenheit?

Für bestimmte Personenkreise ist das sicherlich der Fall. Es ist ja kein Zufall, dass der Schlachtruf „Lügenpresse“ genau dort salonfähig ist, wo es Leute gibt, die – aus welchen Gründen auch immer – meinen, keine politische Stimme mehr zu haben und sich leider im demokratischen Parteienspektrum nicht mehr angemessen vertreten fühlen.

Redaktionen werden von ihren Lesern mit Verschwörungs-Theorien konfrontiert. Sollen sie darauf eingehen, wenn sie geballt in Briefen, Anrufen oder auf Facebook eintreffen?

Auch bei der Verbreitung von Verschwörungstheorien spielt das Internet eine große Rolle. Es hat dazu beigetragen, dass viele dieser Theorien überhaupt erst im Mainstream bekannt geworden sind, darunter auch solche, die einen rechtsextremen Hintergrund haben. Unser Anspruch als politische Bildner ist es ja, alle erreichen zu wollen und niemanden verloren zu geben.

Natürlich ist es schwer, Personen argumentativ zu begegnen, deren Weltbild nicht mehr auf der Grundlage des Common Sense basiert. Versuchen muss man es trotzdem. Gerade dann, wenn solche Theorien auf öffentlichen Plattformen wie Facebook gestreut werden. Denn hier erreichen die Gegenargumente ja nicht nur den Absender selbst.

Sozialpsychologen haben herausgefunden: Die Verschwörung, detailliert nacherzählt, bleibt im Kopf hängen, die Widerlegung dagegen verblasst schnell. Was bedeutet das für Journalisten? Und für die politische Bildung?

Das bedeutet, dass sowohl die Medien als auch wir in der politischen Bildung der „Kreativität“ der Verschwörungstheoretiker ebenso kreative Angebote entgegensetzen müssen.

Wie könnte solch eine Kreativität in einer Lokalredaktion aussehen?

Sie sollte das machen, wofür Journalismus eigentlich schon immer steht: Hintergründe investigativ und faktenbasiert aufdecken und erklären. Ich halte dies für eine der wirkungsvollsten Methoden, um emotional geführten Debatten, die häufig von Gerüchten, Vorurteilen und „gefühlten Wahrheiten“ bestimmt werden, den Druck zu nehmen und in geregeltere Bahnen zu lenken.

Sind denn die Hassprediger noch zum Dialog bereit? Die Landeszentrale für politische Bildung in Sachsen hat es versucht – offenbar ohne Erfolg.

Wenn wir zum Beispiel von den Anführern der Pegida-Bewegung sprechen, dann geht es um Personen, die seit Jahren in ihrem Weltbild gefestigt sind und sich mit Personen umgeben, die sie in diesem Weltbild bestätigen und bestärken. Es ist sehr schwer, solche Leute noch mit politischen Bildungsangeboten zu erreichen, da diese – ab einem gewissen Alter – ja immer auf freiwilliger Basis ablaufen.

Politische Bildung kann keinesfalls das alleinige Mittel sein, ein gesamtgesellschaftlicher Prozess muss angestoßen werden. Und hier sehe ich politische Bildung wiederum in der Pflicht ihren Beitrag zu leisten.

Sind also die Sympathisanten noch zu erreichen? Die Menschen, die den Hasspredigern Beifall zollen?

Am Auf- und Abschwung der Pegida-Veranstaltungen sieht man ja, dass dem so ist. Die zunehmende Radikalisierung der Forderungen hat nicht dazu geführt, dass die Demonstrationen mehr Zulauf bekommen – im Gegenteil. Ein für mich eindeutiges Zeichen, dass auch Personen noch erreichbar sind, die dem dort verbreiteten Gedankengut in Teilen zustimmen oder in der Bewegung zeitweise ein Ventil für ihre Sorgen gesehen haben.

Nirgends ist das Vertrauen der Leser so groß wie in ihren Lokalteil. Die Wut-Briefe, die in Redaktion eingehen, zeugen doch davon, dass die Menschen seit Jahrzehnten und immer noch die Zeitung lesen. Was würden Sie als Lokalchef tun?

Wie ich schon erwähnt habe: Das Fundament eines erfolgreichen Lokaljournalismus ist die Recherche. Aktueller Präzedenzfall ist natürlich die Suche nach Unterkünften für Geflüchtete. Verschiedene Lokalmedien haben hier großartige Arbeit geleistet, indem sie transparent aufgezeigt haben, wie viele Geflüchtete tatsächlich in die Region kommen, welcher Ort wie viele von ihnen aufnimmt, wie sie dort leben und woher sie kommen.

In der „drehscheibe“, unserem Magazin für gute Ideen und Konzepte im Lokaljournalismus, stellen wir genau solche gelungenen Beispiele vor und hoffen, dass sich andere Zeitungen an ihnen orientieren.

Gerade für die Lokalzeitungen gilt, dass sie nah an den Leserinnen und Lesern sein müssen. Sie sollten ihnen das Gefühl vermitteln, in der Presse ein Sprachrohr und eine Plattform für die vor Ort geführten Diskurse haben, gerade auch für jene, die besonders kontrovers geführt werden. Nicht umsonst unterstützt die bpb seit vielen Jahren die lokale Politikberichterstattung mit den verschiedenen Angeboten des Lokaljournalistenprogramms.

Erleben wir die Dämmerung der Demokratie? Wächst langsam wieder die Sehnsucht nach einem, der alles besser macht?

So schwarz sehe ich auf gar keinen Fall. Laut Kishon ist Demokratie ja das beste politische System, weil man es ungestraft beschimpfen kann. Ich bin überzeugt, dass sich dessen auch viele derer bewusst sind, die gerade ihre sogenannten Sorgen sehr lautstark äußern. Außerdem erlebe ich täglich zahllose engagierte Akteure, die daran mitarbeiten, die Demokratie lebendig zu halten.

Dieser Einsatz, das Wissen und der Einfallsreichtum dieser Menschen sind die Voraussetzungen dafür, dass auch jene, die an unserer Gesellschaft zweifeln, wieder auf die richtige Seite gezogen werden können. Deshalb müssen wir sie mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln unterstützen.

Auch die Rolle der Institutionen darf man nicht unterschätzen. Natürlich geben sie als „Teil des Systems“ ein dankbares Ziel für Kritik ab. Trotzdem ist es wichtig, dass Ministerien, Behörden, alle Teile der öffentlichen Hand ein klares Signal senden, indem sie Vielfalt und Demokratie vorleben. Nur so bleibt beides zukunftsfähig.

Von MAZonline

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