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18:18 22.08.2017
Nicht immer geht es bei den Schirrhof-Nächten um Shakespeare - hier werden Schillers „Räuber“ gespielt, sehr zeitgemäß. Quelle: Neues Globe Theater
Potsdam

Als die Hündin, die sonst nur auf Streicheln oder einen schönen Knochen reagiert, kurz aus der Haut gefahren ist und angefangen hat zu bellen, wusste Kai Frederic Schrickel: „Der Lear ist gut, jetzt zeigt sogar der Hund Gefühle!“

König Lear, das Drama von William Shakespeare, zählt zum Repertoire des Neuen Globe Theater, das vor zwei Jahren in Potsdam von Schrickel mitgegründet wurde. Lear ist auf der Bühne angegriffen worden, angeschrien, das gehört zur Inszenierung – prompt hat Schrickels Hündin aufbegehrt, als müsse sie einen Verbrecher stellen. Was nicht ganz falsch ist, weil der Lear bei Shakespeare in der Tat ein Drecksack ist.

Schrickels Hündin hat nicht zwingend einen Sinn für Klassiker, doch offenbar verfügt sie über jenen Sensor, wann es auf der Bühne zündet. Das Zünden ist, wenn man es sehr verknappt ausdrückt, die Währung des Neuen Globe Theater. Die freie Truppe ohne festes Haus kümmert sich vor allem um Shakespeare, sie sucht nach zeitgemäßen Übersetzungen, ohne aufs Versmaß zu verzichten. Kai Frederic Schrickel, 50 Jahre, weiß: „Shakespeare hat die Leute aller Schichten so gefesselt, weil er tief ins Leben blickte und farbig davon erzählt konnte.“

Mit diesem Vorsatz bespielt das Neue Globe Theater nun gute zehn Abende den Schirrhof im Potsdamer Kulturquartier an der Schiffbauergasse, Veranstalter ist das T-Werk. „Open-Air-Theater hat eine eigene Magie“, glaubt Schrickel. Die Magie besorgt der Sternenhimmel, ein Windhauch oder halt das Bellen einer Hündin. Auf dem Programm stehen „Othello“ und die „Komödie der Irrungen“ von Shakespeare sowie „Die Räuber“ von Friedrich Schiller und die Komödie „Indien“, geschrieben von Josef Hader und Alfred Dorfer.

Wenn Männer die Frauen spielen

Nein, nicht nur Naturgewalten oder Hunde sorgen für Zauber. Das Neue Globe Theater bedient sich der Mittel aus Shakespears Zeit, wenn es im „Othello“ alle Rollen von Männern spielen lässt. „Wenn ein Mann eine Frau spielt, kann er sich schwach machen und die Männer kritisieren.“ Schrickel nippt am Chai Latte, denkt nach und formuliert die Einsicht, die ihn selber überrascht: „Gerade die Zuschauerinnen sprechen uns für Männer, die Frauen spielen, das größte Lob aus.“

Noch ein Schluck vom Tee, dann spricht er eine Wahrheit aus, die ihm nicht ganz geheuer scheint: „Wenn Frauen in Männerrollen steigen, klappt das nicht so gut.“ Er sucht nach Gründen, doch findet sie nicht.

Die „Komödie der Irrungen“ immerhin wird über Kreuz gespielt, Frauen spielen Männer und Männer die Frauen. „Das ist keine alberne Travestie, sondern bietet Lustgewinn fürs Publikum“. Es gibt Lacher, vor allem aber einen scharfen, frisch polierten Blick auf altbekannte Charaktere.

Kai Frederic Schrickel glaubt, dass Klassiker auch heute auf die Bühne gehören, weil sie von den Ur-Themen sprechen. Davon, was im Leben glücklich macht und dass man dieses Glück auf keinen Fall verpassen soll.

Früher spielte er den Sportarzt in der RTL-„Stadtklinik“

Schrickel hat eine profunde Schauspielausbildung, er spielte von 1997 bis 2000 in der RTL-Serie „Stadtklinik“ den Sportarzt Dr. Wilke. Und nun den Shakespeare? Zu beidem steht er. „Die Zeit der Scham ist vorbei, Schauspieler können heute alles machen.“ Das sei früher anders gewesen. Horst Tappert zum Beispiel, der den Derrick spielte, galt damals als „Fernsehfuzzi“. So ein Dünkel sei passé.

Wenn Schrickel in Schauspielschulen unterrichtet, ist er irritiert, dass die Leute entdeckt werden und toll gefunden werden wollen. Das komme von den Casting-Shows im Fernsehen. „Früher wurde man an der Schauspielschule erstmal gebrochen und dann neu geschult.“

Er möchte das nicht werten, sieht aber, dass man für eine Serie wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ nur ein halbes Jahr Unterricht braucht, wenn man Talent mitbringt. Weil auch Schrickel die Unterhaltung liebt, haben sie für die Komödie „Indien“ einen Schlagersänger erfunden. Der singt „Ich war noch niemals in New York“ im Bademantel. Die Hündin ist zu diesem Auftritt bisher ruhig geblieben.

INFO Schirrhof-Nächte, Kulturquartier Schiffbauergasse Potsdam, 23. August bis 3. September. www.t-werk.de. Karten in der MAZ-Ticketeria unter 03 31 / 2 84 02 84.

Von Lars Grote

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