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Jenseits der Strafe

Interview mit Regisseur Hubertus Siegert Jenseits der Strafe

Drei Länder und je ein Fall von tödlicher Gewalt: Drei Männer, die getötet haben, und drei Familien, die jemanden verloren haben. Unvorstellbar, dass sich beide Seiten annähern. „Beyond Punishment“ von Hubertus Siegert – nominiert für den Deutschen Filmpreis – beobachtet das Unmögliche: Seinem Feind begegnen, in Gedanken, in Botschaften, im realen Leben.

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Regisseur Hubertus Siegert ist für den Deutschen Filmpreis nominiert.

Quelle: imago stock&people

Potsdam , .
In seinem neuen Dokumentarfilm „Beyond Punishment“ stellt Hubertus Siegert drei Menschen vor, die damit umgehen müssen, dass ihnen durch ein Verbrechen ein geliebter Mensch genommen wurde. Lisa und Leola in New York, Erik in Norwegen und Patrick in Deutschland wurden dabei jahrelang von dem Filmemacher beobachtet. Sie alle gehen anders mit dem Verlust um, suchen wahlweise die Konfrontation oder die Flucht vor dem Geschehenen.

MAZ: Herr Siegert, in Ihrem Film „Beyond Punishment“ beschäftigen Sie sich mit drei Gewaltverbrechen in drei Ländern und versuchen, eine Annäherung von Tätern und Hinterbliebenen zu initiieren. Was hat Sie auf diese Idee gebracht?

Hubertus Siegert: Ich habe Bücher des amerikanischen Psychologen Marshall Rosenberg und seinen Schülern gelesen, die sich mit gewaltfreier Kommunikation beschäftigen, mit Therapie auf Augenhöhe, mit Gewaltverarbeitung. Sowohl auf der Täter- als auch auf der Hinterbliebenen-Seite gibt es Fantasien über den jeweils anderen. Und gerade die sind besonders belastend, weil man sich in der Regel falsche Vorstellungen macht. Hier setzt das Konzept der Restorative Justice an ...

MAZ : Was bedeutet das?

Siegert: Das bedeutet in etwa „heilende Gerechtigkeit“ und meint, dass es hilfreich ist, mit dem anderen zu sprechen, zuzuhören, zu erfahren, was ihn zu der Tat getrieben hat, was er fühlt.

MAZ: Warum sollten sich Opfer bzw. Hinterbliebene das zumuten?

Siegert: Eine Gefängnisdirektorin in Kalifornien hat etwas sehr Interessantes gesagt: Sie hat Hinrichtungen begleitet und besonders schlimm sei für sie gewesen, dass die Angehörigen der Opfer nicht – wie erhofft – Erleichterung verspürt hätten. Das Gegenteil war der Fall: Sie alle standen vor einem Abgrund, der noch viel größer geworden ist. Die Racheforschung, die es in Amerika seit rund zehn Jahren gibt, hat dies auch bestätigt.

MAZ : Natürlich geht die Todesstrafe zu weit, aber irgendeine Form von Strafe muss doch sein, oder?

Siegert: Ja, natürlich. Aber was bringt Strafe? Vergeltung ist die wesentliche Funktion von Strafe und sie hat den höchsten Preis. Sie entlastet nicht, sondern schreibt die Gewalt fort. Je stärker das Strafbedürfnis, das aus dem tiefen Schmerz und der Verzweiflung entspringt, desto mehr Gewalt ist unbewältigt und desto gewalttätiger ist eine Gesellschaft. Selbst in den USA hat man inzwischen erkannt, dass eine Gefangenenrate, die sieben- oder zehnmal so hoch ist wie in Deutschland, nichts gebracht hat außer hohen Kosten.

MAZ: Überall gilt: Mord verjährt nicht. Das ist ein Dilemma für die Hinterbliebenen, was Sie anhand von Patrick von Braunmühl aufzeigen. Sein Vater Gero wurde 1986 von der RAF ermordet und bis heute ist niemand für die Tat verurteilt worden. Die Mitglieder der RAF schweigen.

Siegert: Ja, die Strafandrohung behindert die Aufklärung von Straftaten. Für Patrick von Braunmühl ist dieser Zustand sehr unbefriedigend. Er hat von der Politik keine Anteilnahme erfahren. Ihm sollte die Möglichkeit zugestanden werden, sich mit den RAF-Leuten zusammenzusetzen, ohne dass es für sie strafrechtliche Konsequenzen hätte. Aber es ist leider so, dass sich hier niemand für die Betroffenen interessiert, sondern alle denken nur an Strafe.

MAZ: Sie zeigen Ihren Film auch in Gefängnissen. Warum?

Siegert: Für Justizvollzugsbeschäftigte ist es interessant, die Opferseite zu sehen und zu hören und die Täter auch einmal anders wahrzunehmen als im Alltag hinter Gittern. Und auch bei den Tätern setzt etwas ein, sie schämen sich, sie fragen sich, wie es wäre, den Opfern zu begegnen.

MAZ: Was bedeutet Vergebung für Sie?

Siegert: Vergebung ist, glaube ich, ein Wort, das oft als Pendant zur Strafe gesehen wird. Entweder wird man bestraft oder es gibt die Vergebung. Ich finde, man sollte diese Welten sehr getrennt halten. Die Strafwelt hat ihre eigenen Gründe, über die man reden kann. Die Vergebung halte ich für eine enorme Überforderung zwischen den Konfliktparteien. z.B. Wenn man einen Streit mit seinem Nachbarn hat, kann man sich in der Regel wieder versöhnen, weil es nichts Bleibendes an Verletzungen gibt. Aber wenn jemand ermordet worden ist, bleibt die Wunde immer offen.

Von Claudia Palma

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