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Jo Fabians Suche nach dem Unbekannten

Theater Jo Fabians Suche nach dem Unbekannten

Der Nazi, der Jude und der Muslim. Der Heizer, der Bonze, der Pastor. In Jo Fabians Inszenierung „Terra in cognita“ am Staatstheater Cottbus müssen alle miteinander auskommen.

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Thomas Harms (im Vordergrund) in Jo Fabians Inszenierung Terra in cognita im Staatstheater Cottbus.

Quelle: Marlies Kross

Cottbus. Es wird viel getrommelt, aber auch gesungen in Jo Fabians jüngster Arbeit am Cottbuser Staatstheater. „Terra In Cognita“ hat er das Projekt benannt, dem es nicht so sehr um das Unbekannte auf der Landkarte geht. Die Beteiligten wurden am Beginn der Produktion aufgefordert, nach dem Unbekannten in sich selbst zu suchen, und zur Premiere wurde dieser Auftrag an die Zuschauer weitergereicht. Macht was draus!

Choreografisches Bildtheater

Das Vorhaben erscheint anmaßend: In drei Bildern, einer Art Bühnentriptychon, nicht weniger als die komplette Entwicklungsgeschichte der Menschheit zu erzählen. Herausgekommen ist immerhin ein ungewöhnlicher Abend, der mit vielerlei Mitteln spielt, mit Videos arbeitet, immer wieder Textpassagen einstreut, den Aktionen der Beteiligten vor allem im Mittelteil viel Raum gibt. „Choreografisches Bildtheater“ hat Fabian das Ganze benannt.

Am Beginn eine Art Galeerensituation. Wir sehen zehn Ruder, die in den roten Raum ragen, ein Trommler gibt drängend den Rhythmus vor. Dann aus dem dunklen Untergrund erst leiser, dann immer weiter anschwellender Chorgesang. Man sieht Schemen von Menschen, die wieder im Dunkel verschwinden.

Joseph Beuys zur Lage der Nation

Nach 15 Spiel-Minuten eine erste Pause, in der es, so eine Stimme aus dem Off, einen Kommentar von Joseph Beuys zur Lage der Nation gebe. Man hört, mal geflüstert, mal geseufzt, sein „Ja, ja, ja, nee, nee, nee“. Wie die Inszenierung überhaupt spielerisch vielerlei von dem einflicht, was die Kunstgeschichte in alter wie neuer Zeit hervorgebracht hat, von Michelangelos David-Figur bis zu den anrührenden Lied-Passagen aus den Marthaler-Inszenierungen und Ruben Östlunds preisgekröntem „The Square“-Film.

Video, Schauspiel und Tanz

Jo Fabian , Jahrgang 1960, ist seit Beginn dieser Spielzeit Schauspieldirektor am Staatstheater in Cottbus.

In mehr als 70 Inszenierungen , zuletzt in Mühlheim an der Ruhr, hat er ein eigenes Theaterkonzept entwickelt. Fabian knüpft dabei an die französische Avantgarde der 20er Jahre an und greift auf Elemente des Surrealismus zurück.

In seinen Aufführungen nutzt Fabian Ausdrucksformen unterschiedlicher Genres, vom Schauspiel über Tanz, Performance, Video und Konzert bis zu Installationen.

Nächste Aufführungen: 29. März, 20. April, 3. Mai. Staatstheater Cottbus, Schillerplatz. Karten unter Tel. 0355/7824 24 24.

Am Beginn des zweiten Teils eine bühnenfüllende Video-Animation mit Spielszenen aus 2000 Jahren Geschichte: da steht das römische Reiterheer neben einer Kreuzigungsszene, eine mittelalterliche Gerichtsszene neben roten Fahnen, der französische Maler-Impressionist samt Modell neben vier Ausdruckstänzerinnen. Auch der Trommler ist wieder dabei, hinter seinem Instrument taucht für Momente ein Mini-Nazi auf.

Im Schlafsaal müssen alle miteinander auskommen

Der Hauptteil spielt in einem Schlafsaal. Hier müssen sie nun alle miteinander auskommen: Der Nazi, der Jude und der Muslim. Der Heizer, der Bonze, der Pastor. Die Reisende, die Blinde und der Beamte. Über allem die Frage: Was bleibt von radikalen Ideologien, wenn das Miteinander unausweichlich ist?

Es scheint wie auf einem Wimmelbild, und es ist faszinierend zu sehen, wie die drei Schauspielerinnen und neun Schauspieler eine Vielzahl kleiner und kleinster Geschichten erzählten. Das ganze mal Archaisch-Animalisch, dann wieder sehr fein gesetzt. Es gibt eine Sintflut und den Tanz auf dem Vulkan, aber auch vielerlei Versatzstücke aus Geschichte und Alltag. Und immer wieder wechselnde Rollen. Da legt der Nazioffizier irgendwann seine Kleider ab, um in den Rock der 1900-Frau zu schlüpfen und so zu einer Art japanischem Kämpfer zu werden. Da gibt es den schlüpfrigen Priester und den Offizier, der den Juden nicht ohne gelben Stern gehen lässt.

Und dann plötzlich der Koffer

Da geht es aber für Momente auch um die Mühen einer Flüchtlingsfrau mit den deutschen Behörden, genauso wie um die Nöte der Hiesigen, sich in der alltäglichen Fülle der Angebote nicht mehr entscheiden zu können, aber auch um den Druck der Miethaie auf das öffentliche Leben.

Schließlich in all dem Hin und Her, Auf und Ab eine Durchsage: „Werte Fluggäste, es wurde ein herrenloser Koffer gefunden. Bitte begeben sie sich …“ Und bloß keine Panik. Es ist eben jenes Gepäckstück, das die Dame in Schwarz irgendwann nicht mit auf das überfüllte Boot nehmen durfte. Detonation.

Im dritten Teil ein großes Trommelhappening, mit furioser Steigerung. Auch die Schauspielerinnen und Schauspieler werden dabei an der Seite des großartigen Lars Neugenauer zu Schlagwerkern. Über allem noch einmal, wie schon oft zuvor, eingesprochene Textpassagen, mit Aufforderungen wie „Wir müssen wieder zu leben lernen“, „Nieder mit Hass und Unterdrückung“, „Mehr Menschlichkeit“. Was normalerweise plakativ klingen könnte, fügt sich hier in einen Abend, der letztlich durch seine Klang- wie Bildgewalt zu bemerkenswerter Wirkung findet.

Von Frank Starke

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