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Kultur Johannes Grützke zeigt Aktmalerei in Potsdam
Nachrichten Kultur Johannes Grützke zeigt Aktmalerei in Potsdam
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18:29 23.03.2016
Johannes Grützke in der Villa Schöningen inmitten seiner Aktgemälde – das Potsdamer Haus zeigt einen Querschnitt von seinen Werken ab 1970. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

Johannes Grützke hatte seine Nacktmodelle früher über Inserate in den Zeitungen gesucht, „das war nicht einfach, denn die standen zwischen Handlesern und Mitfahrangeboten.“ Grützke schrieb: „Dame zwischen 40 und 50 gesucht, die zur Vervollkommnung ihrer Gestalt mehrmals geboren haben sollte.“ Er wollte Frauen, die Kinder in die Welt gesetzt haben, weil das ihren Körper interessanter macht. Eine Frau aus der Nacktbar hat sich gemeldet, „sie hatte einen Buckel, denn sie war gelernte Schneiderin.“

Der Anfang war schwierig. Natürlich gab es auch Befangenheit bei Grützke, wenn er Frauen suchte, die er unbekleidet malen konnte. Schließlich hat eine Freundin bei der Arbeitsvermittlung an der Berliner Universität nach einer jungen Dame für ihn gesucht – sie hat eine gefunden. „Ich hatte eine drahtige Studentin erwartet, doch es kam eine, die war kurz und knuffig. Sie hatte Volumen. Das war in Ordnung, ich mische mich nicht in die Schöpfung ein.“

Aktgemälde von Johannes Grützke. Quelle: Bernd Gartenschläger

Ein zugewandter Mann, der sein Lächeln zum Lachen steigern kann

Johannes Grützke ist ein zugewandter Mann, er lächelt und kann dieses Lächeln noch zu einem Lachen steigern. Er sitzt in der Potsdamer Villa Schöningen, dem gut sanierten Ausstellungshaus an der Glienicker Brücke, schnell schafft er Nähe, ohne kumpelhaft zu werden. Grützke trägt eine weiße Hose und weiße Schuhe, ein dunkelblaues Sakko und weißes Halstuch mit roten Sternen. Im Haus zeigt er seine Aktbilder, stets sind es Frauen, obwohl auch er als Selbstporträt in jedem Raum einmal zu sehen ist – wie ein roter Faden, den man als kleinen Witz auslegen kann, zieht sich das Ritual durchs Haus. Mal ist sein Kopf zu sehen, mal auch sein nackter Bauch.

„Angezogene Männer verkaufen sich besser als nackte Frauen“, sagt seine Galeristin. Grützke lacht, wenn er den Satz zitiert. Die Einsicht ändert nichts daran, dass er „gut leben kann“ von seiner Kunst, Johannes Grützke ist einer der großen deutschen Nachkriegsmaler. Wie zum Trotz hängen in Potsdam nun ausschließlich ausgezogene Frauen an den Wänden. Oft in Öl, auch in Pastell.

Es sind Bilder aus der Zeit seit 1970, die Bilder von damals haben etwas „Monumentales“, wie Grützke es nennt, die nackten Körper standen immer auch für eine große Überschrift, im Zweifel war es die Befreiung der Frau. Eigentlich, sagt er, male er nackte Körper nur aus Lust an der Oberfläche, „es ist die reine Malerei, sie erfüllt keinen Zweck, außer den der Freude.“ Er geht an die Arbeit, um überrascht zu werden. „Ich male nicht, was ich weiß, sondern male, um etwas zu erfahren.“

Ironie, Satire, nackte Haut

Johannes Grützke wurde am 30. September 1937 in Berlin geboren, er ist Mitbegründer und bekanntester Maler der „Schule der neuen Prächtigkeit“, die sich einem satirischen, mit Ironie gewürzten Realismus verschrieb.

Die Motive von Grützke, der in West-Deutschland groß wurde, vermeiden die Abstraktion, sie sind konkret, und nur ein Teil seines Werkes zielt auf die Aktmalerei – in der Potsdamer Villa Schöningen sind nun eben diese Gemälde in Öl und Pastell aus dem Bereich des Aktes zu sehen.

Villa Schöningen, Berliner Straße 86, Potsdam. Do bis So 10-18 Uhr. Eröffnung an diesem Fr. Bis 19. Juni.

Oft sind kurvige Frauen zu sehen, nie aufreizend in Pose gesetzt, auch wenn die nackte Scham zu sehen ist. Mitunter wirken die Motive beiläufig, dann wieder im Detail durchdacht und arrangiert. Die sexuelle Aura ist ein Teil der Werke, doch nie steht sie im Vordergrund. Johannes Grützke unterstreicht: „Ich bezahle die Modelle, es soll keine zu große Nähe entstehen.“ Trotzdem hatte er Frauen, die immer wieder kamen, weil er es so wollte, oder weil sie es so wollten. Es gab eine Magersüchtige, „deren Lebensinhalt sind wohl diese Bilder gewesen.“ Er zeigt sie, es sind Ölbilder aus den 80ern, viel Knochen, wenig Haut, so unsentimental und sehnig gemalt wie seinerzeit von Egon Schiele. Daneben die üppigen Damen, einige hat er nur von hinten gezeigt – „wenn man die großen Brüste sähe, wäre das zu starke Konkurrenz für mich als Maler. Niemand interessiert sich mehr für meinen Bildaufbau“, Johannes Grützke lacht.

Er schwärmt von einer Frau, die Apfelsinenhaut hatte, „sie wollte das übertünchen, doch ich fand das grandios zu malen.“ Gebräunte Haut mag er generell nicht, „man sieht auf dieser Haut keine Details.“ Schwärmen kann Grützke aber vom „Hüftwulst“, diese Körperpartie malt er mit Leidenschaft. Sie zeigt sich, wenn die Frau sich beugt, „der Bauch fließt, eine Hohlform um die Hüfte ist zu sehen.“ Glanz in seinen Augen.

Alle Bilder malt Grützke an einem Tag fertig, „es ist anstrengend für die Modelle, ich habe Mitleid.“ Man kann schon deshalb nicht am nächsten Tag die Arbeit fortsetzen, „weil der Körper dann bereits ganz anders aussieht.“ Der Maler hält sich an den Augenblick. Der Mensch ist flüchtig. Nur die Bilder haben langen Atem.

Von Lars Grote

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