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Kultur John Lennon: Chef von eigenen Gnaden
Nachrichten Kultur John Lennon: Chef von eigenen Gnaden
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00:38 11.10.2015
John Lennon 1966 – gerade war „Nowhere Man“ erschienen. Quelle: DPA
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Potsdam

Wenn John Lennon noch am Leben wäre, ginge dieser Glückwunsch unter Umständen in eine andere, nicht so sorgenfreie Richtung – denn vielleicht hätte sich Lennons Lust am Streit nochmal gesteigert, hin zu einer Form von Querulantentum. Gerade Männer mit den übergroßen Egos werden ja in späten Jahren schwierig.

In diesem Falle müsste man womöglich schreiben: An diesem Freitag wird er 75 Jahre alt, doch warum sah man ihn nun schon zum dritten Mal beim Abendessen in New York mit Miley Cyrus, diesem Sternchen, dieser Stripperin, dieser sturzbetrunkenen süßen Sensation? Okay, Frauengeschichten, seine Sache… Aber musikalisch kam auch nicht mehr viel, in seinen elektronischen Versuchen hört man eher den Brei heraus als einen Song. Und dann diese Idee, mit Britney Spears im Bett zu liegen, vor dem UN-Gebäude, damit die USA aus dem Irak verschwinden. Meine Güte.

So abwegig wäre das nicht, auch wenn es schwer nach Albtraum klingt. Doch Lennon lebt nicht mehr. Er wurde 1980 erschossen, von einem geistig verwirrten Fan. Darum möchte man den Text mit einem knappen Satz beginnen: „Er war einer der Größten.“ Weil man das gerne schreibt bei Männern, die Talent haben, und ihre Klappe aufreißen, im Dienste ihrer überreichen Fähigkeiten. Lennon konnte sich blendend verkaufen und hatte das Glück, bei den Beatles neben McCartney zu stehen, einem ehrgeizigen, netten, begabten Jungen – ein guter Kontrast zu Gunsten von Lennon, diesem lässigen Genie, das großspurig und intellektuell auftrat. Neben Paul McCartney kann man mit der Pose des kühlen Denkers bestens punkten. Hier McCartney, der Frauenliebling mit den Bambi-Augen, dort Lennon, der Mann für die Höhenluft, der Politiker und Popstar, der den Rock’n’Roll auf neue, wegweisende Gleise setzte. Dieses Klischee hält sich, auch wenn es ungerecht und widerlegt ist.

Lennons bester Beatles-Song war vielleicht einer (trotz „A Day In The Life“, „Strawberry Fields Forever“ oder „All You Need Is Love“), der nie als Klassiker den Durchbruch schaffte: „Happiness Is A Warm Gun“, erschienen 1968 auf der Platte „The Beatles“ – landläufig „The White Album“ genannt, das weiße Album. Es ist ein Stück, das davon spricht, wie schön sich eine Flinte anfühlt, die noch warm vom letzten Schuss ist. Die Melodie hört phasenweise auf einen 3/4-Takt, während das Schlagzeug den Vierertakt hält. Das Ambitionierte blitzt auf, das Provokante, auch das Lyrische – aus diesem Dreiklang hat sich Lennons Ruhm gespeist.

Eben der Dreiklang plus der frühe Verlust seiner Mutter (Lennon war knapp 18, als sie bei einem Verkehrsunfall starb) haben ihn zu Härte, Reife und brüchigem Selbstbewusstsein geführt, letztlich kulminierten sie im Meisterwerk „Imagine“, dem Höhepunkt seiner Solokarriere. Es ist ein Wunder: Je öfter man den Song hört, desto schöner wird er. Gibt es etwas Vergleichbares in der Geschichte der Lagerfeuermusik? „Yesterday“ ist herrlich, doch hat eine Verfallszeit, die schnurgerade in Penetranz mündet, weil die Melancholie zu offensiv gepredigt wird. Bleibt „Let It Be“, auch das ein Stück von Paul McCartney. Immer wieder hat man Hunger auf das Lied, schon die Orgel weckt den Appetit. Es lebt auf Augenhöhe mit „Imagine“ von John Lennon.

McCartney brauchte Lennon als Konkurrenten in der Band, um „Let It Be“ zu schreiben. Lennon aber konnte „Imagine“ erst komponieren, als er McCartney nach der Trennung der Beatles nicht mehr an seiner Seite hatte. McCartney also war der Teamplayer, der freilich das letzte gemeinsame Album „Let It Be“ (1970) fast im Alleingang arrangierte. Lennon war der Solitär und Einzelgänger, der auch ohne die Beatles Überragendes geleistet hat („Working Class Hero“!). McCartneys Qualität war nach der Trennung indes überschaubar: The Wings, seine Folgeband, war sehr in den 70er Jahren zu Hause, heutzutage sind die Songs kaum mehr vermittelbar.

Hinter allen Beatles-Songs von John und Paul steht „Lennon/McCartney“ als Urhebervermerk. Das war eine Abmachung aus frühen Tagen, auch wenn es lupenreine Werke von dem einen oder anderen gewesen sind. Die Namensnennung hielt sich in der Reihenfolge schlicht ans Alphabet. McCartney hat nach Lennons Tod den eigenen Namen nach vorne geholt. Das gab einen Aufschrei und zeigte, wie sehr er unter diesem Lennon litt, der immer als Chef auftrat, auch wenn McCartney die Arbeit geleistet hat.

Vielleicht hätte auch sein Publikum unter dem alten Lennon gelitten, wenn er noch leben würde. Doch er hat aus seinen Brüchen eine derart fabelhafte Energie gezogen, dass halt der Satz gilt: „Vielleicht war er doch der Größte.“ Darüber lässt sich streiten. Streiten, das wäre in Lennons Sinne gewesen.

Von Lars Grote

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