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Jüterboger Tagung zeigt einen neuen Tetzel

Geschichte Brandenburgs Jüterboger Tagung zeigt einen neuen Tetzel

Der Dominikanermönch Johann Tetzel war ein fanatischer Übeltäter, der schließlich Martin Luthers Reformation auslöste. Das steht für die meisten fest. Wissenschaftler haben jetzt in Jüterbog die Daten noch einmal kritisch gesichtet und kommen zu überraschenden Ergebnissen: So absurd war der Ablasshandel gar nicht – und oft hatte er vor Ort sogar gute Folgen.

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Johann Tetzel auf einer der vielen Darstellungen nach seinem Tod.

Quelle: Mary Evans Picture Library

Jüterbog. Wie stünde der „bad guy“ der Reformation, der Theologe und Dominikanermönch Johann Tetzel, erst da, wenn Martin Luther ihn heute bekämpfen und den Ablassprediger mit der ganzen Wucht moderner Social Media überziehen würde? Nicht schlimmer! Die Parteigänger der Reformation verstanden sich nämlich ebenfalls prächtig auf die ihnen damals zur Verfügung stehenden neuen Kommunikationsmittel.

Shitstorm anno 1522

Tetzel, um 1517 als Prediger auch in Jüterbog nachweisbar, hat es womöglich mit seinen Parolen tatsächlich übertrieben, bis Luther endlich der Kragen platzte und er im selben Jahr seine 95 Thesen an die Schlosskirche zu Wittenberg schlug, wie die Überlieferung sagt. Hartmut Kühne, einer der Initiatoren der großen Jüterboger Tetzeltagung anlässlich der Lutherdekade, ließ während seines Vortrags aber einschlägige Dokumente auf die Leinwand projizieren und zeigte, was Tetzels Gegner daraus machten. Flugblätter, die Tetzel als von Fliegen umschwärmten Krämer darstellen, könnte man einen Shitstorm anno 1522 nennen. Zum ersten Reformationsjubiläum um 1617 zog dann der Gymnasiallehrer Heinrich Hirtzvigh bei einem der damals so beliebten Freilichtspektakel Tetzel durch den Kakao. Sein Martin-Lutherstück mit ganzen 107 Personen: ein früher Blockbuster mit massenkompatibler Botschaft.

Luther und Tetzel

Die Datenlage über Johann Tetzel ist sehr spärlich. Ohne Martin Luthers direkte Angriffe wäre er wohl vergessen.

1460 wurde Tetzel geboren. Als Geburtsort werden Pirna oder Leipzig angegeben. 1482 nahm er ein Theologiestudium auf, 1489 trat er ins Dominikanerkloster St. Pauli in Leipzig ein. Seine Tätigkeit als Ablassprediger begann 1504 in Sachsen.

Jüterbog spielt in der dritten Ablasskampagne Tetzels zugunsten des Neubaus der Peterskirche in Rom eine Rolle. Tetzels Auftreten ab 1516 als Subkommissar für den Bau der größten Kirche der Christenheit auf Kosten des Volkes soll den Thesenanschlag Luthers bewirkt haben.

Der Ablasshandel ist geprägt von der Vorstellung einer prassenden Papstkirche, die sich vom Volk finanzieren lässt. Ein differenzierteres Bild will eine Ausstellung vom 8. September bis 26. November 2017 in Jüterbog liefern.

Als ein „Medienkonstrukt“ bezeichnet Kühne folgerichtig den uns bekannten Johann Tetzel. Mit seinem Vortrag gab der Kirchenhistoriker Kühne in der Jüterboger Nikolaikirche dem zweitägigen Treffen mit Referenten aus ganz Deutschland und einem Gast aus Tschechien einen glänzenden Abschluss. Wenn es wirklich etwas Grundsätzliches an der Tagung „Tetzel, Ablass, Fegefeuer“ zu bekritteln gab, dann den Umstand, dass Kühnes Vortrag an deren Ende stand.

Der wahre Tetzel in seiner Zeit

Die insgesamt zehn Referate sollten den wahren Tetzel in seiner Zeit sichtbar werden lassen und differenzieren, wie es ein prominenter Gast, Außenminister Frank-Walter Steinmeier, in seinem Grußwort ausdrückte. Dass unsere Sicht auf Tetzel, dessen angebliche Ablasskiste heute noch mahnend in der Jüterboger Nikolaikirche steht, auch von früher Propaganda bestimmt ist, hätte man eigentlich zu Beginn der Auseinandersetzung zeigen können.

Ein „good guy“ wird zwar auch nach neuester Forschungslage aus Tetzel nicht mehr, aber als Abgesandter des Antichristen und als den von Fliegen umschwärmten Ablasskrämer der Flugblättern dürfen wir ihn auch nicht sehen. Tetzel war einer von vielen Ablasspredigern, ein begabter und gelehrter obendrein. Und der mit ihm verbundene Ausspruch, die Seele springe durch das Klingeln des Geldstücks in der Kiste freudig in den Himmel, war in Wahrheit schon 50 Jahre vor 1517 bekannt. Vor allem war diese Vorstellung im Sinne der spätmittelalterlichen Theologie so absurd gar nicht.

Der Freikauf der Seele hatte Methode

Die Kunsthistorikerin Susanne Wegmann lenkt den Blick auf den Cranach-Altar in der Jüterboger Nikolaikirche. Dort schmoren nackte Seelen im Fegefeuer. Wegmann hält das Bild für etwas Besonderes, denn die Flammen des Fegefeuers schlagen ungewöhnlich hoch. Doch die Seelen selbst seien in Andacht versunken. Das zeige ihre „Gewissheit, dass ihre Pein enden wird“, so Wegmann.

Das Jüterboger Motiv ist nicht einzigartig. Fegefeuerdarstellungen finden sich im ganzen Spätmittelalter. Der Kirchenlehrer Thomas von Aquin hatte schon früh die Theorie dazu geliefert. Die Funktion, ja selbst der Ort des Fegefeuers war den spätmittelalterlichen Menschen etwas so Selbstverständliches, dass die Bilder als Illustration tatsächlichen Geschehens verstanden werden können. Selbst Luther, so Wegmann, habe zunächst an das Fegefeuer geglaubt. Erst 1530 sprach er von den „verfluchten Lügen vom Fegefeuer“. Die Idee, die Zeit im Fegefeuer durch die Buße eines Ablasses zu verkürzen, war so abwegig nicht. Dann liegt auch der Gedanke nahe, Ablasskommissare in die Lande zu schicken, um entsprechende Gelder einzusammeln. Tetzel war einer unter vielen.

Handeln mit dem Gnadenschaft

Die Funktion der Ablasskommissare legte in Jüterbog Christiane Schuchard dar. Kommissare waren vom Papst mit außerordentlichen Hoheitsrechten ausgestattete Personen. Ihre Funktion war zeitlich beschränkt. Der Papst, so das theologische Verständnis, konnte aus dem „Gnadenschatz“ der Kirche Ablass erteilen, weil die guten Taten der Heiligen mehr zählten als alle Sünden der Lebenden zusammen. Umgekehrt konnten die Sünder Buße durch gute Werk tun, also auch durch Geldspenden. Der Ablass war eine „Versicherung“ auf das Jenseits, die „Beichtbriefe“ so etwas wie eine „Quittung“ für die Zahlung, wie Schuchard sich gegenüber der MAZ ausdrückte.

Die Ablasskommissare nahmen ihre päpstliche Pflicht ja durchaus ernst. Nicht selten hatten sie zunächst auch Erfolg wie Petr Hrachovec von der Tschechichen Akademie der Wissenschaft in Prag darstellt. Denn der sogenannte Livlandablass, von Tetzel in der Oberlausitz verbreitet, war beim Volk sehr beliebt. Aus dem Publikum heraus ergänzt die Mitarbeiterin der Katholischen Nachrichtenagentur, Christiane Laudage, die gerade an einem Buch über Ablass arbeitet, dass sich dieser Handel damals zur gewaltigen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme mauserte. Alle Helfer vor Ort, vom Glockenläuter bis zum Träger, mussten entlohnt werden. Besonders für die Drucker waren die Beichtbriefe ein Bombengeschäft. Insofern hatte der Ablass durchaus seine guten Seiten.

Tetzel im Mainstream der Kirche

Der emeritierte Historiker Wilhelm Ernst Winterhager sagt, dass zeitgenössische Quellen keine Bestätigung für ein anstößiges unverantwortliches Auftreten des frühen Tetzels lieferten. „Insgesamt erscheint Tetzel bis 1510 als eine noch ganz im kirchlichen Mainstream verankerte Persönlichkeit“, so Winterhager. Bei der fatalen und recht späten Ablasskampagne rund um den Neubau der Peterskirche sei er aber schon „zweite oder dritte Wahl“ gewesen. Die Kurie hatte immer größere Schwierigkeiten gehabt, geeignete Ablassprediger zu rekrutieren. Tetzel selbst müssen die frühen Erfahrungen zu Kopf gestiegen sein. Dass er Ablass selbst für das Schwängern der Gottesmutter erteilen könne, hat er so wohl nicht gesagt, wohl aber reagierte er auf Kritik in Briefen etwa an den Zwickauer Syndikus oder einen Ratsherrn aus Eisleben, indigniert und unangemessen. Tetzels persönliche Schwächen wurden ihm zum Verhängns. Sie machten ihm zum geeigneten Bauernopfer seiner Vorgesetzten und zum „Schuldigen“ an der Reformation, wie Winterhager, einer der großen Reformationskenner, feststellt.

Umkehren müsse man das Tetzelbild zwar nicht, sagt Winterhager der MAZ, eine „Revision im Detail“ sei aber sehr wohl nötig. Und Details gibt es noch genug zu entdecken. In den Archiven, besonders in Sachsen, ruht noch eine Menge unerschlossenes Material zur Reformation. Die „absolute Sensation“ werde man zwar nicht mehr ausgraben, aber schärfer werde das Bild inzwischen schon, so Winterhager. Vielleicht sieht der Tetzel, der die Besucher der großen Ausstellung im Herbst 2017 in Jüterbog anblickt, sogar noch ein Stück freundlicher aus, als derjenige der vorbereitenden Tagung.

Von Rüdiger Braun

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