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Jugendforscher verteidigt Frei.Wild

Volksmusik oder Rechtsrock? Jugendforscher verteidigt Frei.Wild

Sie haben Fans in der rechten Szene, ihr Sänger spielte einst in einer Neonazi-Band: Die umstrittene Südtiroler Band „Frei.Wild“ tritt am Montag in Berlin auf. Jugendforscher Klaus Farin hält sie dennoch nicht für rechtsradikal. Und er wirft ihren Kritikern Verlogenheit vor. Ein Interview.

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Frei.Wild (sitzend Sänger Philipp Burger) distanzieren sich von AfD und Pegida.

Quelle: PROMO

Berlin. Sie haben Fans in der rechten Szene, ihr Sänger spielte einst in einer Neonazi-Band: Die umstrittene Südtiroler Band Frei.Wild tritt am Montag vor mehr als 15.000 Zuschauern in Berlin auf. Jugendforscher Klaus Farin, der für ein Buch zwei Jahre im Umfeld der Band recherchierte, hält sie dennoch nicht für rechtsradikal. Und er wirft ihren Kritikern Verlogenheit vor. Ein Interview.

Machen Frei.Wild Volksmusik oder Rechtsrock?

Klaus Farin: Sie spielen Volksmusik im Deutschrocksound. Ihr Alleinstellungsmerkmal ist die Heimatliebe. Das thematisiert sonst keine Rockband wie sie, das machen eher Volksmusikanten.

Geht es wirklich um Heimatliebe oder um „völkisches und nationalistisches Gedankengut“, wie der Dokumentarfilmer Dietmar Post behauptet?

Farin: Frei.Wild sind weder nationalistisch noch rassistisch, dafür gibt es keinen einzigen Textbeleg.

Klaus Farin

Klaus Farin.

Quelle: dpa

Und völkisch?

Farin: Es gibt Zeilen, die man so interpretieren könnte. Sie singen von ihren Wurzeln, vom Glauben und bezeichnen das als Werte. Dabei sind das ja nur Traditionen.

Klingt nicht begeistert.

Farin: Ich kann mit Patriotismus nichts anfangen. Und trotzdem ist Regionalismus nicht nur negativ. In der Anti-AKW-Bewegung verteidigten Bauern ihre Dörfer gegen die Atom-Industrie. Frei.Wild sind eine regionalistische Band und passen in ein Europa, in dem sich die Menschen, etwa in Schottland und Katalonien, auf ihre regionale Heimat besinnen. Das birgt Risiken und Chancen.

Das Problem ist doch, dass Frei.Wild das mit einem Pathos tun, der Zweifel nicht zulässt. „Ich dulde keine Kritik an diesem heiligen Land, das unsere Heimat ist“, heißt es.


Farin: Das ist christlicher Fundamentalismus und widerspricht auch Songzeilen aus späteren Jahren. Frei.Wild haben sich verändert, sie sind toleranter und weltoffener geworden. Sie singen heute, dass es völlig egal ist, wo jemand herkommt. Die CSU würde das so nicht unterschreiben. Frei.Wild veröffentlichen empathische Songs über Flüchtlinge.

Frei.Wild-Sänger Philipp Burger hat früher bei den Kaiserjägern gespielt – einer Nazi-Band – und öffentlich den Hitler-Gruß gezeigt. Warum sollte man ihm verzeihen?

Farin: Da war er 18 Jahre alt. Wenn man nicht akzeptiert, dass Menschen sich ändern, müsste man jedes fünfte Mitglied aus der Antifa-Jugend in Berlin rausschmeißen. Die wackersten Kämpfer sind oft die, die früher in der rechten Szene waren. Die wissen, wogegen sie kämpfen.

Zwei Jahre Recherche im Umfeld der Band

Frei.Wild ist einer der erfolgreichsten deutschsprachigen Rockbands. Ihre Texte drehen sich um Heimatliebe und Freundschaft, sie kritisieren die Medien und vorgefertigte Meinungen.


Sänger Philipp Burger spielte früher bei der rechtsradikalen Skinhead-Band Kaiserjäger. Frei.Wild bezeichnen sich als christliche Vertreter konservativer Werte. Kritiker, die zum Teil auch vor den Konzerthallen gegen Frei.Wild protestieren, werfen der Band vor, mit ihrem offenen Patriotismus und der Betonung einer Volkszugehörigkeit rechten Fans in die Karten zu spielen.

Klaus Farin ist der Gründer des Archivs der Jugendkulturen in Berlin. Für sein Buch über Frei.Wild hat er zwei Jahre recherchiert, mehr als 4000 Fans, dazu auch Kritiker und Musikwissenschftler befragt und die Band auf Tour begleitet.

Lesetipp: Klaus Farin: „Frei.Wild Südtirols konservative Antifaschisten“, 400 S., 36 Euro

Sind also die Frei.Wild-Kritiker verlogen, weil sie an junge Menschen appellieren, aus der rechten Szene auszusteigen und dem Sänger der Band diese Vergangenheit vorwerfen?

Farin: Ja, das ist verlogen. Frei.Wild hat der Aussteiger-Organisation „Exit“ ja selbst eine fünfstellige Spende angeboten, als denen das Geld ausging.

Und sie distanzieren sich von den eigenen Fans. Auf ihrer Facebook-Seite hat die Band gegen die AfD und Pegida gewettert und „Ihr seid scheiße“ geschrieben - war das riskant?

Farin: Sie hatten rund 500 000 Facebook-Fans, dann haben sie ein paar Tausend rausgeschmissen und noch ein paar Tausend haben sich nach der Aktion von ihnen abgewendet. Es stimmt schon, dass der alte Ruf der Band auch kommerziell genutzt hat.

Inwiefern?

Farin: Nachdem Frei.Wild bei der „Echo“-Preisverleihung rausgeschmissen wurde, war der Name bekannter denn je. Es ist eine konservative Band, die über „Gutmenschen“ herzieht, wie es Konservative meinen, machen zu müssen. Aber es nervt sie, als rechtsradikal dargestellt zu werden – weil sie es nicht sind. Warum sonst hätten sie mein Buch unterstützt? Sie haben gehofft, wenn ein linker Autor recherchiert und sie differenziert darstellt, ist das glaubwürdig. Es gab bei dieser Zusammenarbeit keinerlei Tabus; ich habe alles Material bekommen, das ich wollte.

Wie kann Frei.Wild bei mehr als 15 000 Konzert-Besuchern in Berlin dafür sorgen, dass die unerwünschten Fans nicht in die Halle kommen?


Farin: Die Security bekommt eine mehrseitige Liste, auf der steht, was nicht geht. Das betrifft nicht nur T-Shirts der Modemarke Thor Steinar oder der Nazi-Band Landser. Frei.Wild hat in ihrem Team auch Mitarbeiter, die aus der Antifa-Szene kommen und sich auskennen. Wer rechtsradikal denkt, sich aber nicht zu erkennen gibt, kommt natürlich trotzdem durch. Doch warum sollte ich als Nazi zu Frei.Wild gehen? Nazis werden textlich nicht bedient und von der Bühne aus deutlich kritisiert. Nicht wenige Fans tragen antirassistische oder „Refugees Welcome“-T-Shirts. Aber ich habe auch schon Nazis bei den Toten Hosen gesehen.

Wie ticken denn die meisten Fans?

Farin: Das sind eher brave Leute. Frei.Wild ist keine subkulturelle Band. Die meisten hören auch die Böhsen Onkelz, Toten Hosen, die Ärzte oder Metallica. Aber ich glaube, es gibt auch eine große Schnittmenge zwischen Frei.Wild- und Helene-Fischer-Fans.

 

Von Maurice Wojach

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