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Kultur Buchautorin Zeh im Interview: „Endlich echte Konflikte“
Nachrichten Kultur Buchautorin Zeh im Interview: „Endlich echte Konflikte“
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01:16 13.10.2018
Soll Verfassungsrichterin in Brandenburg werden: Juli Zeh. Quelle: Thomas Müller
Potsdam. Juli Zeh ist nicht nur erfolgreiche Autorin, sie ist auch promovierte Juristin. Nun soll sie Verfassungsrichterin in Brandenburg werden. Im Interview mit der MAZ stand sie Rede und Antwort

Frau Zeh, Sie sind studierte Juristin, haben sich aber in den letzten Jahren eher mit Romanen statt mit Gesetzen beschäftigt. Wann waren sie das letzte Mal in einem Gerichtssaal?

Juli Zeh: Im Gerichtssaal war ich zuletzt während meines Referendariats. Ich sollte als Staatsanwältin am Jugendgericht auftreten, habe immer wieder versehentlich die Angeklagten geduzt und am Ende eine viel zu milde Strafe gefordert. Aber sonst war ich eigentlich ganz gut, meinte die Richterin damals. Mal sehen, ob ich es am Verfassungsgericht besser hinkriege.

Wie kam es zu der Entscheidung, für dieses Ehrenamt anzutreten? Haben Sie sich schon länger mit dem Gedanken beschäftigt oder hat Sie jemand überredet?

Nachdem ich eine lange Ausbildung als Juristin absolviert und mich dann trotzdem für ein Leben als Schriftstellerin entschieden habe, war ich immer ein bisschen betrübt, dass ich meinen ursprünglichen Beruf nicht ausüben kann. Für mich ist es eine große Freude und Ehre, wenn ich in der Mitte des Lebens noch einmal die Chance bekomme, der Demokratie und dem Rechtsstaat als Richterin zu dienen. Da brauche ich gar keine Überredung, da scharre ich gewissermaßen mit den Hufen.

Was reizt Sie konkret?

Es mag pathetisch klingen, aber ich liebe das demokratische Rechtssystem. Es ist ein Wunderwerk. Auch mit Fehlern und Unpässlichkeiten, natürlich, aber im Großen und Ganzen mit einer schier unglaublichen Funktionsfähigkeit, wenn man bedenkt, was für eine riesenhafte Aufgabe es ist, das Zusammenleben von 80 Millionen Menschen zu ordnen und zu befrieden, und das auch noch innerhalb des europäischen Rahmens. Ich teile die Werte unseres Grundgesetzes und der Landesverfassung aus tiefstem Herzen. Es ist doch toll, wenn man sich in den Dienst einer so guten Sache stellen kann. Erst recht in Zeiten, da Demokratie und Rechtsstaat immer unverfrorener rhetorisch angegriffen und missbraucht werden von Menschen, die das Projekt der offenen und europäischen Demokratie beenden wollen.

Sie sind seit 2017 SPD-Mitglied. Ist es für eine bekannte Autorin wie sie nicht problematisch, sich derart öffentlich festzulegen?

Ich stehe der Sozialdemokratie ja schon länger nahe. Nun ist es in der Bevölkerung leider immer schicker geworden, Parteien und Politiker einfach doof zu finden, ihre Arbeit zu verachten und sich davon abzuwenden. Weil mich dieser Trend so traurig macht, habe ich mich entschlossen, durch einen Parteieintritt etwas dagegen zu setzen. Mit schwarzem Humor könnte man quasi sagen: Die Ratte betritt das sinkende Schiff.

Haben Sie als Schriftstellerin überhaupt Zeit für das Richteramt oder planen Sie eine Auszeit?

Seit meiner Kindheit ist für mich das Schreiben ein Hobby. Es taugt für mich nicht als Beruf. Denn ich kann nicht mehr als eine oder zwei Stunden am Tag schreiben, danach fällt mir nichts mehr ein. Ich habe es deshalb immer nebenher gemacht, erst neben meiner juristischen Ausbildung, dann neben meiner Promotion, dann neben meiner Rolle als Mutter zweier kleiner Kinder. Von daher habe ich keine Angst davor, dass das Amt einer Verfassungsrichterin meine Schreibzeit gefährden könnte.

Zur Person

Geboren wurde Juli Zeh 1974 in Bonn. Nach dem Abitur studierte sie Rechtswissenschaften mit dem Schwerpunkt Völkerrecht. Seit 2007 lebt Zeh in einem Dorf im Westhavelland. Sie ist verheiratet und Mutter zweier Kinder.

Zu ihren erfolgreichsten Werken gehören „Nullzeit“ (2012) und „Unterleuten“ (2016), in dem es um die Konflikte zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen in einem märkischen Dorf geht. Ihr aktueller Roman „Neujahr“ spielt auf Lanzarote.

Inwiefern hat Ihnen die Arbeit als Juristin in den letzten Jahren gefehlt?

Mir hat die Auseinandersetzung mit „echten“ Problemen manchmal ein bisschen gefehlt. Wir Schriftsteller sind ja schon auch echte Menschen. Aber wir bewegen uns doch häufig im Reich unserer Fantasie, im Reich der Ästhetik, der schönen Worte und Ideen. Das ist gut und wichtig. Aber es gibt eben auch echte Konflikte, echte Probleme, echte Sorgen und Nöte. Immer mal wieder wünsche ich mir, an dieser Stelle mit anpacken zu können.

Mit welchen Erwartungen gehen Sie nun an diese neue Aufgabe heran?

Vor allem mit der Erwartung, meine etwas eingestaubten rechtswissenschaftlichen Kenntnisse aus der Gedächtniskiste zu holen und einer sinnvollen Bestimmung zuzuführen. Aber ich freue mich auch einfach darauf, einen neuen Arbeitsbereich und neue Menschen kennenzulernen. Das Landesverfassungsgericht wacht über die Landesverfassung und beschäftigt sich also mit vielen wichtigen und spannenden Fragen.

Sehen Sie Parallelen zwischen Jura und Literatur?

Insofern, als dass beides gewissermaßen Wort-Wissenschaften sind. Schriftsteller und Richter versuchen, ein Geschehen aus der echten Welt in Worte zu fassen. Der Schriftsteller will es besonders spannend oder schön erzählen, der Richter will es so genau erfassen, dass er ein Urteil fällen kann. Das sind natürlich zwei ganz verschiedene Anliegen, aber die Spannung zwischen Realität und Sprache ist in beiden Tätigkeiten ähnlich.

Aktuell gehört zum Team der Verfassungsrichter auch der Filmregisseur Andreas Dresen, ein juristischer Laie. Ist eine solche Besetzung aus ihrer Sicht sinnvoll?

Ich finde es ganz gut, dass ein Laienrichter dabei ist. An den ordentlichen Gerichten gibt es ja auch manchmal Schöffen, also Nicht-Juristen, die bei der Urteilsfindung helfen. Auf diese Weise wird der juristische Blick durch eine weitere Perspektive ergänzt.

Werden Sie Ihre Erfahrungen als Richterin eines Tages in einem Roman verarbeiten?

Ich kann nicht sagen, wann ich wieder ein Buch veröffentliche und worum es darin gehen wird. Es ist ja soeben erst „Neujahr“ erschienen, ein Familien-Thriller, der auf Lanzarote spielt. Meistens kommen die Ideen einfach ganz von selbst zu mir und ich kann vorher gar nicht sagen, für welche ich mich entscheiden werde.

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