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Kultur Julie Wolfthorns Bilder und Grafiken in Ferch
Nachrichten Kultur Julie Wolfthorns Bilder und Grafiken in Ferch
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16:46 26.07.2016
Julie Wolfthorn: „In Ferch (Skizze)“, um 1918, Öl auf Malkarton. Quelle: Privatbesitz
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Ferch

Das schöne Pony vorm Holzzaun. Dahinter Julie Wolfthorn (1864-1944), ein bisschen versonnen. Es ist eine Fotografie aus glücklichen Tagen. Aufgenommen irgendwann zwischen 1909 und 1919. Da war die nun fast vergessene Malerin und Grafikerin so gern bei ihrer Cousine Olga Hempel zu Besuch, die im idyllischen Ferch (Potsdam-Mittelmark) als Ärztin praktizierte. Auf dem Grundstück in der Ringstraße gab es auch Ziegen und Federvieh. Die jüdische Künstlerin, die 1898 die Berliner Secession mitbegründete – man malte gegen den Kaiser an, für den der Impressionismus eine „Rinnsteinkunst“ war – liebte das Landleben. In Ferch fand sie auch wunderbare Motive für Bilder.

Zwei davon hängen in der sehenswerten Ausstellung „Julie Wolfthorn. Der Mythos von Ferch – das Paradies auf Erden“, die man sich jetzt dort im Museum der Havelländischen Malerkolonie anschauen kann. So „In Ferch“ (Skizze), um 1918 entstanden. Es könnte der Blick vom Hempelschen Anwesen gen Schwielowsee sein. In erdigen Farben. Und auf „Baumblüte in Ferch“ hat sie vorn einen prächtigen blühenden Kirschbaum getupft. Sie war selig in der Natur dieses begnadeten Fleckchens Erde.

Von Thorn nach Berlin

Die Malerin und Grafikerin wurde als Julie Wolf am 8. Januar 1864 im westpreußischen Thorn, dem jetzigen polnischen Torun, geboren. Später hängte sie den Namen ihres Geburtsortes dran. Seit 1883 Vollwaise, zog sie mit den Schwestern und der Großmutter nach Berlin.

Ab 1892 Studium an der Académie Colarossi in Paris. 1896 Malaufenthalte auf Usedom und in der Künstlerkolonie Worpswede.

Wolfthorn begründete 1898 die Berliner Secession mit. 1904 heiratete sie den Kunstkritiker Rudolf Klein.

1905 war sie Mitbegründerin der „Verbindung Bildender Künstlerinnen Berlin – München“ und 1913 des Frauenkunstverbands.

Am 29. Dezember 1944 starb Julie Wolfthorn im KZ Theresienstadt.

info: Die Ausstellung „Julie Wolfthorn. Der Mythos von Ferch – das Paradies auf Erden“ mit 35 Bildern, Zeichnungen und Grafiken von ihr sowie zwei Bronzeskulpturen ihres Bruders und Bildhauers Georg Wolf ist bis zum 30. Oktober im Fercher Museum der Havelländischen Malerkolonie zu sehen, Beelitzer Straße 1, geöffnet Mi-So 11 bis 17 Uhr, Tel. 033209/21025

„Die Fotografie mit dem Pony ist von Nachfahren aus Oxford“, erzählt Heike Carstensen, Kunsthistorikerin aus Stralsund und Kuratorin der Schau. 2007 hat sie ihre Dissertation über Julie Wolfthorn geschrieben. Die 56-Jährige erhielt aus England auch Briefe, die Wolfthorn 1938 an Tochter Lore ihrer Cousine sandte. Sie schrieb: „Mein liebes Lorchen … mit Pinsel und Palette und einem Koffer voller Bilder will ich mir die Welt erobern.“ Doch zum Emigrieren war es schon zu spät. Seit 1933 durfte die Jüdin, die politisch sehr umtriebig war, nicht mehr publizieren, ab 1939 hatte sie Berufsverbot. Und am 28. Oktober 1942 wurde sie und ihre Schwester Luise, mit der sie in der Kurfürstenstraße 50 im Tiergarten wohnte, wo heute Stolpersteine an sie erinnern, nach Theresienstadt deportiert. Heike Carstensen weiß: „Vorsorglich hatten sie sich Gift in die Knöpfe ihres Kleides genäht.“ Heimlich zeichnete Julie im KZ weiter. Mit Bleistift und Tusche. Einiges wurde gerettet und wird u. a. in der Gedenkstätte Yad Vashem in Tel Aviv verwahrt. Am 29. Dezember 1944 kam Julie Wolfthorn in Theresienstadt um.

Die meisten ihrer Bilder sind verschollen. „Doch es taucht ständig noch was auf“, erzählt die Kuratorin, die rund 600 Werke von ihr kennt. So war es auch mit der Dame mit dem blauen Hut. Eine apart gekleidete Frau mustert den Betrachter – völlig gelöst. Vor ein paar Jahren wurde das Werk in einem Keller in Berlin gefunden. Zusammengerollt mit anderen Leinwänden. „Sie hatte vor der Deportation noch versucht, einiges unterzubringen“, so die Kuratorin. „Ich liebe meine Bilder wie Kinder“, hatte Wolfthorn mal gesagt.

Die Waldfee kam in einer Kiste in Ferch aus Kalifornien an

Julie Wolfthorns Bild: „Das Mädchen mit den blaugrünen Augen“, um 1899, Öl auf Leinwand Quelle: The Jack Daulton Collection, Los Altos Hill, California/USA

Ihr „Mädchen mit den blaugrünen Augen“ (um 1899) indes wurde von Jack Daulton gekauft. In einer Kiste kam es per Kunsttransport, die der kalifornische Kunstsammler dem kleinen, ehrenamtlich geführten Museum bezahlte, in Ferch an. Es ist so besonders. Darauf eine rätselhafte Waldfee mit gelocktem Haar. Zaghaft schaut sie aus ihrem Wald-Refugium heraus. Diese Waldfee war Titelbild des Gedichtbandes „Das Sommerlied“ des Schriftstellers Johannes Schlaf, Mitbegründer des Naturalismus. Darin das Gedicht „An das Hexlein“. Das Büchlein von 1905 aus dem Axel Juncker Verlag liegt in einer Vitrine der Schau.

Vor Julie Wolfthorns „Mädchen mit Hut vor offenem Fenster“ verweilt man auch lange. „Weil’s so impressionistisch ist mit diesen Pinselschwingen und diesem Grün von Blattwerk und von Kleid und Hut“, findet die Kuratorin. Sie nimmt an, dass das Bild in Paris entstand. Die frühe, ganz einfache Studie – eine Wasseroberfläche mit Spiegelungen und Seerosen, schuf sie dort auf jeden Fall. Weder der Weidenstamm, noch der Teich sind vollständig abgebildet. „Monet machte das später als ganz großes Bild.“

Mit dem Porträt von Ida Demel kam sie groß raus

Der „Pavillon im Park“, mit grellen Farben, könnte in Sanssouci entstanden sein. Die Künstlerin war im Oktober 1924 in Potsdam. Sie schwärmte in einem Brief an Lyrikerin und Frauenrechtlerin Ida Dehmel: „Diese Woche in Potsdam. Die Herbstfarben zum Weinen schön.“

Da war Wolfthorn längst als Porträtistin hoch geachtet. Spätestens, seit sie 1896 Ida Demel, mit der sie befreundet war, lebensgroß als Pastell gemalt hatte. Sie verewigte auch andere Berühmtheiten wie die Berliner Schauspielerin „Carola Nehr als ,gefallener Engel’“, die in dem Theaterstück von Noel Coward mitspielte. Ebenso „Mme. Yvonne Wilhelm“, Madame Wilhelm war die Gattin des damaligen französischen Handelsattaches. Beide gehüllt in teure, noble Fummel. Julie Wolfthorn hatte einen Hang zu eleganten, modernen, selbstbewussten Frauen.

Sie arbeitete ebenso für Zeitschriften wie „Der Junggeselle“ oder „Jugend“. Lieferte Illustrationen im Jugendstil. Auch eine kleine Reihe von Akten kann man in Ferch betrachten. So die Grafik „Badende Frauen II“ mit vier nackten Grazien. Eine beugt sich beim Abtrocknen nach vorn, eine wringt ihre nassen Haare im Stehen aus, eine andere kniet und formt sich dabei einen Haarknoten, die vierte ist an einen Ast gelehnt.

Darunter hat Julie Wolfthorn notiert: „Meinem lieben kl. Eeg“. Gewidmet dem Bremer Architekten Carl Eduard Eeg, den sie seit ihrem Aufenthalt in der Künstlerkolonie Worpswede kannte. Auf einer Kreidezeichnung spielt er grad Gitarre.

Carl Eduard Eeg baten Julie und Luise auf ihrer letzten Karte vor der Deportation: „Vergessen Sie uns nicht“.

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