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Kameramann Michael Ballhaus ist tot

Der Herr der Bilder Kameramann Michael Ballhaus ist tot

Er war der Herr über die Bilder, die Regisseure vertrauten ihm. Mit Rainer Werner Fassbinder und Martin Scorsese war er am Set. Berühmt wurde seine 360-Grad-Kamerafahrt um Karlheinz Böhm und Margit Carstensen im Ehedrama „Martha“ (1974). Jetzt ist Michael Ballhaus gestorben.

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Michael Ballhaus

Quelle: dpa

Potsdam. Der Kameramann Michael Ballhaus ist tot. Der international bekannte Filmkünstler („Gangs of New York“, „Die Ehe der Maria Braun“) starb in der Nacht zu Mittwoch im Alter von 81 Jahren in seiner Berliner Wohnung, wie sein Verlag DVA Sachbuch in München unter Berufung auf die Familie von Ballhaus mitteilte.

Auf den entscheidenden Unterschied zwischen seiner Arbeit in Deutschland und in Hollywood hat Michael Ballhaus gern hingewiesen: „In Deutschland war ich ein Kameramann, in Amerika sagten sie: Director of Photography, was nicht nur anders klang, sondern etwas anderes bedeutete“, so Ballhaus im Gespräch. Das Ergebnis aber war dasselbe, egal ob hier oder in den USA: Michael Ballhaus war der Herr über die Bilder.

Das bewies er in allein 15 Filmen mit Rainer Werner Fassbinder, der gerne schier Unerfüllbares verlangte. Daraus entstand die berühmte 360-Grad-Kamerafahrt um Karlheinz Böhm und Margit Carstensen im Ehedrama „Martha“ (1974), später Ballhaus‘ Markenzeichen. Auch wenn Fassbinder ihn provozieren wollte, und das wollte er oft: Ballhaus blieb ruhig und fand eine Lösung. Er wollte sich nicht einfangen lassen von dem Menschenmanipulator, und er schaffte den Absprung in die USA. Da war er beinahe 50.

Scorsese schaute und staunte

Richtig kam Ballhaus in Amerika erst dank Martin Scorsese an – der zweite entscheidende Regisseur in seinem Leben. Scorsese steckte damals in einem beruflichen Tief. Niemand wollte ihm nach dem „King of Comedy“-Flop ein größeres Budget anvertrauen. Nun schickte er sich an, mit „Die Zeit nach Mitternacht“ einen kleinen, schnellen Nachtfilm zu drehen: 14 bis 16 Einstellungen pro Tag verlangte das Budget, üblicherweise gelangen Scorsese gerade fünf.

Und wie reagiert Ballhaus? „Ich sagte, das sei zu schaffen. Scorsese schaute, staunte, und wenn er mir damals nicht geglaubt hat, dann konnte er das gut verbergen“, schrieb Ballhaus in seiner Autobiografie. Schnell sprach sich in Hollywood herum, „dass Scorsese diesen schnellen und effizienten Kameramann aus Deutschland hatte“.

Es folgten große Filme, „Bram Stoker’s Dracula“ mit Francis Ford Coppola, „Quiz Show“ mit Robert Redford, „Air Force One“ mit Wolfgang Petersen. Und dazwischen immer wieder Martin Scorsese. Sechs gemeinsame Filme sollten es werden, darunter „Die Farbe des Geldes“, „Die letzte Versuchung Christi“ und zuletzt „The Departed“ mit dem Psychomonster Jack Nicholson am Set.

Fels im Getümmel

Auf Bildern vom Set sieht man Ballhaus, den Mann mit den roten Hosenträgern, der stets wie ein Fels im Getümmel ruht. Vor seiner Kamera hatte er alle Stars: Robert De Niro, Leonardo DiCaprio, Daniel Day-Lewis, Meryl Streep, Emma Thompson, Michel Pfeiffer, Dustin Hoffman ...

Deutschland ist Ballhaus nie ganz verloren vergangen. Seine erste Frau Helga blieb sowieso lieber daheim. Zudem engagierte sich Ballhaus für den Nachwuchs. Er unterrichtete an Filmhochschulen in München, Hamburg oder Lüneburg. 2007 verkündete er seinen Rückzug aus Hollywood, dann aus dem Filmgeschäft überhaupt. Ganz gehalten hat sich Ballhaus nicht an den Abschied. Nach dem Tod Helgas 2006 heiratete er wieder: Mit der Regisseurin und Ehefrau Sherry Hormann drehte er „3096 Tage“ über die Entführung von Natascha Kampusch. Für rund 80 Filme hat er insgesamt verantwortlich gezeichnet.

Das Schlimmste für einen Kameramann

In seinen letzten Lebensjahren passierte das wohl Schlimmste, was einem Kameramann passieren kann: Michael Ballhaus war am Erblinden. „Ich sehe den blauen Himmel und den Regen. Ich sehe meine Frau, was mir das Wichtigste ist“, schrieb er. Aber er konnte nicht mehr lesen oder auch nur die Tastatur des Telefons bedienen. Also zog er seine Konsequenzen: „So habe ich, dessen Lust und Leidenschaft immer das Schauen war, endlich die Freuden des Hörens entdeckt.“ Nun ist Michael Ballhaus, der Herr über die Bilder, der spät die Freuden des Hörens entdeckte, im Alter von 81 Jahren in seiner Berliner Wohnung gestorben.

Berührender Augenblick.

Jurypräsidentin Meryl Streep und Preisträger des Goldenen Ehrebären auf der Berlinale 2016

Jurypräsidentin Meryl Streep und Preisträger des Goldenen Ehrebären auf der Berlinale 2016. Michael Ballhaus

Quelle: dpa

Im Februar 2016 stand Michael Ballhaus, einer der berühmtesten und meistgefragten Kamerakünstler der Welt, mit Tränen in den Augen auf der Bühne und sagte leise: „Ich bin ja nur ein Kameramann. Und außerdem habe ich furchtbare Angst, vor Leuten zu reden.“

Die Berlinale hatte dem Gestalter von Meisterwerken wie „Good Fellas“ und „Gangs of New York“ gerade den Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk überreicht. Fast erblindet wegen des Grünen Stars, war die Auszeichnung in seiner Heimatstadt für den gebürtigen Berliner nochmals eine besondere Liebeserklärung.

Von Stefan Stosch/ MAZonline

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