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Kultur Kammerakademie Potsdam überwindet Sprachlosigkeit
Nachrichten Kultur Kammerakademie Potsdam überwindet Sprachlosigkeit
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00:19 04.10.2017
Viele Musiker, Schauspieler und Tänzer wirken mit. Hier im Vordergrund, stehend: Christina Schönfeld und Marena Whicher. Quelle: Christel Köster
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Potsdam

Selbst der begeisterte Schlussapplaus am Samstagabend unterscheidet sich von dem, was ein Konzertpublikum gewöhnlich erlebt. Dutzende Besucher sind mit hochgerissenen Armen aufgesprungen und wedeln mit den Handflächen. Auch viele Gehörlose hatten das szenische Konzert „FinsterHerz oder Orfeo17“ in der voll besetzten Potsdamer Waschhaus-Arena verfolgt. Zwei Dolmetscher übersetzen deutsche und arabische Worte sowie die Gesten in Gebärdensprache simultan. Eine dritte Gebärdensprachdolmetscherin wagte es sogar, den Charakter der Musik in Zeichensprache darzustellen. Über den 25 Orchestermusikern, den sieben Solisten, drei Tänzern, einer Erzählerin sowie den fünf Zeitzeugen agiert ein weiterer Gestiker: der Dirigent Antonello Manacorda, der das audiovisuelle, vielsprachige, interkulturelle Bühnengeschehen zusammenhält.

Das großformatige Kunstereignis entwickelte der Komponisten Helmut Oehring gemeinsam mit der Kammerakademie Potsdam. Der 56-Jährige steht für eine Generation, für die das Crossover zur Selbstverständlichkeit geworden ist. Klassik, Rock und Pop, Zwölftonmusik und Multikulti sind ihm gleichermaßen vertraut. Hinzu kommt, dass Oehring für sich eine Kunst um ihrer selbst willen ablehnt. Er möchte auch gesellschaftspolitisch Position beziehen.

Auftragsarbeit der Kammerakademie Potsdam

Helmut Oehring (56) wuchs in Ostberlin als Kind gehörloser Eltern auf. Erst mit viereinhalb lernte er sprechen. Er brachte sich das Gitarrespielen, Notenlesen und Komponieren selbst bei. Als Wehrdienstverweigerer konnte er nicht studieren. Er lebt heute als erfolgreicher Komponist in der Märkischen Schweiz.

Im Programmheft, das zur Uraufführung erschien, kommen fünf Gehörlose zu Wort, die nach Deutschland geflüchtet sind. Unter ihnen Saad Al Haj Ali aus Syrien, der heute mit seiner Frau Baara und zwei Kindern (alle hörend) in Jüterbog lebt. Auf ihrer Flucht durch Mazedonien kam ihr erster Sohn zur Welt.

„FinsterHerz oder Orfeo17“ ist eine Auftragsarbeit der Kammerakademie Potsdam. Aufgrund der vielen Mitwirkenden wird eine Wiederaufnahme kaum möglich sein.

Letzte Aufführung: 3. Okt., 18 Uhr, Waschhaus Arena, Schiffbauergasse, Potsdam. Karten unter 0331/ 28 888 28.

Gemeinsam mit seiner Frau, der Librettistin Stefanie Wördemann, betrieb er drei Jahre lang Feldstudien. In den Flüchtlingslagern in Berlin und Brandenburg machte er 20 Gehörlose ausfindig. Fünf von ihnen treten in dieser Bühnenproduktion an die Rampe und berichten in komprimierter Form von sich. Sie haben großen Anteil daran, dass dieses komplexe künstlerische Konstrukt mit all den Wahrheiten über Liebe und Tod geerdet wirkt.

Da Oehring die Gegenwart auf nichts weniger als das große existenzielle Ganze bezieht, ruft er programmatisch auch noch zwei Klassiker auf. Der Titel „FinsterHerz oder Orfeo 17“ verweist auf die Erzählung „Herz der Finsternis“ (1899) von dem polnisch-britischen Schriftsteller Joseph Conrad und auf die Uroper „L‘Orfeo“ (1607) von dem italienischen Komponisten Claudio Monteverdi.

So vieldimensional der abgesteckte Rahmen ist, bald schon schält sich das Thema des Abends heraus: Es geht um die Frage, wie schreckliche Erlebnisse zur Sprache kommen. Wie lassen sich der Verlust einer großen Liebe oder der Trip durch eine lebensfeindliche Welt von einem überlebenden Individuum so erzählen, dass Mitgefühl entsteht? Ein Traumata, Unfassbarkeit und Erschöpfung sind nicht einfach zu überwinden. Vor dem Bewusstsein, also noch vor den Worten, wuchert im Unterbewusstsein ein Wust aus Gefühlen.

Eine Hauptrolle in der Inszenierung kommt dem amerikanischen Stimmvirtuosen David Moss zu, der als kämpfender und verzweifelnder Orfeo in seiner Kehle leise und laute, stammelnde und ächzende Laute formt, wobei ihm das Expressive deutlich näher ist als das Lyrische. Dazu lässt das Orchester mal bewährte Harmonien aus Monteverdis Renaissance-Zeit anklingen, dann formt es schmerzhafte Cluster im Stile Neuer Musik, überwältigende Marschrhythmen oder punkrockige Episoden. Ein Trio aus geflüchteten Musikern mit Oud, Tabla und Violine steuert orientalische Klänge bei. Und Eurydike (Marena Whitcher), die Geliebte von Orfeo, singt plötzlich in Singersongwriter-Manier zur Gitarre den Abba-Liebeskummersong „SOS“.

Helmut Oehrings Collage setzt dabei kaum auf schockende Brüche. Seine Programmmusik erscheint eher wie ein Fluss, in dessen beständigem Wandel mal die eine, dann die andere Strömung zutage tritt. Als Ruhepol fungiert die naiv-poetische Stimme eines Kindes, das vorn in der Bühnenmitte sitzt und durch die Geschichten führt. Manchmal sagt sie erklärende Sätze wie „Aleks ist Charon und will Orfeo nicht in die Todeswelt lassen“ – gemeint ist der polnische Kontrabassist Aleksander Gabrys, der ebenfalls mit der Stimme perfomt. Manchmal sagt sie auch Sätze, die eigentlich altklug klingen – „Alle Menschen trauern über die Existenz des Todes“ oder „Wir leben, wie wir träumen“.

Orfeo als Ahnherr der Musik wird in der Mythologie gern als Blinder dargestellt. Oehring geht es aber um eine andere Finsternis, um die der absoluten Stille. „Musik sagt mir überhaupt nichts“, bekennt nach der Aufführung einer der Gehörlosen und zeigt sich dennoch hocherfreut. Ein Abend, der alle aufwühlt und im Gedächtnis bleibt.

Von Karim Saab

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