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Kultur Kammerakademie plant extremes Konzert
Nachrichten Kultur Kammerakademie plant extremes Konzert
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19:52 24.02.2017
Tobias Lampelzammer. Quelle: PR
Potsdam

Herr Lampelzammer, Sie sind Solo-Kontrabassist der Kammerakademie Potsdam und spielen gewöhnlich Bach, Haydn und Strawinsky. Wo verläuft für Sie die Grenzen zwischen Geräuschen und Musik?

Das, was wir als „schönen“ Ton wahrnehmen ist ja eine Mischung aus Schwingung und Geräusch, auch wenn man den Anteil des Geräusches normalerweise nicht bewusst wahrnimmt. Das Geräusch gibt dem Klang erst eine gewisse Tragfähigkeit und Weite, ist quasi das Salz in der Suppe. Man spielt in der Tat Bach, Haydn und Strawinsky mit einen klassischen runden Ton, der wenig Geräusch hat. Aber denken Sie an den Unterschied zwischen einer klassischen Trompete und einer Jazztrompete. Oder an die Obertöne, die in der Alten Musik bei Darmsaiten oder Holzflöten mitschwingen. Die klangliche Ebene, die in beiden Fällen dazukommt, ist doch faszinierend! Zeitgenössische Komponisten haben diesen Teil der Tonerzeugung heraus genommen, beim Streichinstrument das Rauschen und Kratzen der Bogenhaare, bei den Bläsern Spaltklänge, überblasene Töne usw. Möglicherweise auch als Reaktion auf den auf Schönklang und Hochglanz getrimmten Luxussound, wie er ab Mitte des letzten Jahrhunderts populär wurde, der immer nur das Erlesene, Noble und Edle der Werke betont hat, ihre Oberfläche.

Gibt es in der zeitgenössischen Musik überhaupt die Kategorie des Schönen? Oder geht es nur um Wahrhaftigkeit?

Schön ist, was wahr ist, würde ich spontan sagen, es hängt also letztlich damit zusammen, was jemand als schön empfindet. Und das, was schön ist, definiert jede Zeit für sich neu. Es muss dem Lebensgefühl entsprechen. Nehmen Sie die Architektur und weil es zu Potsdam passt: Barockes Lebensgefühl spiegelt sich auch im Bauen wieder. Umgekehrt, Schönheit ohne Wahrhaftigkeit ist nur Fassade. Was man in der Vergangenheit wunderbar an Mozart sieht: Ohne Wahrhaftigkeit wäre diese vollkommen schöne Musik leer und sie würde die Hörer nicht seit Jahrhunderten in den Bann ziehen können. Die Schönheit ist wie der Köder, an dem die Wahrheit, die dahinter steckt, befestigt ist. Und ab da wird es doch eigentlich erst interessant, wenn es nicht beim Wohlfühlprogramm bleibt. In diese Regionen kann die zeitgenössische Musik vordringen.

Sie führen am Dienstag im Nikolaisaal acht zeitgenössische Stücke auf, darunter „Amplify“ von Christof Dienz. Die Besetzung Saxofon, Violine, Kontrabass und Klavier ist eher ungewöhnlich. Aber die Partitur notiert dann auch noch brummende Rückkopplungseffekte. Warum?

Störfaktoren umgeben uns zu jeder Minute, ein perfektes Leben gibt es nicht. John Cage, der Übervater der Moderne, hat gesagt: „Vor dem Leben gibt es kein Entkommen“ und machte Mut, einfach darauf zuzugehen. Leben ist Bewegung und das ständige Beurteilen in gut und schlecht würde es nur erschweren, sich an den Dingen, die passieren, erfreuen zu können. Keine so leichte Aufgabe für den westlichen Menschen, der nicht mit der Zen-Lehre und dem Buddhismus vertraut ist. „Amplify“ ist in dieser Hinsicht ein sehr witziges Stück, das einen auffordert, die Dinge zu nehmen, wie sie halt sind. Indem es einen recht nervigen Störfaktor, nämlich, was jeder kennt, der mit Verstärkern und Kabeln zu tun hat, dass da was brummt oder knackt, in das Stück einfach gleich mit reinkomponiert. Da spricht die Gelassenheit und der subtile Humor eines Lebenskünstlers! Und das Stück passt so in den Kontext derer, die mit Musik und Kunst auf der Straße improvisierend ihr Auskommen suchen.

Sie haben Ihr KAPmodern-Konzert unter das Motto Straßenmusik gestellt. Ist es nicht zynisch, das archaische Musizieren materiell Bedürftiger in den subventionierten Konzertsaal zu holen?

Es soll nicht zynisch rüberkommen. Wir wollen fragen, wie Musik wirken kann. Die plötzliche Konfrontation mit Musik im Stadtraum ist doch eine kurze Berührung mit einer anderen Welt, die es neben der ganzen Hektik und Eile auch noch gibt und an die man für einen kleinen Moment erinnert wird. Dass auf der Straße die Wirkung von Musik anders ist, als wenn man mit ihr rechnet, Passanten aus ihrem Trott reißen kann, ein Sekundenlächeln, ein wippender Schritt. Und es geht um die Freude an der Überraschung, die Lust am Unerwarteten. Musikkultur darf nicht die bloße Wiederholung der immergleichen Stücke aus dem Kanon der klassischen Musik sein, das wäre dann ein Museumsbetrieb. Wir möchten dazu anregen, offen und neugierig mit dem Ungehörten, dem Fremden und Unbekannten umzugehen. Mal sehen, wo es einen hintreibt. Auch dafür ist doch der Konzertsaal der absolut richtige Ort. Helmut Lachenmann sagte einmal: „Wer immer weiß, was er will, will auch nur, was er weiß“, begrenzt sich letztlich also selbst.

Eine der Kompositionen heißt „Einbahnstraße“. Sie schreiben im Programmheft von „klanglichen Anleihen aus dem Schrotthaufen“, von der „Banalität der Straße“, von trashigen Sounds“. Fällt es einem ausgebildeten Musiker eigentlich schwer, „falsch“ und schrill zu spielen?

Es ist in der Tat schwer, zumal es ja nicht einfach nur „falsch“ im Sinne von „einfach irgendwie“ sein darf! Das was der Komponist geschrieben hat, muss ja so exakt wie möglich, also „richtig“ umgesetzt werden und da ist im Falle von Chine Ming-Taos „One-Way Street“ eine ziemlich harte Nuss zu knacken. Ein anderes Beispiel ist in unserem Programm Lucia Ronchettis „Rosso pompeiano“: was einer süditalienischen Straßenband ganz leicht von der Hand geht, weil sie es einfach immer so schrill spielen und auch nur so können, nämlich ein derb-schwungvoller Tanz, ist in der zeitgenössischen Transkription für die Komponistin ein großer Schreibaufwand. Und für die Interpreten eine Menge an zusätzlich umzusetzenden Anweisungen. Sie fixiert eine spezielle grobe Spielweise in Notenschrift, so dass der „ausgebildete“ Musiker wie ein im positiven Sinn „unausgebildeter“ klingt.

Was kommt dabei heraus, wenn man das Lebendige akademisch veredelt?

Auch das ist etwas, was die Moderne nicht erfunden hat. Beispiele aus der Vergangenheit gibt es zuhauf, Vivaldis Jahreszeiten, Mozarts Bauerntänze und Menuette, Schuberts Ländler, Strauss’ Alpensymphonie, da setzen die Zeitgenossen heute nur die Reihe fort, indem sie mit wachen Ohren hinhören, was uns umgibt und das künstlerisch weiterverarbeiten. Die ganze Kunstgeschichte fußt auf dem Prinzip der Nachahmung des Lebendigen.

Sie führen auch György Ligeti s Poème Symhonique für 100 Metronome auf. Hört sich das dann an wie in einer großen Näherei?

Das Bild der Näherei finde ich gut! Maschinenmusik also. Uns umgibt in der Stadt der Klang so vieler Geräusche, die von Menschen und ihren Dingen stammen. Das ist die andere Straßenmusik, also die Musik, die die Stadt selbst produziert, die urbane Klangkulisse. Meist hören wir da gezielt weg, aus Schutz, weil uns der Lärm angreift. Ein zentrales Thema der elektroakustischen zeitgenössischen Musik lautet: Was sich im Weghören als Lärm zeigt, entpuppt sich - im Hinhören - von strukturellem Reichtum durchzogen. Und das kann Ligetis Stück spielerisch leicht mit der Idee der 100 sozusagen solistisch „musizierenden“ Metronomen anschaulich machen. Glücklicherweise konnten wir für unsere Aufführung 100 gleich gebaute Metronome ausleihen. Wie wissen es nicht, wie lang die Aufführung genau dauern wird. So lang, wie die Metronome ticken, hat der Komponist bestimmt.

Interview: Karim Saab

Von Karim Saab

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