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Kultur Kampfhunde flogen aus dem Fenster
Nachrichten Kultur Kampfhunde flogen aus dem Fenster
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18:05 02.11.2017
Die Autorin Manja Präkels, geboren in Zehdenick (Oberhavel) Quelle: Nane Diehl
Zehdenick

Die ersten fünfzig Seiten lesen sich zuweilen wie ein Märchen, die Fische beißen gut, beim Angeln redet man über die kleine Zehdenicker Blase, und immer liegen irgendwo die Schnapskirschen, mit denen man die Ahnung eines Rausches ausprobiert. Hitler heißt noch nicht Hitler, sondern Oliver. Das Leben ist schön. Der Roman hebt an in weichem Dur.

Manja Präkels hat die Gabe, mit wenig Aufwand eine satte Welt zu bauen. Sie braucht dafür nicht mal Schalmeienklänge der Idylle, nicht den verhangenen Ton des Heimatromans, sondern nur den gut gegerbten Realismus der Pionierlager oder der Nachmittage bei Oma und Opa – zwischen ihren Zeilen singt stets ein Zehdenicker Vögelchen.

Das ist die Zeit, in der es die Gorillas noch nicht gab. Primaten, die später den Ton angeben sollten in Präkels Debütroman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“. Gorillas, das sind Nazis, die prügeln wollen, obwohl sie früher mit Mimi traut im Sandkasten spielten.

Mimi ist die Ich-Erzählerin des Buches, „natürlich steckt viel drin aus meinem Leben“, sagt Manja Präkels, 42 Jahre alt. Sie zieht an ihrer Zigarette und taxiert im defensiven Bereich: „Mehr als 50 Prozent von Mimi stammen aus meinem Leben.“ Einer Journalistin hat sie „88 Prozent“ als Anteil an der eigenen Biografie genannt. Ein Spiel. 88, das ist der Code für Hitler in der rechtsextremen Szene. Sie lacht. Das Lachen konnten die Gorillas ihr nicht austreiben.

Lesung am Samstag in Zehdenick

Manja Präkels’ Roman „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ (Verbrecher-Verlag, 232 Seiten, 20 Euro) erschien Ende Juli.

Die Autorin liest an diesem Samstag, 4.11.2017, um 19.30 Uhr in der Klosterscheune Zehdenick aus ihrem Buch. Karten unter Telefon 03307/2877.

Plötzlich geht im Buch das Angeln, die Kindheit und das leise Vogelzwitschern über Bord. Die Mutter „versuchte, mich mit Mode zu ködern. Vater lief beim Sonntagsspaziergang hinter mir, um meinen Gang zu korrigieren: Brust raus, Arsch rein, grade gehen, Füße parallel. Auf Fotos sollte ich jetzt lächeln oder ernst gucken. Grimassen ziehen hieß ab jetzt: sich hässlich machen. Hässlich. Was meinte das bloß? Alles war plötzlich verboten. Ich wurde immer verstockter, zog einen Dauerflunsch.“

Dies ist der Kippmoment ihres Romans. Denn: „Oliver lernte reden. Wenn man den Schulhofgerüchten Glauben schenkte, tanzten die Gorillas nun nach seiner Pfeife. Er hatte mich vergessen.“ Seine Kumpel nannten ihn Hitler.

Zehdenick (Oberhavel), das hier nur „kleine Havelstadt“ genannt wird, teilt sich. Die Fronten sind klar – hier die liberalen, linken „Zecken“ mit den bunten Haaren und langen, durchsoffenen Nächten, in denen Lieder mit undressierten Gitarren für den Herzschlag sorgen. Dort die „Gorillas“, vor allem junge Männer aus verarmtem Elternhaus, Verlierer der Wende. Denn um die Wendejahre geht es. Die Gorillas schmeißen ihren Kampfhund aus dem Fenster, wenn er die Zecken nicht brutal genug ins Bein beißt.

Die Gorillas bringen Krischi um, prügeln ihn zu Tode. „In der Realität ist die Figur an Ingo Ludwig angelehnt, der bei einem Nazi-Überfall umkam“, sagt Manja Präkels, sie nippt an ihrem Wasserglas, an dem eine Zitronenscheibe steckt. Lange wurde Ingo Ludwigs Tod als Unfall gedeutet, es gab nur eine Strafe auf Bewährung. „Unfassbar“, sagt Präkels. Dieser Moment war einer der Impulse, den Roman zu schreiben. Vieles war verschüttet. „Indem ich versuchte, die Ereignisse der Nacht zu rekonstruieren, habe ich uns, meine Freunde, Ingo und die stiefeltretenden Nachbarjungen aus dem unterirdischen Strom des Vergangenen kurz zurück ans Licht gezogen. Um zu erkennen, wer wir waren. Das war der Kraftakt.“

Dieser Kraftakt gelingt ihr mit einer Sprache, die immer journalistischer und erwachsener wird. Das Buch ist auch ein Gegenpol zum Reportageroman „Deutschboden“ von Moritz von Uslar, der vor sieben Jahren erschien. Der Berliner von Uslar fuhr nach Zehdenick, lernte junge Männer kennen und erzählt von ihnen. „Dieser Ansatz ist legitim“, sagt Manja Präkels heute, „doch ich kann nicht damit leben, wie niedlich sie nun ihre Geschichte darstellen. Diese Leute haben uns früher gejagt. Warum fragen sie nicht, wie es uns heute geht, warum entschuldigen sie sich nicht?“

Ihr Buch erzählt mit Kraft, doch ohne Furor die Sicht der Gegenseite. Es ist spannend. Sprachlich klar. Und öffnet die Augen.

Von Lars Grote

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