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Kultur Kaum zu glauben: Uschi Brüning wird 70
Nachrichten Kultur Kaum zu glauben: Uschi Brüning wird 70
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16:40 02.03.2017
Ein interessantes Duo, seit 35 Jahren auch im täglichen Leben: Uschi Brüning und Ernst-Ludwig Petrowsky. Quelle: Agentur /Müller
Berlin

„Das ist der Gag, dass es immer noch genau so aussieht“, freut sich Uschi Brüning. Sie hat die „Milchbar“ als Treffpunkt ausgesucht. Die Lokalität mit 70er Jahre-Charme versteckt sich im ehemaligen Gelände der Rundfunks der DDR in der Berliner Nalepastraße am Ende einer Sackgasse. Auf der anderen Seite des langen Flures liegt die große Kantine, die noch kein Investor wieder wachgeküsst hat. Alles hier steht unter Denkmalschutz.

Welch eine Ehre, Uschi Brüning hat Ernst-Ludwig Petrowsky mitgebracht, den Mann ihres Lebens, den sie und seine Freunde „Luten“ nennen! Die Sächsin und der Mecklenburger gelten als unzertrennlich und sind als Wahlberliner seit 35 Jahren verheiratet. Dabei galt der heute 83-jährige Saxophonist immer als Freejazz-Berserker und sie, die am 4. März 70 wird, als Fachfrau für den beseelten, runden, harmonischen Ton. Nach ihrem Start als Schlagersängerin Anfang der 1970er Jahre adaptierte die gebürtige Leipzigerin für DDR-Ohren westlichen Gospel und Soul, Blues und Swing, Modern Jazz und Samba. Und zwar auf eine so sympathische und unverwechselbare Weise, dass der Schauspielstar Manfred Krug nach vier Jahrzehnten der Trennung auf sie als Gesangspartnerin zurückkam.

Petrowsky hat sich ein kleines Mittagessen bestellt. Der zur Blume geformte Kartoffelbrei und die Minibratwürstchen dampfen auf dem Tisch. Uschi Brüning bietet an: „Wollen Sie kosten?“ Und noch einmal: „Sie können wirklich einmal kosten!“ Sie selbst trinkt einen Kaffee und erzählt, dass sie in der Nalepastraße ihre erste Studio-Aufnahme gemacht hat. „Es war ein Stück von Reinhard Lakomy. Ich war den Weg hergelaufen, wohnte damals in der Wilhelminenstraße in Schöneweide, das Zimmer hatte Luten an mich abgetreten.“ Auch Petrowsky verbindet mit dem DDR-Sender kreative Erlebnisse. „Ich war Leiter des Rundfunk-Jazz-Ensembles Studio IV, konnte mir die allerbesten Musiker aussuchen. Wir mussten nur jeden Monat eine sendefähige Stunde Jazz abliefern.“ Einmal hätten sie sogar das Küchenpersonal als Background-Chor hinzugezogen.

Seine Frau und Manfred Krug landeten 2014 mit dem Album „Auserwählt“ als Duo ein Comeback. Während der Schauspielstar stets mit Ironie auftrumpfte, wirkte Uschi Brüning eher ernst. „Mehr habe ich mir neben Krug nicht getraut, aber das Augenzwinkernde, das kann ich auch“, sagt sie mit einem witzigen Unterton. Krugs Tod im Oktober 2016 durchkreuzte alle weiteren Pläne. Aber der Produzent Andreas Bicking besann sich auf die Qualitäten von Uschi Brüning und nahm mit ihr das Solo-Album „So wie ich“ auf. Gerade wurde es in der Kategorie Sänger/National für den Echo Jazz 2017 nominiert.

Gratulationen lässt Uschi Brüning an sich abperlen. „Gut, wir haben mal drüber geredet, aber eine Nominierung bedeutet mir noch nichts. Soll ich mir jetzt die Brust schwellen lassen und dann schwillt sie wieder zurück?“, sagt sie keck. Dass aber eine „so ruhige Platte“ ein Jahr nach Erscheinen noch einmal in den Fokus rückt, kann ihr natürlich nur recht sein. Die Autogrammpost, vermeldet das Management, sei bereits angestiegen.

Wer „So wie ich“ hört und nichts über Uschi Brüning weiß, dürfte falsche Schlüsse ziehen. Zum einen wegen dieser kraftvollen, ganz und gar ungetrübten, jungen Stimme. „Ich klinge nun einmal nicht alt und verraucht wie Hildegard Knef“. Zum anderen, weil hier eine Interpretin weniger mit jazzigen als mit lyrischen Elementen aufwartet. Bis auf ein bisschen braven Scat-Gesang beim Ausblenden der Lieder geht Uschi Brüning, die auch rockig oder soulig röhren kann, kaum aus sicher heraus. Und es wird kaum improvisiert.

„Ich bin sehr froh über die Platte“, sagt sie, „aber natürlich ist mir das Wildere lieber. Die Plattenfirma geht davon aus, dass das Schaumgebremste besser ankommt.“ Der Produzent steht für anspruchsvolle deutsche Schlager, arbeitet sonst mit Veronika Fischer oder Angelika Mann zusammen. „Da es um eine sehr persönliche Platte geht und auch um meine Liebe, musste Petrowsky dabei sein. Es war schwer, ihn durchzusetzen. Er durfte nur in vier von 14 Stücken mitspielen“, erzählt Uschi Brüning.

In der Tat bekräftigen viele Lieder eine bestehende Liebe in einem feierlichen, besonnenen Ton. „Ich liebe die Endstimmung, die in allen Dingen wohnt, deshalb ist mir das traurige, ernste Genre auch näher.“ So hochgestochen und pathetisch, wie am Anfang ihrer Karriere, mag sie es heute aber nicht mehr. Ihr bekanntestes Lied, „Dein Name“, findet sich in einer unplugged-Version mit Piano auf der neuen CD. In den 1970ern wurde es mit Orgel und Frauchenchor arrangiert. „Damals wollte man immer an die Grenzen gehen“, erklärt Uschi Brüning. Und ihr Mann ergänzt: „Die Zartheit kommt dem Inhalt des Liedes viel näher als die Emphase. Das ist jetzt mehr eine Versballade, ein schönes kleines Liebeslied, während es früher eine Hymne war.“

Die Plattenfirma verlangte nach bekannten Stücke, die sie immer schon mal singen wollte. So findet sich auf der CD neben eingedeutschten Klassikern auch eine verswingte Version des Schlagers „Mit 17 hat man noch Träume“. Natürlich singt die Brüning das Lied nicht einfach nur nach, sondern findet ihre eigene Note. In diesem Fall reicht eine Viertelton-Abweichung. „Das ist so drin. Ich kann keine Melodie so singen wie sie da ist. Wenn ich ein Lied lerne, fange ich erst einmal an zu improvisieren.“

Am Anfang ihrer Karriere 1972 stand der Schlager „Dein Name“. Doch dann entwickelte sich Uschi Brüning zu einer vielseitigen Jazz-Interpretin. Mit Manfred Krug, der Klaus-Lenz-Big-Band, dem Günter-Fischer-Quintett und „Uschi Brüning &Co.“ nahm sie zahlreiche Lieder auf.

Der Titel „Dein Name“ findet sich in einer neuen Version auch auf ihrer CD „So wie ich“, die für den Echo 2017 nominiert wurde. Neben vielen anderen prominenten Interpreten wirkt sie auf der CD „Manfred Krug. Seine Lieder“ mit. Im Herbst ist eine Krug-Tournee geplant. Mit Ernst Ludwig Petrowsky brachte sie die CD „Kontraste“ heraus.

Die nächsten Auftritte: 10.3., 20 Uhr: Scala Werder. 1. 4., 19.30 Uhr Theater am Rand, Zollbrücke (Oderbruch). 21. 4., 20 Uhr, Theodor Fliedner Heim, Berlin-Mahlsdorf. 23. 4., 20 Uhr, Kulturkirche Neuruppin.

Nominiert für den Jazz Echo 2017. Quelle: Label

Mit 70 und 83 hat man natürlich auch noch Träume. Gerade denken die beiden über ein Buch nach, das sie schreiben sollen. „Eine Mischung aus dem, was wir erlebt haben und was unser Sein ausmacht, ein Buch über den Jazz.“ Petrowsky zieht ein kleines Notizbüchlein aus der Tasche mit Zitaten wie „Nichts ist intensiv genug, es sei denn vielleicht, es ist Jazz“ (Jean Cocteau).

„Meine allererste Liebe in Leipzig wollte, dass ich mich entscheide zwischen meinem amateurhaften Gesinge und Familie“, lässt Uschi Brüning blicken. Wäre der Musikerin ein Leben mit Kindern überhaupt möglich gewesen? „Ja und nein. Ich bin ohne Vater aufgewachsen und war immer alleine. Meine Mutter konnte nicht anders. Deshalb habe ich gedacht, wenn, dann müssen alle mit Freude beteiligt sein. Das war aber nicht der Fall.“ Und gibt zu: „Ich frage mich natürlich oft in stillen Stunden nach dem Sinn des Lebens. Nicht so sehr, weil ich keine Kinder habe, im Alter ist man sowieso alleine. Aber ich weiß, es gibt Dinge, die gehören zum Menschsein.“

Wenig später setzt Petrowsky dann auch mit einem kleinen Weltschmerz-Solo ein, das ein beinah tröstliches Ende nimmt. „Musik ist das wichtigste, was es gibt“, sagt er, „alles andere ist sinnlos. Die Sinnlosigkeiten greifen immer mehr um sich, je weiter die Globalisierung und die ganze Weltpolitik in die Hände von Verbrechern geraten. Da können wir uns wenigstens in die Musik hineinretten, der Jazz ist unser Refugium.“

„Haben Sie irgendwelche Einwände“, unterbricht die Sängerin ihren Mann, um das Gespräch wieder zu öffnen. Am Ende ist sich die kleine Runde in der Milchbar einig: „Musik ist die Flüchtigste aller Künste. Aber dadurch kommt die Musik dem Sein auch am nächsten, weil nichts von Dauer ist.“

Von einiger Verweildauer sollte aber noch ihr geruhsames Leben am Flughafen Schönefeld sein. „Dort leben wir in einer ausgebauten Dachlaube, wir nennen es unser Hutzelhäusel. Das Klavier steht im Schlafzimmer, dort übt Luten jeden Tag. Mein Reich ist, wo früher das Gerümpel war, auf dem Dachboden. Wir haben die Hoffnung, dass das mit dem Flughafen nichts mehr wird, das ist ja jetzt schon eine unglaubliche Geschichte.“ In den 80er Jahren seien die Flugzeuge noch drei Mal lauter gewesen. Für unsere Gäste war das immer etwas Besonderes, die Flugzeuge so direkt über dem Haus. Manchmal fiel das ganze Obst von den Bäumen.“ Gleich nach der Wende bekamen sie Lärmschutzfenster. „Wenn der Flughafen wirklich einmal in Betrieb genommen wird, dann wird es schrecklich. Dann können wir uns nur noch im Haus aufhalten“, sagt Uschi Brüning. Und zu Luten gewandt: „Quatsche ich zu viel? Nicht dass Du später sagst, erst nimmst Du mich mit und dann lässt Du mich nicht zu Wort kommen!“

Petrowksy ergänzt noch, ihr eigentliches Wohnzimmer sei der Garten. „Da darf wachsen, was kommt, kein Rassismus unter den Pflanzen, da herrscht Freejazz“. „Na ja, manchmal greife ich dann doch zum Rasenmäher“, ergänzt Uschi Brüning.

Von Karim Saab

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