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Kaurismäki wird heiß gehandelt

Erstes Fazit zur 67. Berlinale Kaurismäki wird heiß gehandelt

Die Berlinale-Beiträge waren laut Filmkritiker Stefan Stosch eher mäßig. Aki Kaurismäkis „Die andere Seite der Hoffnung“ ist einer der wenigen Filme mit Bären-Potenzial. Warum wird der Spielfilm des Finnen so heiß gehandelt? Und mit welchen Problemen hatte Festivalchef Dieter Kosslick zu kämpfen? Ein Rückblick.

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Filmszene aus „Die andere Seite der Hoffnung“

Quelle: Berlinale

Berlin . Ein hagerer Typ mit wuselig-weißem Haar steht ungeduldig auf der Bühne. Er trägt eine Safarijacke, so als schaue er mal eben kurz von einer Expedition herein. Zeit ist knapp, wenn man 81 ist und Projekte verfolgt, deren Verwirklichung kleine Ewigkeiten dauern. 23 Jahre und vier Bundespräsidenten brauchte es, bis Christo 1995 den Reichstag verhüllen durfte. Nun will er eine Skulptur aus 400 000 Ölfässern in die Wüste setzen. Erst einmal aber macht der New Yorker Verpackungskünstler jungen Berlinale-Regisseuren Mut - gegen alle Widerstände. „Courage: Against all Odds“, lautet der Titel seiner Ein-Mann-Show. „Leg einfach los, wenn du glaubst, du kannst es schaffen.“ Scheitern ist aber auch okay, bei 37 Projekten bekam Christo nie eine Genehmigung (bei 23 schon). Sein US-Projekt „Over The River“ hat er in Trump-Zeiten lieber abgeblasen. Denn gleich noch einen Rat hat er: Kunst solle keinesfalls die Politik illustrieren.

Der Finne Aki Kaurismäki überführt in „Die andere Seite der Hoffnung“ die Geschichte eines syrischen Flüchtlings ins Poetisch-Utopische

Der Finne Aki Kaurismäki überführt in „Die andere Seite der Hoffnung“ die Geschichte eines syrischen Flüchtlings ins Poetisch-Utopische

Quelle: imago stock&people

Die Wettbewerbsteilnehmer der 67. Berlinale scheinen da auf gutem Wege zu sein, selbst bei brisanten Themen: Der Finne Aki Kaurismäki überführt die Geschichte eines syrischen Flüchtlings ins Poetisch-Utopische. Hinter seinem lakonischen Märchen „Die andere Seite der Hoffnung“ steckt die unstillbare Sehnsucht, dass die Menschen vielleicht doch zu Solidarität fähig sind. Trotz aller gegenteiligen Erfahrung.

Kaurismäki werden Siegeschancen eingeräumt. Bereits neun Filme liefen von ihm bei der Berlinale, aber dies ist der erste im Wettbewerb. Im Vorjahr traf die Lampedusa-Doku „Seefeuer“ direkt ins Herz des Festivals. Und was sagt der brummbärige Finne, während er an seiner Elektrozigarette zieht? „Wenn wir Menschen uns nicht menschlich verhalten, wozu sind wir dann überhaupt da?“

Im Film appelliert der finnische Regisseur an die Menschlichkeit

Im Film appelliert der finnische Regisseur an die Menschlichkeit

Quelle: Berlinale

Insgesamt aber hatte die 67. Berlinale nach ordentlichem Start wenig Zwingendes im Wettbewerb. Das Zeitfenster für die Filmakquise ist schmal für Festivalchef Dieter Kosslick: Die heißen Oscar-Kandidaten aus den USA laufen schon vorher in Venedig („La La Land“), Toronto („Moonlight“) oder Sundance („Manchester by the Sea“), die namhaften Autorenfilmer aus aller Welt setzen auf Cannes im Mai. Und dann sagten noch Stars wie Penélope Cruz oder Ethan Hawke ab.

Der Spaziergang von Hollywoodstar Hugh Jackman für seinen Superhelden-Film „Logan“ am Donnerstag über den roten Teppich war teuer erkauft: Der geschmacklose Abschluss der Mutanten-Saga um Wolverine ist so brutal, dass die 2005 geborene Kinderdarstellerin Dafne Keen an Jackmans Seite womöglich ihren eigenen Film in deutschen Kino gar nicht schauen darf (noch steht die FSK-Altersfreigabe aus). Viele Köpfe schlitzt das Killerkind mit den Scherenhänden auf.

So galt es in den eineinhalb Berlinale-Wochen, cineastische Blumen am Wegesrand zu pflücken. Die wundersame Schlachthof-Liebesgeschichte „On Body and Soul“ aus Ungarn entzückte. Die toughe Transgender-Frau aus Chile in „A fantastic Woman“ beeindruckte. In „The Dinner“ zerlegten sich Vertreter der US-Elite beim Abendessen selbst. Wer sonst noch vor den Augen der Jury um ihren Präsidenten Paul Verhoeven bestehen könnte? Vielleicht wird der dem Deftigen zugeneigte Regisseur („Basic Instinct“) schwach bei dem Berufskiller „Mr. Long“ aus Taiwan, der erst choreografisch einwandfrei mit dem Messer seinem Job nachgeht, aber dann dank seiner Kochkünste zum Ersatzvater wird. Und der Chinese Liu Jian lieferte mit „Einen schönen Tag noch“ eine biestige Abrechnung mit seinem sich rasant verändernden Heimatland, in dem die Gier regiert – das Ganze in Comicform und in beinahe erstarrten Bildern.

Tut man der 67. Berlinale gar Unrecht mit einem zu harschen Urteil? Vielleicht sollte man einen Schritt zurücktreten, wie es Frankreichs Kinodiva Catherine Deneuve getan hat. Auf heftige Kritik an ihrer Tragikomödie „Ein Kuss von Béatrice“ erinnerte sie, kaum jemand habe 1969 ihrem Truffaut-Film „Das Geheimnis der falschen Braut“ Aufmerksamkeit geschenkt. Ein halbes Jahrhundert später gelte er als Meisterwerk. Warten wir gespannt, welche Überraschungen die Preisverleihung am Samstag bringt.

Von Stefan Stosch

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