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Kultur Keimzeit haben Album mit Moses Schneider aufgenommen
Nachrichten Kultur Keimzeit haben Album mit Moses Schneider aufgenommen
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19:15 30.01.2019
Keimzeit: Lin Dittmann, Hartmut Leisegang, Norbert Leisegang, Andreas „Spatz“ Sperling, Sebastian Piskorz und Martin Weigel (v. l.). Quelle: Bernd Brundert
Potsdam

Das Café mit seinem dunklen Holz und diesem atemlosen Wispern, das immer nach Geheimnis klingt, ist ein gutes Pflaster für Norbert Leisegang, 58 Jahre, Mitgründer der Band Keimzeit. Sie gehört noch immer zu den besten deutschen Formationen, ihren Anfang nahm sie in Bad Belzig (Potsdam-Mittelmark). Wer Leisegang anschaut, hat das Gefühl, er käme auch als Surfer in Kalifornien durch, mit seinem breiten Lachen und der versonnenen Selbstsicherheit. Er spricht klar und ohne Eile, als sitze er vorm Mikrofon, und alles, was er sagt, sei für die Ewigkeit.

Hier die Leute, die sich am Latte Macchiato betrinken und im Laptop verlorengehen. Dort der Sänger, der aus dem Fenster des Cafés schaut und erstmal Atem holt, bevor er redet. „Ich bin ein langsamer Verbraucher“, urteilt Leisegang, „ich bin schnell überlastet.“ Ein Streaming-Dienst wie Deezer oder Spotify lohne sich für ihn nicht, „ich höre zu wenig Musik“. Zehn Alben im Jahr, „dann bin ich gesättigt.“ Zuletzt hat er Maxim entdeckt, einen jungen Rapper, den er über die Arbeit an einer Platte kennenlernte, auf der Songs für Kinder eingespielt wurden.

Zur Band

Die Band um Sänger und Gitarrist Norbert Leisegang hatte sich 1980 im Belziger Ortsteil Lütte zunächst unter dem Namen Jogger gegründet. Seit 1982 tritt sie als Keimzeit auf.

Das Debüt von Keimzeit erschien 1990 und heißt „Irrenhaus“, im vergangenen Jahr wurden die Aufnahmen in einer Neuveröffentlichung noch einmal aufgelegt.

Keimzeits neues Album „Das Schloss“ ist bei Comic Helden/Edel erschienen. Die Band spielt am 7. Juli in Marienwerder, 27. Juli in Bad Belzig, 16. August in Brandenburg/Havel und am 11. Oktober in Potsdam. Karten in der MAZ-Ticketeria unter 0331/2840284.

Andererseits lebt Norbert Leisegang entspannt mit all den Streaming-Diensten, „ich sage nicht, ihr zerdemmelt uns das Werk“, weil sie die Künstler schlecht bezahlen würden und die Songs meist nicht als Reihung eines Albums wahrgenommen werden, sondern als einzelne, isolierte Lieder. Er hadert nicht mit der Moderne, auch wenn er als Sohn eines Sportlehrers noch die alten Werte kennt. Regelmäßig geht er zum Geräteturnen, um sich beweglich zu halten.

Ist die Album-Form noch zeitgemäß, hat er sich gefragt. Kauft das noch jemand? Oder nehmen wir zunächst mal eine Single auf, ein schickes Video dazu, und wenn es läuft, dann legen wir ein Album nach? Nein, diesen Umweg habe sie verworfen. Sie haben zwölf Songs eingespielt, haben sich Moses Schneider als Produzenten geholt, der in Deutschland den Ruf eines Stars genießt. Auch die Beatsteaks, Tocotronic oder AnnenMayKantereit arbeiten mit ihm.

In Schönheit getauchter Krawall

„Das Schloss“ ist wieder eine Keimzeit-Platte, die akustisch und klug klingt, zwischendurch spielt sie mit Hiphop („Der fliegende Teppich“) oder man erahnt, dass Schneider mal die Pixies produziert hat, deren derber, in Schönheit getauchter Krawall auch bei „Actionkalle“, einem Keimzeit-Song, regiert. Sonst begleitet eine kultivierte, nie gelangweilte Gitarre das Album, welches Norbert Leisegang dem Produzenten Schneider erstmal schmackhaft machen musste.

Mittlerweile sind gut 20 Alben der Band veröffentlicht, auch immer wieder Mitschnitte von Live-Auftritten, die Konzerte von Keimzeit dauerten während der frühen Jahre um 1985 nahezu fünf Stunden. Schon bei den letzten Aufnahmen zu „Auf einem Esel ins All“, das 2015 erschien, wollten Keimzeit mit Moses Schneider zusammenarbeiten. Sie schickten ihm Demos, er sagte, „nee, bin zu beschäftigt, ich brauche Zeit für die Familie, aber macht das ruhig weiter so, ihr habt euren Stil gefunden.“

Leisegang wusste nicht, ob das im Grunde heißen soll: „Ich kann mit euch nichts anfangen.“ In seinen Songs textet er zwischen den Zeilen, im Leben außerhalb der Lieder aber mag er es deutlich. Er rief während der Vorbereitungen zum „Schloss“ nochmal bei Schneider an: „Du wirst uns nicht los!“ Moses Schneider sagte, „dann müssen wir das wohl machen“, er lachte.

„Raus aus der Komfortzone!“

„Wir brauchen einen externen Produzenten“, erklärt Norbert Leisegang, „weil es uns nicht immer auffällt, wenn etwas in die falsche Richtung läuft.“ Die Band schätzt Schneiders „Soundästhetik“, er nimmt Songs in einem Rutsch auf, nahezu als Live-Situation. Bei Keimzeit lief das bisher anders, „wir haben die Tonspuren oft gestapelt und dann zusammengesetzt.“

Die Band erzählte ihrem Produzenten: „Wir kennen schöne Studios, wir sind rumgekommen: Andalusien, Malta, Norwegen, wo gefällt es dir am besten?“ Moses Schneider sagte, „so läuft das nicht, ich hole euch raus aus eurer Komfortzone – wir nehmen in Berlin auf!“ Und Leisegang dachte: „Dann holt der eine um drei sein Kinder ab und der andere hat einen Arzttermin, wie soll man sich da konzentrieren?“

Schneider hat die Band gefordert, sie zog mit. „Wir planen nur eine Woche für die Aufnahmen“, gab Schneider vor, die Band hatte Zweifel. Eine Woche? Bisher hatten sie immer zwei. Sie begannen mit drei Songs am ersten Tag. An Tag vier war alles fertig.

Sie haben den Sound „gefeiert“, erinnert sich Leisegang, es klang großartig. Unbehagen aber blieb mitunter bei der Songauswahl. Fünf, sechs Lieder wurden vom Album geworfen. Die Band und Schneider waren sich nicht immer einig, welche runter sollten. „Was meinst du mit diesem Lied?“, fragte Moses Schneider, „das ist doch total verkünstelt!“ Leisegang wusste, „wenn Moses die Songs nicht versteht, sind sie nicht gut genug. Er ist ein geradliniger, im besten Sinne einfacher Mensch. Wir müssen ihn überzeugen, dann überzeugen wir auch das Publikum.“

Für ein Viertel der Songs wurde auf Schneiders Vorschlag hin ein neuer Sound gewählt. Norbert Leisegang merkt, dass seine Lieder an diesen Diskussionen wachsen. „Meine Stücke waren früher naiver. Bis du 27 bist, spürst du die Kraft des Rock’n’Roll in dir. Doch plötzlich fängst du an, zu reflektieren. Die Songs werden klüger, doch das Publikum liebt weiterhin die alten Lieder aus der frechen, blauäugigen Zeit.“ Das ist ein Zwiespalt für den Künstler. Norbert Leisegang schaut aus dem Fenster. Er ist nicht mehr naiv. Und zu klug, den alten Zeiten nachzuweinen.

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