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00:34 30.05.2018
Das „AdAstra Piano Trio" Katowice. Quelle: Mariya boyanova
Potsdam

Samstagabend, draußen kreischen die Schwalben. Fast jeder zweite Zuhörer im Potsdamer Kunsthaus Sans Titre dürfte ein Komponist sein. Die Fenster stehen weit offen. Wer nicht die Augen geschlossen hat, blickt auf eine kleine energische Frau, die hinter einem breiten Notenständer sitzt und den Balg eines großen Akkordeons ruckweise in die Breite zieht. Die etwa 50 Besucher hören gerade nur laute, tonlose Schnaufer, denn Christine Paté drückt absichtlich keinen Knopf. Neben ihr steht ein großer Mann mit einem ewig langen Spielgerät. Einer der wärmsten und tiefsten Töne, den überhaupt ein Blasinstrument hervorzubringen vermag, steht noch im Raum. Matthias Badczong stellt die Bassklarinette ab, greift nach einer Sopranklarinette und geht durch die Reihen der Zuhörer in eine Ecke des Raumes. Dort steht ebenfalls ein Notenständer. Ehe er in einer viel höheren Oktave neu ansetzt, variieren Lautsprecher ein klapperndes Geräusch, das sich mit einem Martinshorn von draußen mischt.

Am Wochenende startete das diesjährige Brandenburgische Fest Neuer Musik, das den schönen Namen Intersonanzen hat. Das Duo, das gerade musiziert, führt „structurescape“ von Thomas Gerwin auf, eine der wenigen Kompositionen, die schon einmal woanders zu hören war. Bis zum 3. Juni werden in Potsdam 42 Werke uraufgeführt. Gerwin, der in der ersten Reihe an einem Laptop sitzt und die elektroakustischen Einspielungen über Lautsprecher steuert, lebt in Strausberg und ist Vorsitzender des Brandenburgischen Verein Neue Musik e.V. Als Festivalleiter hat er ein Thema vorgegeben - „Stimmt! Gestus und Artikulation“- und die Konzertformate festgelegt. Er hat hochprofessionelle Ensembles und Solisten verpflichtet, die mit ihren Instrumenten ganz unterschiedliche Klangfarben ermöglichen. Komponisten und Soundexperten wie Peter Köszeghy, Georg Katzer oder Michael Schenk ließen sich durch diese Gelegenheit zu neuen Werken herausfordern, obwohl sie dafür kein Geld bekommen. Die 60 000 Euro, die das Land Brandenburg und die Stadt Potsdam für die 14 Konzerte bereitgestellt haben, gehen vor allem für die Musiker drauf, die nicht nur aus Berlin, sondern in diesem Jahr auch aus Moskau und dem polnischen Katowice anreisen.

Bei der Eröffnungsveranstaltung am Freitagabend trat mit dem Gemischten Chor aus Strausberg auch ein Laienensemble auf, das sich der Neuen Musik verschrieben hat. Unter der Leitung von Wilfried Staufenbiel, der auch Solopassagen sang, wagen die 35 meist älteren Frauen und Männer auch einen Sprech- und Rap-Gesang mit gesellschaftskritischem Inhalt (“Kanon statt Kanonen“). Ein Kyrie mit starker Clusterbildung widmen sie dem gerade verstorbenen Komponisten Hermann Keller. Dagegen setzt der Soloperformer Erik Drescher einen recht artifiziellen Kontrast. Er demonstriert mit unterschiedlichen Blastechniken auf einer exotischen Querflöte mit beweglichem Mundstück, dass sich nicht nur mit der Posaune stufenlose Gleittöne (Glissandi) erzeugen lassen.

Das AdAstra Piano Trio aus Katowice (Piano, Violine und Violoncello) brachte auch aktuelle Werke von polnischen Komponisten mit, die viel deutlicher auf Effekte und Emotionen, auf Harmonie, Metrum und Pathos setzen als die ihrer deutschen Kollegen. Dabei klingt die Neue Musik 2018 nur selten noch schrill, angestrengt und verkopft, wie viele Menschen befürchten. Großen Zuspruch erfährt der Potsdamer Komponist Gisbert Näther für sein temperamentvoll-expressives Werk „Irrwege“, in dem er markante Ausdrucksfiguren beherzt gegeneinander setzt und verschiedene Haltungen durchspielt. Für Näther ist das Komponieren kein Rückzug in geistige Gefilde, sondern eine konkrete, sinnliche Auseinandersetzung mit einem Thema. Von ihm gibt es bereits eine Reihe einfacher Stücke, mit denen sich auch Jugendliche an zeitgenössische Klangbilder heranführen lassen. Thomas Gerwin und Matthias Holz, der stellvertretende Direktor der Musikschule Potsdam, treten vor das Auditorium und versprechen, Brandenburgs Komponisten künftig mehr Musikliteratur für den Nachwuchs abzuverlangen.

Gerade Heranwachsende suchen doch die Gegenwart in der Musik und die Musik zur Gegenwart. Was im Pop selbstverständlich ist, sollte irgendwann auch wieder beim Musizieren auf klassischen Instrumente gelten. Gerwin nimmt den Begriff Neue Musik nicht mehr in den Mund, weil er einen schlechten Ruf habe. Er spricht von Klingender Kunst (analog zu Bildender Kunst) und möchte, dass auch Geräusche, Sounderlebnisse und Klänge einbezogen werden.

Eines fiel bei den Konzerten am Wochenende auf. Keiner der anwesenden Komponisten stand auf, um während des Konzertes ein Fenster zu schließen. Der Kreis der Zuhörer bestand nicht auf eine sterile Stille, wie sie in fensterlosen Konzertsälen herrrscht, sondern genoss es durchaus, wenn die Interpretation der Stücke durch Vogelgezwitscher und Straßenverkehr tangiert wurde. Schließlich sind viele Kompositionen auch wie Collagen gebaut. Und ihre Ausdrucksskala beschränkt sich nicht auf zwölf abgerundete, reine Halbtöne. Auch brüchige Obertöne, vibrierende Spektren und tonlose Geräusche können viel erzählen. Nachzuhören war das eindrucksvoll in einer Uraufführung mit dem Titel „Spuren, verbleibend“. Das Stück von Ralf Hoyer, geschrieben für Akkordeon und Bassklarinette, handelt vom Kommen und Gehen der Töne. „Stimmt!“, möchte man in den Beifall hineinrufen - alles in allem klingt das Leben heute so.

Von Karim Saab

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