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„Körper und Seele“ – Der Berlinale-Sieger läuft an

Kino „Körper und Seele“ – Der Berlinale-Sieger läuft an

Die poetisch-skurrile Liebesgeschichte „Körper und Seele“ aus Ungarn (Kinostart am 21. September) errang beim Berliner Filmfestival 2017 den Goldenen Bären. Regisseurin Ildikó Enyedi zeigt, dass auch in einer Budapester Fleischfabrik zarte Gefühle zwischen zwei Menschen wachsen können.

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Sie lächelt nie und liebt doch: Maria (Alexandra Borbély) mit dem Schlachthofchef Endre (Géza Morcsányl).

Quelle: Foto: Alamode

, Hannover. An welchem Ort hält man eine poetische Liebesgeschichte wohl für am wenigsten wahrscheinlich? Ein Schlachthaus hätte jedenfalls beste Aussicht auf einen Spitzenplatz bei diesem Ranking: Brav muhende Rinder werden in die Tötungsanlagen hineingetrieben und kommen als Steaks wieder heraus. Und doch beweist der Berlinale-Siegerfilm „Körper und Seele“ von der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, dass auch in einer Budapester Fleischfabrik zarte Gefühle zwischen zwei Menschen wachsen können.

Eine penible Protokollantin

Eine übliche Romanze sollte man also keinesfalls erwarten, das Hinschauen wird einem nicht in jeder Szene leicht gemacht. Den Weg zum Steak verfolgen wir in „Körper und Seele“ beinahe dokumentarisch genau. Wir blicken einem gutgläubigen Rind ins Auge, kurz bevor der Bolzenschuss es trifft. Dann wird das Vieh geköpft und zerteilt, so wie es im Schlachthaus üblich ist. Das Prozedere, zigtausendfach erprobt, läuft mitleidlos, aber weniger brutal als effektiv ab.

Irgendwann wirft in diesem Film auch Kontrolleurin Maria einen sehr genauen Blick auf das Fleisch auf den Transportbändern. Jedes Gramm Fett zu viel wird von ihr peinlich genau protokolliert. Zum Ärger der Kollegen: Denn nun lässt sich die Ware nur noch zu einem schlechteren Preis auf den Markt bringen.

Die Liebe des Hirschen zur Hirschkuh

Aber so ist es nun mal Marias Art. Sie hält sich an jeder Regel fest, die es ihr erleichtert, sich zwischen ihren Mitmenschen zu bewegen. Abends in ihrer Wohnung spielt sie mit Pfeffer- und Salzstreuer Dialoge des Tages durch, um ihr soziales Verhalten zu trainieren. Maria ist Autistin und eine der beiden Liebenden in „Körper und Seele“, der andere ist Schlachthof-Chef Endre, ein älterer Mann mit einem steifen Arm. Er hat die Liebe für sich längst schon abgehakt. Aber er ist der Einzige im Schlachthof, der mit der niemals lächelnden und auch deshalb unbeliebten Maria ins Gespräch zu kommen versucht.

Bis diese beiden allerdings in der Kantine auch nur gegenüber am Tisch Platz nehmen, dauert es eine kleine Ewigkeit. Einstweilen erblicken wir rätselhafte Szenen mit Hirsch und Hirschkuh in einem verschneiten Wald. Die friedlichen Bilder von den einander zugetanen Tieren stehen in denkbar hartem Kontrast zum Schlachthof. Einmal reiben Hirsch und Hirschkuh sanft die Nasen aneinander beim Trinken aus einem Bach, ein anderes Mal legt er ihr seinen Kopf auf den Rücken. Immer wieder hält man den Atem an, ob den Hirschen nicht im nächsten Augenblick ein Unglück widerfahren und ein Schuss durch die Bäume hallen wird.

Der Film driftet nie ins Fantastische ab

Dabei driftet der Film aber keineswegs ins Märchenhafte oder Fantastische ab. Das erfahren wir, als im Schlachthaus sogenanntes Bullenpulver gestohlen wird, ein Potenzmittel fürs Rindvieh. Die Untersuchung des Falles bezieht, warum auch immer, das Psychologische ein. Und was geben Maria und Endre bei den Befragungen unabhängig voneinander zu Protokoll? Sie träumen beinahe jede Nacht davon, ein Hirsch und eine Hirschkuh zu sein – und sie träumen offenbar auch noch synchron.

Von nun an kann es vorkommen, dass sich die beiden in der Kantine mit vollem Tablett begegnen, und Fleischkontrolleurin Maria (die Theaterschauspielerin Alexandra Borbély) Schlachthauschef Endre (Géza Morcsányl, von Haus aus Verleger, hier in seiner ersten Filmrolle) beinahe vorwurfsvoll anspricht: „Ich habe Sie heute Nacht am Bach gesucht.“ Mit der Komik solcher Situationen geht die Regisseurin zurückhaltend um. Regisseurin Enyedi scheint ihre beiden Helden schmunzelnd und aus ruhiger Distanz zu beobachten.

Eine empfindsamere Liebesgeschichte hat man selten gesehen

Aus der Seelenverwandtschaft entwickelt sich ein Liebesverhältnis zwischen den beiden. Zwei Einsame retten sich gegenseitig – und bescheren dem Zuschauer ein genauso sanftes wie intensives Kinoerlebnis. Eine empfindsamere und originellere Liebesgeschichte über Körper und Seele und wie beides miteinander zusammenhängt hat man selten gesehen.

Besonders Marias emotionales Erwachen berührt: Wie sie lernt, den Sonnenschein auf Ihrer Haut zuzulassen, vor dem sie eben noch zurückgezuckt ist. Oder wie sie sich versuchsweise auf den Rasen unter eine Bewässerungsanlage legt und das Wasser auf ihrem Körper spürt.

Bei der Berlinale im Februar lief „Körper und Seele“ als erster Film im Wettbewerb, firmierte fortan nur noch als der Film mit den Hirschen und galt bis Festivalschluss als ein Favorit für den Goldenen Bären. Und dann gewann diese so poetische, subtile, zurückhaltende, keineswegs sentimentale, nie parabelhaft wirkende und doch über sich selbst hinausweisende Tragikomödie tatsächlich den Hauptpreis.

Von Stefan Stosch / RND

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