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Kultur Nach dem Echo-Skandal: Wenn Worte Klima schaffen
Nachrichten Kultur Nach dem Echo-Skandal: Wenn Worte Klima schaffen
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09:23 07.12.2018
Skandalumwittert: Der Deutschrapper Kollegah bringt diesen Freitag sein neues Album „Monument“ heraus. Quelle: Matthias Balk/dpa
Berlin

Felix Blume, wie Kollegah mit bürgerlichem Namen heißt, ist 34 Jahre alt, hat Abitur, Jura bis zur Scheinfreiheit studiert, zeitweise als Übersetzer gearbeitet und 2016 schließlich sein eigenes Label Alpha Music Empire gegründet. Felix Blume weiß, was er macht – und er weiß um die Wirkung seiner Worte. Mit ihnen bricht er Verkaufs- und Chartrekorde. Mit ihnen schafft er sich ein Millionenpublikum – allein auf Youtube, Facebook und Instagram hat er über vier Millionen Follower. Seine Worte sprechen für seinen Erfolg und widersprechen gleichzeitig dem gesellschaftlichen Konsens in puncto Sexismus, Homophobie oder Antisemitismus.

Kollegah: Der Echo-Skandal habe ihn verändert

Mit seinem neuen Doppelalbum „Monument“, das nicht weniger als 43 Songs umfasst, wolle er nun eine andere Seite zeigen. Es sei „das Album, das am weitesten weg ist von der Kunstfigur und dem Image, das man oberflächlich kennt: der goldkettenbehangene, Pelzmantel tragende Über-Pimp“, sagt Kollegah. Und: Der Echo-Skandal habe ihn verändert. Neue Antisemitismusvorwürfe gibt es dennoch. In einem Interview mit Hiphop.de verglich er jüngst die Ermordung von sechs Millionen Juden mit der Situation in den Palästinensergebieten. Seine Aussage sei aus dem Zusammenhang gerissen worden, sagte der laut eigenen Angaben gläubige Moslem später. Toleranz sei ihm wichtig. Er selbst sei lernfähig, lernbereit, überprüfe und revidiere sein Weltbild immer wieder.

Auch die Echo-Verantwortlichen wussten, was sie machen. Allein die Nominierung des Albums „Jung brutal gutaussehend 3“ (JBG III) sorgte schon für einen Aufschrei. In dem Lied „0815“ rappt Farid Bang unter anderem: „Mein Körper definierter als von Auschwitz-Insassen“ – „Mache mal wieder ’nen Holocaust, komm an mit dem Molotow“. Die Wortwahl missbilligte der Ethikrat zwar, erklärte die Nominierung aber für zulässig. Es sei ein Grenzfall. Dass man sich diesen nun aber ausgerechnet am 12. April, dem Holocaust-Gedenktag in Israel, ins Haus holt, das hat die Öffentlichkeit nicht verziehen.

Kollegahs Antwort auf die schlagzeilenträchtigen Monate

Jetzt, fast acht Monate später, bringt Kollegah sein laut eigener Aussage letztes Soloalbum heraus. Die künstlerische Essenz seines Schaffens, sein neues Kapitel, sein Abschluss, so Kollegah. Seine Antwort auf die vergangenen schlagzeilenträchtigen Monate. „Fünfzehn Jahre Battle-Rap, fünfzehn Jahre stumpfe Lines – Auf einmal fragen sie: ‚Passt das noch in den Rahmen Kunstfreiheit?‘ – Ich fühlte mich wie der Staatsfeind Nummer eins – Bundesweit nur Skandale, die Dramatik unerreicht – Druck steigt, und es hagelt auf mich ein“, rappt er im ersten Albumtrack „Dear Lord“.

Während Verband und Verantwortliche noch ihre Wunden lecken und Experten mal wieder überlegen, wo künstlerische Freiheit anfängt und wo sie aufhört, und was eigentlich mit dieser Gesellschaft los ist, dass sie solchen verrohenden und gewaltverherrlichenden Songs Bühne und Ohr leiht, hat Kollegah seine Worte wiedergefunden und schlägt Profit aus dem Skandal. „Dieses Leben ist ein Kampf und kein Disney-Film – Was weißt du von Siegerlächeln, wenn das ganze Land dich ficken will?“, textet er in dem Track „Löwe“. Und: „Ja, ich kann nicht nur Türen öffnen, sondern eintreten – Doch sie scheitern schon am Reingehen“.

Provokation um der Provokation willen

Zumindest in den schon vor der Albumveröffentlichung gestreamten Songs sucht man antisemitische Textzeilen wie in dem Echo vernichtenden Song „0815“ vergeblich. Das dürfte einige Gemüter beruhigen. Doch frauenfeindliche und gewaltverherrlichende Passagen bleiben. „Ich bange Bitches bis zur Steißbeinfraktur“, heißt es zum Beispiel in „Empire State of Grind“, die erste Single aus Kollegahs Hoodtape Volume 3, dem zweiten Teil von „Monument“. Oder: „Das erste Mal zu hart schlagen und Knochen knacken hören“ und „Wenn das Messer sticht, ich vergebe und vergesse nicht“ („Das erste Mal“).

Provokation um der Provokation willen, sagte der jüdische Starpianist Igor Levit bereits nachdem er seinen Echo zurückgegeben hatte. Aber auch: Worte schaffen Klima. Und dieses Klima nährt einen Boden, der schon lange fremden-, schwulen- und frauenfeindliche Wurzeln trägt. Das Problem beschränke sich nicht auf die Rapszene, sondern sei ein gesamtgesellschaftliches, sagen auch jüdische Rapper wie Spongebozz oder Ben Salomo, der im Zuge des Echo-Aprils seinen Rückzug aus der Hip-Hop-Szene angekündigt hatte.

Wie also in Zukunft damit umgehen? Ignorieren, zensieren – „JBG III“ steht mittlerweile als jugendgefährdend auf dem Index – oder (nur) kommentieren? Ben Salomo sagte damals, es reiche nicht aus, wenn Juden für Juden sprechen. Die Nichtjuden müssten auch für die Juden sprechen. Demnach müssten die Männer für die Frauen sprechen. Die Nichtschwulen für die Schwulen und so weiter. Der Gangsta-Rap wird gern als der Spiegel der Gesellschaft gesehen. Diese muss nun selbst Worte finden.

Von Amina Linke / RND

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