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00:20 11.06.2018
Spielte am Donnerstag in der ausverkauften Berliner Waldbühne: Campino und die Toten Hosen. Quelle: dpa (Symbolbild)
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Berlin

Eigentlich ist das kein Punk, was die Toten Hosen spielen, sondern Partymusik mit „Hallo Wach“-Pille im Blut. Die Band dreht gerne am Rad und singt die Stücke wie im Remix – sie schickt die Lieder windschnittig und unter Hochdruck hoch in den Berliner Himmel, der langsam dämmert. Die Toten Hosen drücken aufs Tempo, als müsse man’s hinter sich bringen. Weil so viel Nostalgie in ihrer Setlist steckt, dass sich die Band von einer Erinnerung zur nächsten hangelt. Nichts vergessen, alles muss raus.

Denn in der ausverkauften Waldbühne am Donnerstag fiebern die Leute, sie nehmen diesen Auftritt wie ein Blick ins Tagebuch, bei „Alles nur, weil ich dich liebe“ denken sie an einen beschwipsten Kuss, bei „Bonnie und Clyde“ erinnern sie sich, wie sie ihren Partner kennenlernten. Und die jungen Frauen, die noch nicht geboren waren, als die Band lustige Stücke wie „Eisgekühlter Bommerlunder“ spielte, tanzen zu den Songs, als seien sie in Woodstock: barfuß, versunken, sehr empfindsam.

Die Toten Hosen spielen noch immer Punk

Dabei ist das Punk! Eine trinkfeste Spielart, zu der man nicht tanzen muss, es reicht ein Zucken. Campino, Sänger der Toten Hosen, hat sich in letzter Zeit bemüht, dieses Punk-Image gehörig zu polieren. Vor einer Woche stieg er nachts unerlaubt in ein Dresdner Freibad und machte ein Selfie mit zwei Frauen im Arm. Vor zwei Wochen ließ er sich nach dem Champions-League-Finale mit dem Liverpool-Trainer Klopp und dem Journalisten Johannes B. Kerner fotografieren. Liverpool, das ist der beinharte englische Fußball. Kerner aber, das ist die deutsche Labermaschine, der absolute Gegenpol zum rüden, knappen Punk. Campino steuert einen nicht ganz klaren Kurs in seiner Außendarstellung, so viel ist sicher.

Doch so ein Abend in der Waldbühne ist sein Terrain. Die Leute auf den Rängen wissen, was sie singen müssen (diese langen, unkoordinierten Vokale eines Fußballchors), sie wissen, welche Fahnen sie schwenken sollen (Fortuna Düsseldorf, denn das ist Campinos zweite Liebe neben dem FC Liverpool). Und wenn die Band „Wannsee“ von ihrem letztjährigen Album „Eine Laune der Natur“ singt, verkleidet sich ein halbes Dutzend Leute ganz vorne als Bademeister, sie schunkeln auf den Schultern der Freunde und winken Campino zu. Das ist rührend. Auch das ist Punk. In seiner zärtlichsten, zugewandtesten Form.

„Hier kommt Alex“ zieht immer, das ist der Song, mit dem die Band 1988 den Durchbruch schaffte. Mit ihm kam der kommerzielle Erfolg, was für einen Punk nicht unproblematisch ist. Geld verdienen und Dosenbier, das sind zumindest in Deutschland zwei grundverschiedene Sportarten – der Band schlägt viel Häme entgegen bei Leuten, die behaupten, Campino gehöre in Talkshows, nicht mehr auf die Rock’n’Roll-Bühne. Auf beiden Parketts aber zeigt er sich routiniert, wobei Routine nicht die beste Haltung ist, um einen Abend mit aufbegehrender Musik zu moderieren.

Campino schafft es ohne Schrammen durch das Konzert

Campino schafft das am Donnerstag in Berlin dennoch ohne Schrammen, weil die Leute ihn mittlerweile als Ikone begreifen, die sich den Ruhm nicht mehr erarbeiten muss, sondern nur noch ausstellen soll. Sein Ruf ist glänzend bei den Fans, er kann reden, lächeln und auch mal auf den Putz Hauen, das hat er als Erster noch vor Ort beim „Echo“ getan, als dort neulich peinliche, unwürdige Rapper ausgezeichnet wurden.

Die Menschen im Publikum sind zu großen Teilen nicht mehr jung, aber sie feiern in der Waldbühne, als würden sie gerade die Schule schwänzen und sich eine Zigarette drehen. Es herrscht Ausgelassenheit, weil die Toten Hosen niemanden verstoßen, es sei denn, es sind Chauvis oder Nazis. Auch ihr Lied von „Sascha“, dem Rassisten und armen Würstchen, singen sie wieder. Campino bedauert, „dass dieser Song auch heute noch so aktuell ist wie Anfang der 90er, als wir es aufgenommen haben.“ Er singt: „So deutsch wie Sascha ist man nicht nebenher“. Dazu spielt ein Streichquartett einen Tanz vom Balkan. „Das ist ein Schock“, sagt Campino, „nach 36 Jahren bei den Toten Hosen plötzlich echte Musiker auf der Bühne.“

Ungelenke Texte, nicht immer zündende Melodien – aber unverstellt

Die Band darf alles singen, auch die manchmal ungelenken Texte („weil wir heute Nacht unsterblich sind“), die nicht immer zündenden Melodien. Sie wirken völlig unverstellt in der Waldbühne, tragen keine Sonnenbrillen, wie das Rockstars über 50 Jahren gerne tun, um die Falten zu verbergen. Die Toten Hosen haben das nicht nötig, sie geben sich preis, darum ist jeder Song an diesem Abend eine kleine Party ihrer grundsätzlichen Unverbogenheit.

Zwei Stunden und 15 Minuten dauert diese Feier, um 22 Uhr müssen Konzerte in der Waldbühne beendet sein, weil die Nachbarn Ruhe wollen. „Ein schöner später Nachmittag“, lächelt Campino, als es gegen halb neun noch immer hell ist. So gesehen haben sie zum Kaffeeklatsch geladen. Doch statt Heißgetränken gibt es reichlich Bier. Ehrensache für einen Punk.

Von Lars Grote

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