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Kostümbildnerin Sabine Greunig über die Macht der Farben und starke Frauen

MAZ-Interview Kostümbildnerin Sabine Greunig über die Macht der Farben und starke Frauen

Die Potsdamerin Sabine Greunig kreiert mit großem Vergnügen Kostüme für Akteure in Film und Fernsehen, zuweilen auch in der Oper. Mit Andreas Dresen arbeitet sie seit Jahrzehnten zusammen, aktuell sind ihre Kostüme in dem Film „Timm Thaler“ und in Matti Geschonnecks Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu sehen.

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Sabine Greunig mit ihren Entwürfen.

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Die gebürtige Potsdamerin Sabine Greunig, Jahrgang 1964, arbeitet seit Jahrzehnten erfolgreich an Film-, TV- und Opernproduktionen mit. Ganz aktuell sind Ihre Kreationen im Film „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ zu sehen.

Frau Greunig, wie beginnen Sie Ihre Arbeit an einem Projekt?

Greunig: Zunächst lese ich das Drehbuch und dann kreisen meine Gedanken um die Thematik der jeweiligen Geschichte. Ich mache mich mit den Figuren vertraut. Wo kommen sie her, wo gehen sie hin? Was sind ihre Berufe, Befindlichkeiten, Sehnsüchte, ihren Geheimnisse. Daraus entwickele ich die Idee für ein Kostümbild. Wenn mich die Charaktere faszinieren, beginnt die Lust zu suchen, zu finden und zu erfinden.

Wo inspirieren Sie sich?

Greunig: Vieles beziehe ich aus persönlichen Erfahrungen. Begegnungen, Beziehungen, Familie, Freunde. Manchmal übernehmen der Alltag oder das wahre Leben die Inspiration. Ich besuche Ausstellungen, recherchiere in Fotobänden, schaue Filme, gehe in Buchhandlungen und Bibliotheken, zum Beispiel in die wunderbare Lipperheidesche Kostümbibliothek. Es kommt immer darauf an, in welcher Zeit die Geschichte verortet ist. „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ spielt 1989, einer Zeit, in der ich sehr zu Hause bin. Zu der Zeit des Umbruchs habe ich an der Hochschule für bildende Künste in Dresden studiert und konnte hier auch viel auf meine persönlichen Erlebnisse und private Fotosammlung zurückgreifen. Ich habe Inspirationsmappen angefertigt, Stimmungsbilder jener Jahre mit Artikeln, Fotos und Zeichnungen. Toll war es die Modenfotographien und Zeitschriften, wie der legendären ,,Sibylle“, wieder zu entdecken.

Und Regisseur Matti Geschonneck hat keine Vorgaben gemacht?

Greunig: Nein. Bei unseren ersten Treffen haben wir uns eher über Gott und die Welt unterhalten und eine gemeinsame Sichtweise festgestellt. Ich habe ihm meine Kostümideen vorgeschlagen, er hat mir vertraut und sich später gefreut, dass besonders die Frauen so schön und sinnlich angezogen waren. Es war eine sehr konzentrierte, entspannte, humorvolle Zusammenarbeit.

Die starken Frauen in dem Film stecken in farbenprächtigen Kleidern...

Greunig: Ja, ich wollte auf keinen Fall einen grauen, tristen Osten abbilden, sondern selbstbewusste Frauen, welche Arbeit und Privatleben unter einen Hut bekommen. Für die Haushaltshilfe Lisbeth, gespielt von Gabriela Maria Schmeide, habe ich ein Seidenkleid in Pistaziengrün mit Blüten und einem üppigen Ausschnitt entworfen. Sie sieht aus wie eine Praline, lecker und knackig. Ich habe das Kleid in den Werkstätten des Studio Babelsberg anfertigen lassen und Gabriela konnte damit tatkräftig durch ihre Szenen schwingen.

Auch Evgenia Dodina, die die Irina spielt, sticht in ihrem knallroten Kostüm heraus.

Greunig: Die Inspiration zu diesem Kostüm habe ich in einer Originalausgabe der ,,Sibylle,“ entdeckt, die Form dann aber genau auf Evegenia modeliert. Ich wollte ein besonderes Rot für sie, sie spielt ja auch einen sehr intensiven Charakter. Evgenia kam für einen Tag zu Anproben aus Tel Aviv nach Berlin und nach einem sehr schönen und konzentrierten Arbeitstag waren die Kostüme für die jeweiligen Szenen perfekt. Das ist nicht immer so, wenn man das aller erste mal aufeinander trifft. So kommt Irina dann betrunken zu der Geburtstagsparty und platzt dort hinein wie die Revolution – aber würdevoll und das hat funktioniert. Sie trägt pflaumfarbige Pumps mit 12cm Absatz. Das sind keine Originale, aber es gab sie auch in der DDR. Wir haben uns für diese Schuhe entschieden, weil sie ihren Charakter bestmöglich unterstreichen und auch am besten aussehen. Russische Frauen laufen auf High Heels wie wir auf Turnschuhen. So auch Evgenia. Ich finde es interessant solche Dinge einzuflechten.

Dürfen die Darsteller die Kostüme behalten?

Greunig: Nein und sie wollen das meistens auch gar nicht, weil die Kleidung schon mit der Rolle belegt ist. Meine Kostüme sammelt das Potsdamer Filmmuseum.

Wenn Sie die Kostüme in keinem Fundus, Laden oder auf Flohmärkten finden, müssen Sie sie anfertigen lassen. Wo finden Sie die Stoffe?

Greunig: Aus Erfahrung weiß ich, wo ich recherchieren muss. Manchmal suche ich sehr lange nach dem richtigen Stoff. Dabei werde ich unterstützt von meinem Team.

Sie haben auch für Andreas Dresens „Timm Thaler“ das Kostümbild gestaltet. Das war ein sehr aufwändiger Märchenfilm. Wie haben Sie sich ihm angenähert?

Greunig: Ich habe zunächst ein Konzept für die Figuren und die Welt von Timm Thaler entworfen und gezeichnet, damit sich Andreas Dresen und auch die Produzenten vorstellen konnten, wie die Figuren aussehen. Nach den Entwürfe haben wir begonnen, die Stoffe zu suchen, zu färben, nähen, stricken, sticken und zu drucken. Alles wurde in viel feiner, aufwändiger Handarbeit angefertigt. Dabei habe ich mit einem großen Team zusammengearbeitet, vom Hutmacher bis zum Schuhmacher war alles dabei.

Bei Timm Thaler spielen auch sehr viele Komparsen mit..

Greunig : An Grosskampftagen über 200! Jeder einzelne wurde von uns im Vorfeld anprobiert, bei sogenannten ,,Fittings“, und fotografiert. Damit am Drehtag, wenn die Zeit besonders knapp ist, alle Kollegen wissen, wie die Figuren aussehen müssen. Das war ein unglaublicher Aufwand. Wir hatten insgesamt über 60.000 Kostümteile von Anzügen, Gamaschen bis zu Federn, Hüte, Fliegen, Kleider, Hosenträger – alles, was man sich so vorstellen konnte. Was nicht angefertigt wurde, kam aus dem Kostümfundus in Babelsberg, Berlin, Bayern und sogar aus Barcelona. Neun Monate habe ich an Timm Thaler gearbeitet, es war eine sehr spannende, freudvolle, aber auch anstrengende Zeit.

Sie haben Modedesign an der Kunsthochschule in Berlin-Weißensee studiert. Hatten Sie nie Lust in diese Branche einzusteigen?

Greunig: Das Studium war toll, wir konnten viel experimentieren, unsere Kollektionen entwerfen und präsentieren - ohne kommerziellen Druck, was auf dem freien Markt nicht möglich gewesen wäre. Für mich sind Geschichten wichtig. Deshalb hat mich die Modebranche nicht so gereizt. Aber die Erfahrungen und Experimente aus dieser Studienzeit sind oft die Basis für meine heutigen Kostümentwürfe.

Und wie sind Sie zum Film gekommen?

Greunig: In der Kantine der Babelsberger Filmhochschule habe ich Anfang 1990 zufällig Andreas Dresen getroffen. Er bereitete gerade seinen Abschlussfilm „Stilles Land“ vor und fragte mich, ob ich mitmachen möchte. Ich war damals noch an der Kunsthochschule in Dresden, aber auch fast fertig mit meinem Studium der Kostümgestaltung. Es passte, seitdem arbeiten wir zusammen.

Sie arbeiten auch am Theater und mit Andreas Dresen an Opernhäusern. Was ist der Unterschied zu Filmproduktionen?

Greunig: Ich finde es toll, hin und wieder an Theaterproduktionen mitwirken zu können. Besonders gefällt mir die Oper. Es gibt eine viel längerfristige Planung, schon zwei Jahre vorher trifft man sich mit dem Regisseur, dem Dramaturg und dem Bühnenbildner und überlegt, in welche Richtung die Inszenierung gehen kann. Die Musik regt unmittelbar die Emotionen an und führt einen durch die Geschichte.Man kann die Psychologie der Figuren sozusagen hören. Bei unserer ersten gemeinsamen Oper ,,Don Giovanni“ in Basel sind wir mit dem Dirigenten die Partitur durchgegangen und haben uns an die Geschichte herangeschlichen.Was ich auch schätze an der Arbeit am Theater, ist die Logistik vor Ort: alle Gewerke sind unter einem Dach, wie früher bei der Defa.

Würden Sie gerne Menschen, denen Sie zum Beispiel auf der Straße begegnen, etwas anderes anziehen?

Greunig: Nein, ich freue mich, wenn Leute sich individuell kleiden, gerade wenn es sehr speziell und besonders ist. Ich finde das interessant. Es ist doch langweilig, wenn alles immer so optimiert wird, Ton in Ton ist , oder die Handtasche auch noch zum Schuh passen muss. Es ist sowieso schon alles ziemlich konform, weil es immer mehr Läden gibt, die das gleiche Angebot haben.

Frau Greunig, an welchem Projekt arbeiten Sie aktuell?

Greunig: Andreas Dresen plant einen Film über den legendären Liedermacher und Baggerfahrer Gerhard Gundermann, den bereiten wir jetzt vor. Er spielt in den 1970er und den 1990er Jahren. Im Herbst soll gedreht werden.

Von Claudia Palma

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