Volltextsuche über das Angebot:

1 ° / -2 ° Nebel

Navigation:
Kriege beginnen mit Besitz

Archäologie und Konfliktforschung Kriege beginnen mit Besitz

Zunehmende Bundeswehr-Einsätze, Terrorakte und die Flüchtlingsströme haben das Thema Krieg wieder in den Fokus der Wissenschaft gerückt. Gehören derartige Konflikte untrennbar zum Menschen oder haben sie etwas mit gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung zu tun, lautet die Frage. Bei der Antwort gibt es nicht besonders viele Differenzen.

Voriger Artikel
Shkreli bietet zehn Millionen Dollar für Kanye-Album
Nächster Artikel
Grammys 2016: Wird es diemal das Jahr des Rap?

Wie ein Mahnmal gegen den Krieg: ausgestelltes Massengrab in Halle.

Quelle: JURAJ LIPTAK

Potsdam. Erst kürzlich wurde ein erweiterter Einsatz der Bundeswehr in Mali beschlossen. Vor wenigen Wochen sind deutsche Truppenteile, eine Fregatte und Aufklärungsjets nach Syrien im Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS) entsendet worden. Seitdem der französische Präsident Hollande Ende des vergangenen Jahres nach den Anschlägen in Paris dem Terror den „Krieg“ erklärt hat, wird über die völkerrechtliche Grundlage des Waffengangs debattiert. Das Thema der militärischen Auseinandersetzungen begegnet uns auch mit den vielen Flüchtlingen, die seit Monaten in Europa Schutz suchen. Geflohen sind viele von ihnen vor dem Krieg.

In der Wissenschaft ist vor dem Hintergrund der zunehmenden globalen Waffengänge eine Diskussion über Bedeutung, Ursprung und Historie des Phänomens Krieg entbrannt. „Gehört Krieg wirklich seit jeher zur menschlichen Existenz?“ Dies sei die Frage, der wir uns alle stellen müssten, sagt etwa der Potsdamer Historiker Sönke Neitzel. Die Auseinandersetzung über Krieg und Frieden ziehe „sich zwar wie ein roter Faden durch die Geschichte“, dennoch sei die Frage des Zusammenhangs von militärischen Auseinandersetzungen mit der Entwicklung der menschlichen Gesellschaft derzeit „hochaktuell“, sagt auch sein Hochschul-Kollege, der Experte für internationale Politik Raimund Krämer. „Ein Naturphänomen ist Krieg in jedem Fall nicht“, so der Chefredakteur der außenpolitischen Zeitschrift WeltTrends des Potsdamer Wissenschaftsverlags.

Kein biologisches Phänomen

Eben mit der Frage, seit wann überhaupt von Krieg gesprochen werden kann, ob er in der Natur des Menschen liegt oder eben kein biologisches Phänomen ist, beschäftigt sich derzeit auch eine viel beachtete Ausstellung „Krieg – eine archäologische Spurensuche“ im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Die Altertumsforscher haben eine eindeutige Antwort gefunden: „Der eigentliche Krieg begann 10 000 vor Christus mit der neolithischen Revolution im Vorderen Orient“, sagt der Landesarchäologe Sachsen-Anhalts Harald Meller.

Das Neolithikum, auch Jungsteinzeit genannt, markiert den Zeitpunkt, von dem ab, die zuvor noch als Jäger und Sammler lebenden Menschen sesshaft wurden und mit Ackerbau erstmals produzierend wirtschaftlich tätig wurden. Krieg habe mit „Sesshaftigkeit, Besitz, Grenzen und Bevölkerungsexplosion begonnen, also als es etwas zu verteidigen und erobern gab“, so Meller. Auch zuvor gab es natürlich oft Streit, der zu Gewalt und Tötung führte. Aber Krieg als „organisierte Auseinandersetzung erheblichen Ausmaßes zwischen zwei größeren Gruppen mit Waffengewalt“, sieht Meller erst ab diesem Zeitpunkt, eben mit der Sicherung der eigenen Scholle als Bestandteil der Kulturgeschichte des Menschen.

Dies zeigt die Ausstellung mit rund 900 Exponaten, Waffen Kriegsgeständen, Skeletten, Schädeln und Knochen. Fesselnder Mittelpunkt ist ein im Block geborgenes und wie ein Altar aufgerichtetes Massengrab mit 47 Opfern der Schlacht bei Lützen in Sachsen-Anhalt vom 16. November 1632. Der archäologische Fund mit den gestapelten Gebeinen der Kämpfer bannt die Aufmerksamkeit der Besucher als eines der wohl stärksten Mahnmale gegen den Krieg. Bauern, die die Kämpfer begraben haben, legten die letzten Toten quer über alle anderen – symbolisch als gekreuzigten Christus. Am Ende dieses militärisch wenig bedeutsamen Gemetzels des Dreißigjährigen Kriegs waren 6500 Menschen tot.

Kämpfer und Söldner

Die Ausstellung „Krieg – ein archäologische Spurensuche“ zeigt auch die verschiedenen Entwicklungsstufen militärischer Auseinandersetzung. Zunächst dominierte der Typ des Kämpfers, der in Gruppen auftrat. Erste Waffen waren massive Kriegsbeile, Streitäxte oder Holzkeulen.

Pfeil und Bogen sowie einfache Schleudern wurden danach entwickelt, erst später kamen Dolche, Schwerter und Lanzen hinzu. Erst mit der Zeit entsteht über Jahrtausende hinweg ein entpersonifiziertes Kriegertum, das in Armeen, Soldaten und Söldnern mündet – also Angestellten des Krieges.

Landesmuseum für Vorgeschichte, Richard-Wagner-Str. 9, 06114 Halle/Saale, 0345/524730, Di-Fr 9-17, Sa/So und Feiertage 10-18 Uhr, noch bis zum 22. Mai, Infos: www.lda-lsa.de

Auch die Potsdamer Wissenschaftler sehen das Auftauchen von Besitz, oder anders gesagt Eigentum, als Voraussetzung für die Entstehung von Kriegen. „Eine mitentscheidende Bedingung ist aber auch der Organisationsgrad“, ergänzt der Historiker Neitzel. Erst zunehmend durchstrukturierte Gesellschaften seien letztlich in der Lage gewesen, Kriege zu führen. Auch Krämer zählt letztlich die Bildung von Gruppen und später Kasten, „die daraus Macht ableiten“ mit zu den Ursachen. Neben materiellen Grundlagen sieht er vor allem auch religiöse mit am Werk.

„Die meisten Kriege hängen an Ressourcen“, schlägt indes die Konfliktforscherin und Friedenspädagogin Angela Mickley vom Fachbereich Bildung und Soziales der Fachhochschule Potsdam einen Bogen in die Moderne. Während heute aktuelle Auseinandersetzungen beispielsweise in Afrika etwa vom Kampf um Wasser bestimmt seien, „ging es damals garantiert um die Ressource Nahrung insgesamt“, sagt die Historikerin und Politologin, die für das Auswärtige Amt regionalen und nationalen Entscheidungsträgern unter anderem in Namibia und im Kaukasus Kompetenzen vermittelt, um konstruktive Konfliktaustragung zu fördern und gewaltsame zu verhindern. Die Jungsteinzeit, an der die Archäologen in Sachsen-Anhalt den Beginn des Phänomens Krieg festmachen, falle mit dem Ende der letzten Kaltzeit zusammen. Die Erfahrungen der schwierigen Ernährungslage seien also noch präsent gewesen.

Von Gerald Dietz

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur
www.esprit.de
MAZab: Termine

Was geht ab? Jede Menge Events in Potsdam und im Land Brandenburg

Kinoprogramm

Alle aktuellen Filme in den Kinos von Potsdam und im ganzen Land Brandenburg

Die olympischen Spiele werden künftig nicht mehr bei ARD und ZDF übertragen - eine gute Entscheidung?