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Kriminalbiologe Mark Benecke über „Blade Runner“

MAZ-Interview Kriminalbiologe Mark Benecke über „Blade Runner“

Es ist wieder Zeit für das „Cinéma privé“ im Potsdamer Filmmuseum. Die Wahl von Mark Benecke, Kriminalbiologe, Forensiker und Insektenexperte, fällt auf „Blade Runner“ von Ridley Scott. Der Science-Fiction-Klassiker von Ridley Scott nimmt viele Dinge vorweg, mit denen wir heute leben müssen.

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Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford, in Nöten. Szene aus dem Film „Blade Runer“.

Quelle: dpa

Potsdam. Der Science-Fiction-Klassiker „Blade Runner“ spielt in der dystopischen Megacity Los Angeles 2019. Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford, macht in diesem Moloch Jagd auf Replikanten, gentechnisch erzeugte Wesen, die sich kaum von echten Menschen unterscheiden.

Herr Benecke, Sie stellen am Donnerstag im Potsdamer Filmmuseum den Science-Fiction-Film „Blade Runner“ von Ridley Scott vor. Warum diese Wahl?

Mark Benecke : „Blade Runner“ gehört seit meiner Teenagerzeit zu meinen Lieblingsfilmen. Der amerikanische Autor Philip K. Dick, von dem die Vorlage stammt, hat viele Science-Fiction-Filme inspiriert, wie „Total Recall“ und „Minority Report“. Er hat unheimlich viele technische und soziale Abläufe richtig vorhergesehen, die sonst kein Mensch vorhersehen konnte.

Zum Beispiel?

Benecke : In New Orleans haben wir kürzlich Zeppelins mit LED-Leinwänden gesehen. Davon hat man hierzulande noch nie etwas gehört, aber die fliegen dort tatsächlich herum. Philip K. Dick und Ridley Scott nehmen im Roman „Träumen Androiden von elektrischen Schafen“ und dem daraus entwickelten Film „Blade Runner“ sogar Wetterbesonderheiten vorweg, von denen 1982 auch noch nicht die Rede war. Gleiches gilt für die künstlichen Tiere: Die Eule und die Schlange sind biotechnisch erschaffen und keine Roboter, was für damalige Autoren viel logischer und wahrscheinlicher war.

Kriminalbiologe Mark Benecke bei der Arbeit

Kriminalbiologe Mark Benecke bei der Arbeit.

Quelle: Rocksaupictures

Wie das berühmte Schaf Dolly?

Benecke: Das ist schon Steinzeit. Heute werden wertvolle Rennpferde, Hunde massenhaft geklont. Auch Tiere für die Landwirtschaft, wenn es sich lohnt. Es ist eine riesige Industrie entstanden… Unglaublich, was sich Philip K. Dick alles richtig vorgestellt hat. Er wirkt auf mich wie jemand, der ein paar Pillen zu viel eingeworfen hat und dadurch Verbindungen zwischen Gehirnteilen hatte, die man sonst nicht hat. Ich könnte ein ganzes Forscherleben damit verbringen, Elemente aus seinen Romanen und dem Film „Blade Runner” zu untersuchen. Schade, dass keine naturwissenschaftliche Forschungseinrichtung so ein Projekt bezahlt.

Gruselig ist diese Voight-Kampff-Maschine, mit der der Titelheld Rick Deckard, gespielt von Harrison Ford, an den Augen testet, ob er es mit einem echten Menschen oder einem Replikanten zu tun hat.

Benecke: Augenbewegungen, Pupillenerweiterung und -verengung sind gute Anhaltspunkte für Emotionen. Die Replikanten sind fast perfekt, aber ihnen fehlen Gefühlsanknüpfungen und Erinnerungen, beispielsweise an die eigene Mutter. Um das zu überprüfen, hat sich Philip K. Dick diese psycho-biologische Feedback-Maschine ausgedacht. Das Gerät wurde später auch so ähnlich gebaut, natürlich ohne Blasebalg. Im Psychologie-Teil meines Studiums habe ich wochenlang Menschen Elektroden um die Augen herum aufgeklebt und die Augenbewegungen gemessen, während sie sich an ihr Leben erinnerten. Später übernahm das tatsächlich – wie im Film – eine Kamera.

Mark Benecke zu Gast im Filmmuseum

Mark Benecke, Jahrgang 1970, aufgewachsen in Köln, studierte Biologie, Zoologie und Psychologie. Er arbeitete in New York am Institut für Rechtsmedizin und ist Fachmann für Forensische Entomologie, das heißt, er kann anhand der auf Leichen gefundenen Insekten Liegezeit und -ort bestimmen.

Info : Filmmuseum Potsdam, Breite Str. 1a/ Marstall, Kartenreservierung: 0331-27181-12, ticket@filmmuseum-potsdam.de

Die MAZ und Radioeins präsentieren regelmäßig im Potsdamer Filmmuseum die Reihe „Cinéma privé“, in der Prominente ihren Lieblingsfilm vorstellen. Am Donnerstag, 27. April 2017, 19 Uhr, ist Mark Benecke zu Gast mit „Blade Runner“.

Im Film gibt es eine interessante Figur, den mächtigen Wissenschaftler Tyrell. Er hat die Replikanten konstruiert. Was ist er für ein Typ?

Benecke: Er versucht die Natur zu beherrschen, aber mit Methoden, die dann doch Chaos erzeugen. Tyrell ist wohl psychopathisch, nüchtern und sachlich – im Grunde wie seine Geschöpfe. Das haben wir in der Kriminalistik auch: Manchmal finden sich auf beiden Seiten ähnliche Charakterzüge, was einem aber nicht immer auffällt, wenn man mitten im Fall steckt. Ich habe schon Polizisten darauf angesprochen, dass sie sich ähnlich, vielleicht verzerrt spiegelbildlich, verhalten wie ihr Gegenüber. Aber davon haben sie natürlich nichts wissen wollen.

Die Replikanten dienen als Arbeitssklaven im Weltall. Heutzutage wird über Roboter als Pflegekräfte nachgedacht.

Benecke: Ich glaube nicht, dass es dazu kommen wird. In den 60er Jahren hat man gedacht, dass es Roboter für den Haushalt geben wird. Aber man sieht ja schon an den kleinen Staubsauger-Robotern die Macken: Man muss seine Wohnung entsprechend einrichten, sonst finden sie ihre Ladestation nicht, bleiben in einer Ecke hängen oder verfangen sich in irgendwelchen Teppichfransen. Sie sind richtig gute, sehr hoch entwickelte Roboter, die schon durch die Roboter-Evolution gegangen sind. Und trotzdem sind sie noch sehr anfällig für Fehler. Deshalb glaube ich auch nicht an Pflege-Roboter. Außerdem wissen wir, wie wichtig echte menschliche Zuwendung ist, dadurch geht es einem wirklich besser. Die Menschen würden sich mit Pflege-Robotern nicht wohlfühlen.

Im Oktober kommt die Fortsetzung von „Blade Runner“ ins Kino.

Benecke : Ich bin sehr gespannt, wie die Geschichte weitergeht. Der alte Film hat ja zwei unterschiedliche Schlussszenen. Ein romantisches Happyend, in dem die Liebe siegt. Und eines mit der Frage, ob der Replikanten-Jäger Deckard nicht vielleicht selber ein Bio-Android ist und er seine eigenen Leute jagt.

Werden Sie, als berühmter Kriminalbiologe, eigentlich von Krimi-Drehbuchautoren kontaktiert?

Benecke: Die große Welle des Faktenchecks ist vorbei. In den 1990er Jahren bis kurz nach dem Millennium war es cool, möglichst viel Fachjargon im Krimi unterzubringen und echte Technik zu benutzen. Wir saßen sogar bei Dreharbeiten von Krimiserien dabei, um alles zu überprüfen, ob die richtigen Geräte auf dem Sektionstisch richtig herumliegen und dergleichen. Dabei ist das doch völlig egal. Es macht mir Spaß, aber ich habe nie verstanden, welchen Sinn das haben soll. Eine gute Geschichte soll spannend und nachvollziehbar sein, alles drumherum kann man doch in der erfundenen Welt frei gestalten. Aktuell haben wir eine neue Stufe erreicht: Einmal in der Woche mache ich fürs Netz einen Faktencheck zur ZDF-Serie „Die Spezialisten“. Mit Valerie Niehaus, die darin eine Rechtsmedizinerin spielt, gehe ich die erfundenen Fälle durch und wir laufen durch das Set. Das finde ich interessant und erzähle, wie es in Wirklichkeit wäre.

Von Claudia Palma

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