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Kultur André Kubiczek und die wütenden alten Männer
Nachrichten Kultur André Kubiczek und die wütenden alten Männer
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19:07 21.02.2018
André Kubiczek im Potsdamer Wohngebiet Am Stern, wo einer seiner Romane spielt. Quelle: Bernd Gartenschläger
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Potsdam

Die Frustration ist groß, Gewalt aber keine Lösung. Die führt am Ende nur in die Isolation. So in etwa lautet der Tenor in André Kubiczeks Roman, der nicht nur im Deutschland der Wutbürger mitten hinein in die derzeitige Befindlichkeit trifft. Immer schon suchten die Protagonisten des 1969 geborenen Potsdamers, der mittlerweile in Berlin lebt, einen Ausweg, weil sie sich mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten nicht abfinden wollten. Egal ob der Punk Less im Debüt „Junge Talente“ (2002), die Wende-Aussteiger Andreas und Ulrike in „Das fabelhafte Jahr der Anarchie“ (2014) oder der sich schwarz kleidende, Baudelaire lesende René im Roman „Skizze eines Sommers“ (2016), der es bis auf die Short-List des Deutschen Buchpreises brachte. Einziger Halt im Leben dieser in der DDR aufgewachsenen jugendlichen Helden war meist die Bierflasche, an die sie sich klammerten.

Wie aus diesen wütenden jungen Männern wütende ältere Männer werden, führt der neue Roman exemplarisch vor, der den Titel „Komm in den totgesagten Park und schau“ einem Gedicht von Stefan George entlehnt hat, diesem symbolistischen Dichter (1868-1933), der heute oft scheel angeschaut wird, weil die Nazis ihn und seine 1928 erschienene Gedichtsammlung „Das geheime Reich“ (die übrigens schon in Kubiczeks „Oben leuchten die Sterne“ eine Rolle spielte) vereinnahmten. Das aber nur am Rande. Geht es doch eigentlich um drei Männer, von denen jeder auf seine Weise Widerstand gegen den Neokapitalismus ausübt und dabei einen gewissen Kontrollverlust erleidet, so dass die drei sich bald gemeinsam auf der Flucht vor den Behörden wiederfinden.

Flucht vor den Behörden

Der 19-jährige Felix ist einer dieser typischen Helden, wie man sie aus den Adoleszenzromanen Kubiczeks kennt. Er lebt mit seiner Mutter in Bonn, wohin sie nach ihrer Scheidung geflohen ist. Vom Vater weiß er fast nichts. Allein die Frage nach seinem Beruf stellt einen Verrat an der „kleinen Restfamilie“ dar. In Berlin soll er Honorarprofessor für Literatur sein. Damit hat es sich aber auch.

Mit leichter Feder zeichnet Kubiczek den jungen Autonomen. Wohltuend normal, fast ohne stilistische Extravaganzen. Nur, dass Felix, was gar nicht nötig gewesen wäre, seine Geschichte Freundin Nina in Briefform erzählt, ist etwas gewöhnungsbedürftig. Um ihr zu gefallen, hat er – befeuert durch einen Joint – das Auto eines Burschenschaftlers in Brand gesteckt und muss abtauchen. Also fährt er in die Hauptstadt, um seinen unbekannten Erzeuger kennen zu lernen.

Die Situation ist denkbar ungünstig. Ist doch Vater Marek, ein Experte für „DDR-Lyrik der 70er- und 80er-Jahre und ihren Beitrag zum Sturz des sogenannten totalitären Systems“, der schon lang nicht mehr an das „umstürzlerische Potenzial von Gedichten“ glaubt, gerade auf dem Sprung. Ärger mit dem Jugendamt hat er, da auch seine zweite Familie „nicht funktioniert“. Als die Dame vom Amt unangekündigt einen Hausbesuch macht, steht er nach langer Nacht mit vollgekotzter Hose vor ihr und hat gar nicht mitgekriegt, dass Stieftochter Bibi die Schule schwänzt. Der gut gemeinte Privatbesuch bei der Dame vom Amt mit Blumen zur Entschuldigung artet unversehens zum Hausfriedensbruch aus. Und gerade jetzt steht Felix vor der Tür.

Spannung bis zur letzten Seite

Nicht ganz unerheblich zur Eskalation beigetragen hat Veit, Hilfswissenschaftler und Freund Mareks, der die Dissertation in den Sand setzt und seine Wut im „Echoraum“ des Internets ablässt, in dem er Parolen der neuen Rechten verbreitet. Politische Ansichten, wie Kubiczek so schön formuliert, „die im Detail möglicherweise gar nicht falsch waren, die aber in ihrer Ballung eine gewisse Denkrichtung erkennen ließen, die nicht besonders opportun war“. Zusammen fliehen die drei durch die märkische Provinz. Jede seiner Figuren stattet Kubiczek mit einem eigenen Personalstil aus. Während Vater und Sohn in der Ich-Perspektive erzählen, distanziert er sich von Veit durch eine Personale Erzählsituation. Das ist gut gemacht und dramaturgisch exzellent umgesetzt. Erst allmählich klären sich die einzelnen Zusammenhänge, so dass die Spannung bis zum Schluss erhalten bleibt.

Bezüge in viele Richtungen tun sich auf. Für die Anthologie, die Marek im Roman herausgegeben hat, steht Peter Geists Lyriksammlung „Ein Molotow-Cocktail auf fremder Bettkannte“ (1991) Pate. Außerdem greift Kubiczek auch Motive aus seinen eigenen Büchern auf. Dieser Roman ist hochaktuell und birgt Zündstoff.

» André Kubiczek: Komm in den totgesagten Park und schau. Rowohlt Berlin, 382 Seiten, 22 Euro.

Von Welf Grombacher

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