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Kunst mit Menschen von nebenan

Nachbarschaftslieder Kunst mit Menschen von nebenan

Anke Bolz leitet seit zweieinhalb Jahren einen Nachbarschafts-Chor in Potsdam, gibt Seminare, macht Kindern das Singen schmackhaft. Nach einem Liederbuch über die „stille Zeit“ will die 44-Jährige nun ein Nachbarschaftsliederbuch zusammenstellen – mit interkulturellem Anspruch. Die 10 000 Euro für das Projekt sollen über Crowdfunding mobilisiert werden.

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Auf Liedersuche: Anke Bolz

Quelle: Julian Stähle

Potsdam. Anke Bolz erzählt, sie stamme aus den Wiesen und Wäldern des Fläming, und wenn sie doch mal in der Stadt war, dann in Belzig, dem Geburtsort, der seinerzeit noch nicht das „Bad“ als feinen Vornamen getragen hat. Sie rührt in ihrer heißen Schokolade, als suche sie nach einer Zeit, als alles begann. „Ich war 17 und habe ,House Of The Rising Sun‘ gesungen, damals in der DDR. Norbert neben mir an der Gitarre.“ Norbert, das ist Norbert Leisegang, Sänger von Keimzeit, Brandenburgs wohl berühmtester Band. Keimzeit spielten damals noch in Tanzsälen. „Norbert hielt mir lange die Treue mit seiner Gitarre. Obwohl bald klar war, dass wir musikalisch in verschiedene Richtungen geschaut haben: Er wollte auf die Bühne, ich wollte runter von der Bühne. Mein Platz ist in der Alltagskultur, dort, wo man für die Kunst keinen Applaus bekommt. Sondern die Kunst erweckt, mit Menschen von nebenan.“

Ihr Blick hält stand, Anke Bolz ist 44 Jahre alt, in ihrem Ton liegt viel Geduld. Wer ihr gegenübersitzt, spürt Selbstbewusstsein und die Wärme eines Menschen, der nicht nur auf die Leistung schaut. Sondern Wert legt auf Aufmerksamkeit, innere Ruhe und so etwas wie ein Gefühl fürs eigene Leben, warum man etwa fröhlich oder bitter ist. Das sind Fragen, denen sich Anke Bolz, die vor sechs Jahren nach Potsdam-West gezogen ist, ausführlich widmet. Sie hat Musik in Potsdam studiert, ihre Abschlussarbeit schrieb sie über die Bedeutung des Singens in der Evolution. „Das Singen ist ähnlich wichtig wie Sprechen und Lesen“, sagt sie. Und erzählt von den Aborigines, den Ureinwohnern Australiens, die durch Liedzeilen ihr Leben strukturieren und Kontakt zu ihren Ahnen halten.

Im April 2005 hat sie den Burgchor in Bad Belzig gegründet, damals kamen neun Leute, ihre eigene Tochter mitgezählt – eines von drei Kindern, die sie hat. Heute zählen 30 Menschen zum Chor. „Wir sind kein Auftritts-Chor und singen nicht für Menschen, die gerne Musik hören. Es geht uns darum, beim Singen selber Spaß zu haben. Das ist ein großer Unterschied.“ Man brauche Lieder, um das Gehen und Werden unserer Tage zu begleiten, sagt sie. Die Lieder zum Selbersingen finde man nicht im Pop, „Pop ist zu kompliziert“. Sie beginnen im Chor mit einfachen Stücken, „vierstimmig aus dem Stand, das kann in Deutschland niemand mehr.“ In Südafrika aber sei das möglich, „dort ist die Tradition des Singens ungebrochen.“

Sie leitet seit zweieinhalb Jahren auch einen Nachbarschafts-Chor in Potsdam, gibt Seminare, macht Kindern das Singen schmackhaft: „Jeden Tag ein neues Lied, das überfordert Kinder nicht.“ Vor zwei Jahren hat sie ein Liederbuch „für die stille Zeit“ herausgebracht. 60 Winterstücke hat sie zusammengetragen, nicht nur mit Blick auf Weihnachten, es geht ihr auch um Sonnenwende und Nächte mit Raureif. Stücke mit indianischen Wurzeln sind dabei und viele traditionelle Lieder. „Selbst Menschen, die sagen, Weihnachten sei ihnen zu kommerziell, merken, dass dieses Fest wichtig für sie ist. Wir können unsere Wurzeln nicht abschneiden, wie man sie auch an einem Baum nicht abschneiden kann, ohne Schaden anzurichten.“ Die Fertigung des liebevollen Buches hat sie selbst bezahlt. Eine Malerin hat Bilder beigesteuert, als Illustration, dafür singt sie beitragsfrei ein Jahr im Chor.

Lieder für die Nachbarschaft

Anke Bolz ist 44 Jahre alt, sie kam zur Welt in Belzig (heute: Bad Belzig) und studierte später Musik in Potsdam, der Stadt, in der sie nun seit sechs Jahren lebt.

Erste Auftritte gab sie in ihrer Heimat gemeinsam mit Norbert Leisegang, dem Gründer der bekannten Rock-Band Keimzeit – Leisegang an der Gitarre, Anke Bolz sang.

Den Burg-Chor in Bad Belzig hat sie vor zehn Jahren gegründet, einen Nachbarschafts-Chor in Potsdam vor zweieinhalb Jahren. Dort geht es nicht darum, vor Publikum aufzutreten, sondern die Freude beim Singen zu finden, ohne große Bühne.

Im kommenden Frühjahr möchte Anke Bolz ein Nachbarschaftsliederbuch veröffentlichen mit Stücken, die zu allen Gelegenheiten passen, auch Volkslieder gehören zum Fundus.


Das Buch wird über Crowdfunding finanziert, lebt also von den Gaben anderer Menschen, die am Projekt teilhaben.

Weitere Informationen zu dem Vorhaben gibt es im Internet unter
www.lebenslieder.org

Nun arbeitet Anke Bolz an einem Nachbarschaftsliederbuch. Im Frühjahr soll es erscheinen, es wird dicker als das Buch der stillen Zeit. Lieder aus unserer Kultur sind zu finden, doch der Geist des Buches ist interkulturell: „Es gibt ein Stücke aus Burkina Faso, das rührt sie Leute an, weil es so schön ist.“ Generell stellt Anke Bolz in ihrem Freundeskreis die Rückkehr zu den eigenen Liedern fest, nicht aus Chauvinismus, „sondern weil irische Volkslieder und indische Mantren jetzt erprobt sind, und die deutschen Volkslieder wieder aufregend wirken, nachdem sie 30 Jahre als altbacken gegolten haben.“

Sie sucht Geldgeber für dieses Buch, das neue Wort dafür heißt „Crowdfunding“. 10000 Euro sind nötig. Durch die Gaben haben Menschen Teil an dem Projekt, für das Anke Bolz auch eine CD der Lieder einspielen möchte, um den Leuten, die sie singen, eine Idee zu geben, wie die Stücke klingen können. Erste Geldgeber haben sich gefunden, für die gibt es ein Dankeschön: Das Buch gratis, oder sie singt auf Familienfesten mit allen Gästen. „Wir werden es schaffen“, sagt sie. Ihre Stimme singt, sie duldet keinen Zweifel.

Von Lars Grote

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