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Kurioses Pure & Crafted-Festival in Berlin

Motorräder und Musik Kurioses Pure & Crafted-Festival in Berlin

Absurder geht’s kaum. Mit Refused tritt die musikalische Speerspitze der Kapitalismuskritik auf einem Festival in Berlin auf, das zur Hälfte Verkaufsmesse ist. Mit dabei waren auch schwedische Hitlieferanten.

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Quelle: POP-EYE/Christina Kratsch

Berlin. Wer am Samstagnachmittag vor dem Berliner Postbahnhof sein Fahrrad anschließen will, muss es irgendwie in die Ecke bugsieren. Am Geländer stehen schon Hunderte, nur für Motorräder wäre noch Platz. Und da haben wir auch schon das Dilemma: Das bislang nicht gerade als Botschafter alternativen Lebensstils bekannte Unternehmen BMW will der jungen, hippen Zielgruppe sein Motorrad-Angebot näherbringen und initiiert ein zweitägiges Festival namens „Pure & Crafted“. Dafür lädt es sich kurioserweise Bands ein, deren Fans dem Sound einer Fahrradklingel mehr abgewinnen können als dem Dröhnen motorisierter Rennmaschinen. Immerhin haben es BMW Motorrad und die anderen Sponsoren geschafft, ein paar Bands in die Hauptstadt zu locken, die in den vergangenen Jahren selten zu sehen waren, etwa The Hives, Refused und Friska Vijor.

Soundtrack zum Kaffekränzchen

Die britischen Geschwister Kitty, Daisy & Lewis sorgen am späten Samstagnachmittag für einen entspannten von Swing und Blues bestimmten Soundtrack zum Kaffekränzchen. Schließlich heißt es in der Selbstbeschreibung, das Festival sei entstanden aus „dem Gefühl vom flatternden Haaren im Fahrtwind und dem Geruch von frisch geröstetem Kaffee oder einem saftig gegrillten Steak“. Die Schwestern sehen in ihren hautengen Ganzköperanzügen aus wie eine Mischung aus Rockabilly-Look und alten Star-Wars-Filmen. Handgemachte Nostalgie-Nummern wie „Going Up the Country“ und „Don’t Make a Fool Out Of Me” klingen nach alten Zeiten, in denen Baumwollpflücker auf den Plantagen um ihr Leben schufteten und sich Filmstars in schicken US-Schlitten durch Städte chauffieren ließen.

Refused wie eine olympische Turnertruppe

Es folgt der absurdeste Auftritt des Wochenendes, ausgerechnet Refused – Sperrspitze der Kapitalismuskritik – treten bei einem Festival auf, das zur Hälfte Verkaufsmesse ist. Die fünf Musiker der schwedischen Hardcore-Band gelten als Querköpfe der eigenen Szene. 17 Jahre nach dem Meilenstein „The Shape of Punk to Come“, haben sich Dennis Lyxzén und die anderen Nonkonformisten wieder zusammengerauft, um auf dem Album „Freedom“ alte Statements neu zu vertonen. Live wirken Refused noch immer so agil wie eine olympische Turnertruppe, die Wut von einst scheint aber verflogen zu sein. Der Funk hat sich eingeschlichen, dadurch werden die ohnehin experimentellen Songs noch schwieriger in die Hardcore-Schublade einzuordnen. In den Pausen verteidigt Dennis Lyxzén die kommunistischen Statements von einst, ruft sogar „Viva la Revolution“. Für einen Kampfruf klingt es ziemlich freundlich.

Tanzbarer Gute-Laune-Rock

Wem weniger nach Revolution als nach einer hippen Bartrasur oder einem modischen Helm ist, der kann zur Verkaufshalle und den Messepavillons flanieren. Für tanzbaren Gute-Laune-Rock geht’s dann wieder zur großen Bühne. The Hives, ebenfalls aus Schweden, liefern seit Jahren Hit auf Hit für die Studentendisko. Auch am Samstagabend geht das Rezept auf, in schicken, weißen Anzügen wirken sie wie eine Schiffskapelle, die routiniert und charmant ihrem Dienst nachgeht. Am Ende fragt Pelle Almqvist das Publikum, ob es die Hives liebt. Großer Jubel. Er fragt außerdem, ob die Fans auch Motorräder lieben. Es klingt nicht ganz ernst gemeint.

Von Maurice Wojach

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