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Kurzweiliger Peer Gynt beim Sommertheater

Netzeband Kurzweiliger Peer Gynt beim Sommertheater

Wenn ein Norweger „Peer Gynt“ inszeniert, dann sind vielleicht Überraschungen zu erwarten. Andree-Östen Solvik enttäuschte die Fans beim Theatersommer in Netzeband nicht.

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Quelle: Peter Geisler

Netzeband. Ein junger Mann kommt im frühen Abendlicht zu Edward-Grieg-Musik über die weite Wiese am Gutspark. Doch für solche Klänge scheint es nicht die richtige Zeit, denn schon dröhnt harter Rock, der den Auftritt einer Motorrad-Gang begleitet. Beim Theatersommer in Netzeband hat Henryk Ibsens „Peer Gynt“ Premiere – angesiedelt im Spannungsfeld zwischen Klassik und Moderne.

Man ist sich mit der neuen Inszenierung in Netzeband treu geblieben und hat doch auch den Radius erweitert. Es gibt wieder, wie seit 20 Jahren, das so nur an der Temnitz gezeigte Synchrontheater, bei dem Enthusiasten aus der Region unter freiem Himmel in Masken agieren, die Stimmen dazu kommen per Band von Profischauspielern.

Doch in diesem Jahr ist einiges anders. Die Organisatoren um Festivalbegründer Frank Matthus haben als Regisseur einen Landsmann Ibsens verpflichtet, den Norweger Andree-Östen Solvik, der auch die hiesige Theaterlandschaft gut kennt, hat er doch an der Potsdamer Filmhochschule studiert. Wieder gibt es viele Masken, der Titelheld aber kommt als der, der er ist: ein sympathischer junger Mann mit offenem Gesicht. Tobias Fischer gibt ihn mit der Stimme von Siemen Rühaak als den Burschen von nebenan mit Träumen und Hoffnungen, für den die dörfliche Welt einfach zu eng ist. Mit seinen Fantastereien stellt er seine Umwelt aber auch immer wieder auf harte Proben. Einzig die Mutter hält zu ihm. Für die anderen ist er der Aufschneider, der Verschrobene, der sich für etwas Besseres hält. Die Masken der Dörfler zeigen im Überhöhten das Kleingeistige, Miefige von Leuten mit eingeschränkter Weltsicht, für die Peer immer der Störenfried bleiben wird. Und der ist er ja zuweilen auch. Er verführt die Tochter des reichsten Bauern ausgerechnet während deren Hochzeit, sieht aber nicht, dass es da das Mädchen Solveig gibt, das ihn liebt.

Regisseur Solvik hat sich ganz auf den besonderen Spielort eingelassen. Im Vordergrund ein kleines Podium, daneben ein Riesenbett. Immer wieder entwickelt sich das Geschehen direkt aus der ländlichen Umgebung. Sie atmet etwas von der Weite der norwegischen Hochebenen. Und manchmal hilft die Natur mit besonderen Stimmungen noch nach, so, als am Ende einer Szene für einen Augenblick die Scheinwerfer verlöschen und sich über den Zuschauern ein ungeahnt weiter Sternenhimmel auftut.

Doch bei aller Romantik, Solvik hat ein Gespür für das Musikalische des Ibsen-Textes genauso wie für das Skurrile. Der Auftritt des Trollekönigs in einem köstlich-schrägen Supermobil mit Riesenheckflosse wird flankiert vom Shaggys „Mr. Boombastic“ sowie einem Song aus FDJ-Tagen, betitelt „Sag mir wo du stehst“, der nebenher auch das Maskenthema verhandelt. Der Obertroll entpuppt sich dabei als eine verschärfte Diktatoren-Karikatur, seine Gefolgschaft passend in gesichtslosem Weiß.

Zerrissen zwischen seinem unbändigem Freiheitsdrang und der Sehnsucht nach einem starken, unverwechselbaren Ich hält es Peer irgendwann zu Hause nicht mehr. Er muss fort, bis ans Meer, wie er sagt, und noch weiter. Und so wird das dramatische Gedicht im zweiten Teil des Abends zum Roadmovie, das bis nach Amerika und Nordafrika führt. Auch dafür gelingen Solvik eindrucksvolle Bilder, so wenn Peer in Las-Vegas-Manier mit großem Show-Sound als Selfmademan des Jahres gefeiert wird. Er ist ganz oben angekommen. Aber nur für Momente. Es zieht ihn weiter ins Arabische, wo ihn eine bunte Frauenreihe in exotischen Gewändern umschwärmt, man ihm aber bald die letzten Habseligkeiten raubt. Was bleibt da als ein Irrenhaus? Als er schließlich gebrochen nach Hause zurückkehrt, will ihn dort niemand, nicht einmal der Teufel. Nur Solveig ist noch da, die über den Tod hinaus zu ihm hält. Und am Ende in den Weiten des Gutsparkes entschwindet.

Andree-Östen Solvik hat das Kunststück fertiggebracht, die eigentlich weit ausufernde Textvorlage, nicht eben leichte Kost, geschickt einzudampfen und mit Gespür für szenische wie akustische Effekte derart aufzubereiten, dass ein wirklich unterhaltsamer Sommerabend daraus wird. Unter den beifallsfreudigen Zuschauern viele aus der Neuruppiner Gegend, die ansonsten wohl eher selten ins Theater gehen. Es hätte noch lange weitergehen könnte, sagt eine ältere Frau neben uns. Da ist es bereits Mitternacht.

Von Frank Starke

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