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Kultur „Leere Herzen“: Wenn Terror zum Alltag gehört
Nachrichten Kultur „Leere Herzen“: Wenn Terror zum Alltag gehört
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14:00 14.11.2017
Engagiert sich politisch: Autorin Juli Zeh.  Quelle: dpa
Braunschweig

„Da. So seid ihr.“ Die Widmung von Juli Zehs neuem Roman „Leere Herzen“ klingt trotzig. Die Schriftstellerin schickt sich einmal mehr an, der Gesellschaft den Spiegel vorzuhalten. Und es ist kein schönes Bild, das sich da offenbart: Der Roman spielt in der nahen Zukunft. Die AfD (hier heißt sie BBB, Besorgte Bürger Bewegung) stellt die Regierung und lanciert ein „Effizienzpaket“ nach dem anderen. Effizienz heißt hier Einsparen von Werten: Weniger Verfassungsrichter, eine Sondersteuer für ausländische Arbeitnehmer. Die Menschen flüstern hinter vorgehaltener Hand, dass das ja alles nicht eben demokratisch sei, aber doch eigentlich keine schlechte Idee.

Symbolhaft für die Verrohung der Gesellschaft steht ein Spielzeug: Der neue Star im Kinderzimmer ist „Mega-Melanie“, die mit ihren Puppenkollegen auf Kuscheltiere oder aufeinander schießt und den Wortschatz der Kinder um den Begriff „Kollateralschaden“ erweitert.

Trump und Putin haben mit ihrem Megabündnis nebenbei die Nahost-Krise und den Syrien-Krieg beendet und taugen somit nicht mehr als Feindbild. Überzeugungen und Utopien gibt es nur noch in Form eines schlechten Gewissens, weil beide fehlen. Dafür gibt es aber ja die Autorin: Zeh, bekannt für ihre politischen Aktionen auch jenseits des Schreibtisches, verwechselt Literatur hier streckenweise mit einer Moralpredigt.

Zehs Markenzeichen als Autorin ist es, gesellschaftliche Entwicklungen weiterzudenken und zu überzeichnen; in der Dystopie „Corpus Delicti“ (2009) etwa entwarf die Juristin eine Gesundheitsdiktatur, in „Spieltrieb“ (2004) analysierte sie menschliche Abgründe. In „Leere Herzen“ geht die Autorin allzu plakativ vor: Vom Grundeinkommen über den Fitnesswahn und das Darknet bis zum selbstfahrenden Auto – das im Roman immer noch auf sich warten lässt – arbeitet sie sich an aktuellen Schlagwörtern ab.

Der neue Roman. Quelle: Luchterhand Verlag

Der Clou, mit dem sie spannungstreibend erst nach rund 70 Seiten aufwartet, besticht jedoch: Die Protagonistin Britta, aus deren Perspektive der Roman erzählt wird, arbeitet in einer Praxis namens „Die Brücke“. Es handelt sich um den ersten Terrordienstleister, der dem IS (hier heißt er im arabischen Original Daesh) Selbstmörder zuführt. Diese müssen sich an strenge Auflagen halten: Die Opferzahl ist begrenzt, so wird der Terror in geregelte Bahnen gelenkt. Zehs perfide Aussage: Der Terror und die Angst davor stabilisieren die Gesellschaft. Die Brücke „sorgt für das richtige Maß an Bedrohungsgefühlen, die jede Gesellschaft braucht“, heißt es im Text.

Dieser Roman ist nah dran am Zeitgeist: Angstschürer ziehen in den Bundestag ein, etablierte Parteien machen Zugeständnisse am rechten Rand, das individuelle Bedrohungsgefühl ist auf einem Rekordhoch, und Nationalisten haben international Hochkonjunktur.

Mit der Abschottung droht jedoch die Entmenschlichung, wie dieser pessimistische Zukunfts-Thriller ausführt. So sind die Herzen leer, wie es im Songtext von Zehs fiktivem Teeniestar Molly Richters heißt, der weibliche Justin Bieber des Jahres 2025. „Full hands empty hearts, it´s a suicide world, baby.“

Seit ihrem Debütroman „Adler und Engel“ (2001) verhandelt Zeh politische Themen immer wieder anhand starker Charaktere. Diesmal nimmt die Autorin das Milieu der Mittelstandseltern aufs Korn. Ihr Roman beginnt mit einer Szene, die an Rainald Grebes Song „Dreißigjährige Pärchen“ erinnert: Britta und ihr Mann machen Sushi mit ihren Freunden Janina und Knut und sonnen sich im eigenen Lebensentwurf. Da heißt es: „Im Flur nimmt Britta eine Flasche Rotwein entgegen, die Knut mitgebracht hat, eine nette Geste, obwohl sie den ganzen Keller voll mit Edwards haben, einem chilenischen Cabernet von 2020, den sie mögen und an den sie sich gewöhnt haben. Den Rioja mit Schleife am Hals werden sie bei Gelegenheit weiterverschenken.“

Ein Dorf in Brandenburg

Die Schriftstellerin Juli Zeh lebt seit 2007 in einem kleinen Dorf im Havelland.In ihrem Roman „Unterleuten“ von 2016 entwirft sie eine vermeintliche ländliche Idylle in einem brandenburgischen Dorf, das sich, als ein Investor versucht, dort Windkraftanlagen zu installieren, innerhalb kürzester Zeit in ein Schlachtfeld verwandelt. Ost gegen West, Neubürger gegen Alteingesessene, Opfer des ehemaligen SED-Regimes gegen einstige Täter. Doch bald verschwimmen die Fronten.Die 43-Jährige Autorin und promovierte Juristin ist in der Vergangenheit mehrfach durch ihr politisches Engagement in Erscheinung getreten. So reichte sie etwa 2008 eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht gegen den biometrischen Reisepass ein.

Siedelte Zeh ihren letzten Roman „Unterleuten“ (2016) in der brandenburgischen Provinz an, die sie selbst zu ihrer Wahlheimat gemacht hat, spielt ihr jüngster Roman in Braunschweig. Diese mittelgroße Stadt ist das passende Soziotop, um sich in der Mittelmäßigkeit einzurichten. Das Haus von Britta, der Putzsüchtigen, ist „praktisch, geräumig, leicht zu reinigen, genau wie Braunschweig selbst“.

„Da. So seid ihr.“ Dieser Roman ist eine Warnung davor, eines Tages aufzuwachen und nicht mehr in den Spiegel schauen zu können. Die Moralkeule jedoch wird hier so ostentativ geschwungen, dass die Lesefreude teilweise auf der Strecke bleibt.

Juli Zeh: „Leere Herzen“, Luchterhand. 352 Seiten, 20 Euro

Von Nina May/RND

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