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Leibniz war der letzte Universalgelehrte

Wissenschaft in Potsdam Leibniz war der letzte Universalgelehrte

U-Boot-Bauer, Rechenkünstler, Diplomat, Politiker und Philosoph. Und damit ist Gottfried Wilhelm Leibniz noch längst nicht zur Gänze erfasst. Er wurde vor genau 370 Jahren geboren und starb vor 300 Jahren. Trotzdem ist Leibniz als Anstoß für viele wissenschaftlichen Entwicklungen immer noch präsent – an der Berliner Akademie ebenso gut wie bei Potsdamer Informatikern.

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Quelle: akg

Potsdam. Ein Wort fällt immer, wenn man die Wissenschaftler unserer Tage auf ihn anspricht: Universalgelehrter. Gottfried Wilhelm Leibniz sei der letzte gewesen, der noch über das gesamte Wissen seiner Epoche verfügte und in allen Fachgebieten Entscheidendes beitragen konnte.

Nach dem heutigen gregorianischen Kalender feierte er am Freitag, 1. Juli 2016, seinen 370. Geburtstag. Die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften feiert diesen Termin und Leibniz’ im November anstehenden 300. Todestag schon das ganze Jahr. Sie hat auch allen Grund dazu. „Im juristischen Sinne können wir uns auf die Akademie berufen, die Leibniz gegründet hat“, sagt Akademiepräsident Martin Grötschel. Und ganz in Leibniz’ Sinne führe die Akademie auch heute noch ihre Arbeit fort.

Die Verbindung von Theorie und Praxis

„Ein hauptsächliches Thema von Leibniz’ Wissenschaftsverständnis war es, Theorie und Praxis miteinander zu verbinden“, sagt Grötschel. Dem gebürtigen Leipziger und späteren Bibliothekar der Herzog August Bibliothek in Wolfenbüttel sei es nicht nur darum gegangen, grundsätzliches Wissen zu erarbeiten, sondern auch das Leben der Menschen zu verbessern. Der Mathematiker Grötschel kann ein sehr konkretes Beispiel nennen, wo dieses Ziel heute noch wirkt: „Unsere mathematischen Modelle helfen den Potsdamer Verkehrsbetriebe, das Liniensystem und die Taktplanung einzurichten.“

Ein Vermächtnis bis in die Gegenwart

21. Juni 1646 lautet das Geburtsdatum von Gottfried Wilhelm Leibnitz – wenn man nach dem damals im protestantischen Leipzig gültigen Julianischen Kalender geht. Nach dem gregorianischen Kalender wäre es der 1. Juli gewesen.

15 Jahre war Leibniz erst alt, als er sich an der Leipziger Universität immatrikulierte. Schon mit 20 wollte er sich zum Doktor der Rechte promovieren lassen, was selbst die damaligen Professoren als zu jung empfanden.

Universalgelehrter ist das Attribut, das dem Frühaufklärer Leibniz gerne und zurecht angehängt wird. Nicht nur die Infinitesimalrechnung, die Leibniz parallel zu aber wohl unabhängig von seinem Zeitgenossen Isaac Newton entwickelte, geht auf sein Konto, er beschrieb auch das Dualsystem für die Zahlen, ohne das kein Computer funktionieren würde, entwarf Pläne für ein Unterseeboot, baute eine mechanische Rechenmaschine und erfand eine Endloskette für die Erzförderung im Bergbau.

Interdisziplinarität und Vernetzung sind Schlagworte unserer Wissenschaftsepoche. Leibniz ist wohl der größte interdisziplinäre Denker, den es gegeben hat. 20000 Briefe sind von ihm überliefert. Er unterhielt Korrespondenzen mit Gelehrten weltweit. Mit ihnen debattierte er über Mathematik, Politik, Linguistik, Frühgeschichte,, Theologie und Philosophie.

Sein Satz über die „Beste aller möglichen Welten“ wurde schon von Zeitgenossen parodiert. Leibniz war aber nicht so naiv zu glauben, wir lebten im Schlaraffenland. Er war aber überzeugt davon, dass von allen denkbaren Welten nur unsere mit Leid und Übeln behaftete Welt, die maximalsten Freiheits- und Entwicklungsmöglichkeiten garantierte.

14. November 1716 lautet Leibniz’ Todesdatum. Ein direktes und sehr lebendiges Vermächtnis ist die seinen universalistischen Anspruch weitertragende Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.

 

Ebenso wichtig sei aber, dass Leibniz die Natur- und die Geisteswissenschaften als große Einheit gesehen habe. Anders als die britische Royal Society habe er die Geisteswissenschaften in die Arbeit seiner Akademie einbezogen. Für die heutige Akademie der Wissenschaften sei 1992 die Eingemeindung wissenshaftlicher Anwendungen der mutige Schritt gewesen: „Wir haben auch die Technikwissenschaften einbezogen“, so Grötschel.

Mit seinem Ziel, alle Wissenschaften zu verbinden habe Leibniz das aktuelle Wissenschaftsverständnis, das auf Interdisziplinärität und Transdiziplinarität setze, vorweggenommen. „Die wirklich großen Fragen heute stellen sich immer an den Randgebieten“, sagt Grötschel. In Sinne dieses Vermächtnisses arbeite die Akademie fachübergreifend. Beim Erstellen des Gentechnikberichts hat zum Beispiel der Professor für Theoretische Philosophie in Kassel. Kristian Köchy ebenso seinen Platz in der Arbeitsgruppe wie der Potsdamer Molekularbiologe Bernd Müller-Röber. Rechne man neben diesen überlieferten Prinzipien des Leibniz’schen Akademieverständnis noch dessen eigene wissenschaftliche Leistungen hinzu, müsse er keinen verwundern, dass allein die Sonderveranstaltungen der Akademie im Leibniz-Jahr mehr als einen Band füllen würden.

Kant ist ohne Leibniz nicht denkbar

Grund zu feiern sieht man aber auch in Potsdam. Nicht verwundern dürfte es, dass „natürlich“ die Philosophen an der Universität einen solchen haben. „Leibniz’ Bedeutung für die weiter Entwicklung der Philosophie ist kaum zu überschätzen“, sagt der Professor für Theoretische Philosophie, Johannes Haag. „Ohne die Auseinandersetzung mit seinen Arbeiten wäre die Philosophie Immanuel Kants und damit letztlich auch die Philosophie des sogenannten Deutschen Idealismus nicht denkbar“, erläutert Haag, Zentrale Leibniz’sche Ideen - wie etwa seine Rede von „möglichen Welten“ - hätten bis heute noch großen Einfluss in der philosophischen Semantik und der Metaphysik der Modalitäten, die Lehre von notwendigen und von möglichen Dingen.

„Wichtige Erkenntnisse der Modernen Logik, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand und bei Gottlob Frege einen ersten Höhepunkt fand, hat er vorweggenommen.“ Die Bedeutung von Leibniz spiegele sich derzeit auch in der intensiven Auseinandersetzung mit seiner Philosophie wieder. Immer wieder werden in aktuellen philosophischen Publikationen neue Perspektiven auf die schwierigen Leibniz’schen Schriften zur Philosophie entwickelt. Der Fachwelt bleibt da auch 300 Jahren nach Leibniz’ Tod noch genügend zu tun. Allein die Ausgabe seiner Briefe umfasst derzeit fast 70 Bücher.

Die Erfinder der Infinitesimalrechnung

Aber Leibniz war nicht nur Philosoph. Er war auch Mathematiker. Jan Metzger, Professor für Partielle Differentialgleichungen am Institut für Mathematik an der Universität Potsdam, gibt zu, dass er bisher noch keine Schriften von Leibniz selbst gelesen hat. Das hält ihn aber nicht davon ab, den zusammen mit Isaac Newton zeitgleichen Erfinder der Infinitesimalrechnung zu loben. „Die Mathematik ist eine Wissenschaft, die auch auf dem aufbaut, was diese beiden Forscher entwickelt haben“, sagt er. Differentialgleichungen bildeten heute die Grundlagen eines großen Teils der modernen Mathematik – und sind die Sprache in der Erkenntnisse moderner Wissenschaften wie Physik, Chemie aber auch Biologie oder Ingenieurwissenschaften formuliert sind.

Metzger vermutet, dass der Wunsch natürliche Prozesse und Vorgänge zu beschreiben, sowohl Newton als auch Leibniz auf ihre damals neue Methode brachten. Der Ablauf des freien Falls läßt sich durch die Infinitesimalrechnung sehr einfach beschreiben: Die Position des sprichwörtlichen fallenden Apfels etwa, ändert sich mit der Rate, die durch die Geschwindigkeit gegeben ist, diese ändert sich unter dem Einfluss der Beschleunigung. Da die Erdbeschleunigung konstant ist, kann man leicht die Position des Apfels berechnen.

Begründer einer neuen Mathematik

Weder Leibniz noch Newton hatten jedoch eine solide axiomatische Grundlage für ihre Entdeckungen, die solide, mathematische Beweisführungen erlaubt und heute eine sehr viel weitergehende Anwendung der Infinitesimalrechnung erlaubt. Deshalb sei die unmittelbare Beschäftigung mit den Werken von Newton und Leibnitz heute eher von historischem Interesse für einen Mathematiker. Zu würdigen sei Leibniz’

Leistung auf diesem Feld aber sehr wohl. „Letztlich haben Newton und er eine ganz neue Mathematik entwickelt“, so Metzger. „Begriffe, die damals noch gar nicht richtig verstanden wurden, aufzugreifen, war schon eine Leistung.“ Überhaupt auf die Idee zu kommen, Prozesse auf dieser Weise mathematisch darzustellen, sei neu gewesen. Trotzdem hätte es die Mathematiker des späteren 18. und des 19. Jahrhunderts gebraucht, um die Ansätze jener beiden so gegensätzlicher Forscher in die Grundlagen moderner Mathematik umzuwandeln. Doch ohne die Vorarbeiten von Leibniz und Newton wäre zum Beispiel fast die ganze moderne Physik und Naturwissenschaft mathematisch nicht zu beschreiben.

Das große Ganze verstehen

Eine ganz besondere Beziehung zu Gottfried Wilhelm Leibniz hegt Matthias Steinmetz, der wissenschaftliche Vorstand des Leibniz-Institut für Astrophysik Potsdam (AIP). „Ich glaube wir sind das einzige unter den 88 Leibniz-Instituten in Deutschland, die sich direkt auf Leibniz als Gründervater berufen können“, sagt er. „Er wollte ja die Königlich-Preußische Akademie der Wissenschaften gründen und schlug eine Sternwarte und ein Kalenderpatent als Finanzierungsmodell vor“, so Steinmetz. Tatsächlich reicht die Geschichte des AIP bis zur 1700 gegründeten Berliner Sternwarte und dem 1874 in Potsdam eröffneten Astrophysikalischen Observatoriums zurück. Diese Vorläufer verdanken ihre Existenz auch Leibniz’ Anregungen.

Natürlich fasziniert Leibniz Steinmetz auch als Wissenschaftler: „Er war der letzte Universalgelehrte, der Letzte, der sagen konnte, das gesamte Wissen seiner Zeit zu beherrschen.“ Von Leibniz könne man auch als Wissenschaftler unserer Tage lernen, einen Schritt zurückzutreten und wieder versuchen, das Ganze zu sehen. In der Astrophysik bedeute das zum Beispiel: „Wo kann ich Ideen und Ansätze auch auf andere Forschungsbereiche übertragen und wie kann ich verschiedene Gebiete zusammensetzen?“ Und ganz ähnlich wie Jan Metzger lobt Steinmetz Leibniz als Erfinder der Differentialrechnung. „Das ist praktisch das Handwerkszeug jeder Naturwissenschaft.“

Software im Sinne von Leibniz

In direkter Tradition zu Gottfried Wilhelm Leibniz sieht sich auch der Potsdamer Professor für Wissensverarbeitung und Informationssysteme am Institut für Informatik, Torsten Schaub, auch wenn er die von Leibniz Anfang des 18. Jahrhunderts gebaute Rechenmaschine selbst noch nicht gesehen hat. Im Grunde führe sein Lehrstuhl fort, was Leibniz’ mit seiner – nicht gebauten – Lösungsmaschine für intellektuelle Probleme vorschwebte. „Wir entwickeln Softwaresysteme, die aus Problembeschreibungen Lösungen entwickeln“, sagt Schaub. Dazu gehörten Rechner, die Schach spielen können, Stundenpläne koordinieren oder ein Musikstück komponieren und Roboter, die selbst einen Lösungsweg für die ihnen gestellte Aufgabe finden.

Wichtig sei bei all diesen Systemen der Programmierer keine Lösungswege vorgebe, sondern nur das Problem und die Spielregeln. „Wie die Lösungen entstehen, das überlassen wir dem Rechner.“ Genau nach dem selben Prinzip habe Gottfried Wilhelm Leibniz vor 320 Jahren in der Welt des Barock gedacht. Er wollte die Probleme der Gelehrten seiner Zeit in eine universelle Sprache zu übersetzen, ebenso die Argumente, die sie zu ihrer Lösung vorbrachte. Die Maschine sollte dann ausrechnen, welche Argumente besser sind. Genau das machen heute Computersysteme, mit denen etwa die Deutsche Bahn ihre Fahrpläne oder die Universität Potsdam ihre Stundenpläne hervorbringt.

Aufklärer auch für Potsdam

Aber nicht nur in der Informatik führen direkte Wege vom Leibniz-Haus in Hannover nach Potsdam, auch als Aufklärer findet er sich dort. „Er war einer der wenigen deutschen Gelehrten, die Friedrich II. respektiert hat“, sagt der Professor für Kulturen der Aufklärung, Iwan-Michelangelo D‘Aprile. Tatsächlich nannte der Alte Fritz Leibniz „eine Akademie für sich“. Kein Wunder, sieht sich das „Research Center Sanssouci“ der Schlösserstiftung, an dem auch die Universität Potsdam beteiligt ist, auch dem Geist Leibniz’ verpflichtet. „Was die Verbindung von Geist und Natur angeht, hat er uns immer noch eine Menge zu sagen“, meint D’Aprile. Schließlich sei er es gewesen, der sich an formalisierten Sprachen versuchte, um sie maschinell zu bearbeiten.

Geist und Natur verbinden sich auch bei Forschungsprojekten des Research Centers, etwa wenn es sich mit dem Klimawandel befasst, um die Parklandschaften der Stiftung als kulturelle Zeugnisse auch in Zukunft zu erhalten. „Für Wissen und Gesellschaft“, laute der Untertitel des Research Centers, sagt D’Aprile. „Das ist auch ein Motto, das zu Leibniz passt.“ Schließlich habe er mit seinem gewaltigen Netz von Korrespondenzen versucht, die Regierungspolitik seiner Zeit wissenschaftlich zu beeinflussen.

Von Rüdiger Braun

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