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02:16 15.01.2016
Die Ausstellungsinitiatorin Tatjana Sterneberg im Foyer des Brandenburger Landtags in Potsdam, wo 25 Frauen porträtiert werden. Quelle: Christel Köster
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Potsdam

Ute Bonstedt hebt den Kopf aus Trotz, alle wolle sie noch heute zeigen, dass sie sich nicht beugen will. Nun ist sie 49 Jahre alt, das Haar hat graue Strähnen, ihr rotes Hemd steht im Kontrast zur blassen Haut. 1986 wurde sie verurteilt wegen „öffentlicher Herabwürdigung“ der DDR. Bonstedt hatte daheim in Rerik, gelegen im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, mit Freunden Protestlosungen an Häuserwände geschrieben, nachdem ihr Ausreiseantrag abgelehnt wurde. Ein Jahr und sechs Monate kam sie ins Frauengefängnis Hoheneck in Sachsen. „Die Angst war immer da“, sagt sie, „ich habe Haarwasser getrunken, um mich zu betäuben.“

Sie hat aufbegehrt gegen die Schikanen der Wärter, immer wieder sperrte man sie zum Arrest in die Dunkelzelle. Von ihrem Schicksal lässt sich auf Tafeln im Foyer des Brandenburger Landtags lesen, wie auch über das Leben von 24 weiteren Frauen, die in Hoheneck als politische Gefangene einsaßen. Jede Frau erzählt ihr Schicksal knapp auf ein paar Zeilen – schon ein einzelner Lebenslauf genügt, um Schwindel und Entsetzen beim Betrachter über Schikanen und Willkür in der Haft zu wecken.

Die Wanderausstellung erinnert an weibliche Häftlinge, die zwischen 1950 und 1989 in Hoheneck inhaftiert waren, meist wegen ihrer Absicht, das Land zu verlassen. Die Anträge wurden abgewiesen, das zog den Protest der Frauen nach sich – dieses Aufbegehren wiederum wurde von der ostdeutschen Justiz drakonisch bestraft. 40 Jahre lang war Hohen­eck im sächsischen Stollberg das zentrale und größte Frauenzuchthaus in der DDR. Hier wurden nicht nur verurteilte kriminelle Frauen inhaftiert, sondern auch Regimegegnerinnen und Republikflüchtlinge.

Mehr als 600 Kissenbezüge pro Schicht genäht

Tatjana Sterneberg, geboren 1952 in Berlin-Lichtenberg, ist die Initiatorin der Wanderausstellung „Der dunkle Ort: Das Frauengefängnis Hoheneck“ – die Schau basiert auf dem Buch „Der dunkle Ort“, in dem der Fotograf Dirk von Nayhauß und die Autorin Maggie Riepl 25 ehemalige „Hoheneckerinnen“ porträtieren.

In Hoheneck, gelegen im sächsischen Stollberg, wurden die Frauen Tag und Nacht als Zwangsarbeiterinnen eingesetzt. Pro Schicht mussten 287 Bettbezüge genäht werden (weniger als zwei Minuten pro Exemplar) oder mehr als 600 Kopfkissenbezüge (weniger als eine Minuten pro Bezug). Sie wurden in den Westen verkauft und landeten dort in Warenhäusern.

Die Ausstellung ist im Foyer des Potsdamer Landtages bis 29. Februar zu sehen, Mo bis Fr 8-18 Uhr.

1950 sind 1100 Frauen, etwa 30 Babys und Kleinkinder aus den aufgelösten sowjetischen Lagern wie Sachsenhausen nach Hoheneck verlegt worden, wo es lediglich Platz für 600 Menschen gab. In den 70er Jahren saßen zeitweise über 1600 Frauen in dem hoffnungslos überbelegten Gefängnis. Brigitte Ballnow, die von 1973 bis 1974 in Hoheneck einsaß, erinnert sich: „Einige mussten auf dem Boden schlafen, weil kein Platz mehr war. Das tägliche Chaos war unvorstellbar.“

Die Zusammenlegung der „Politischen“ mit den Gewalttäterinnen hatte System, sie sollten gezielt eingeschüchtert werden. „In Hoheneck wurden die Politischen behandelt wie der letzte Dreck“, erinnert sich Regina Labahn. Im Gefängnis herrschten menschenunwürdige Zustände – hinter den mächtigen Mauern der Burg war es kalt und schmutzig, das Essen war minderwertig. Lucie Fischer sagt: „Ich weigerte mich, Mohrrübensuppe mit Maden zu essen.“ Eine andere Gefangene ergänzt: „Beim Hungerstreik haben wir alle mitgemacht. Darauf waren wir sehr stolz.“ Die Strafen in Hoheneck freilich waren furchtbar, Arrest in der abgedunkelten Zelle gab es bereits für geringste Vergehen.

Nach dem Mauerfall wurden die letzten 169 politischen Gefangenen durch eine Amnestie entlassen. Tausende der ehemaligen Hoheneck-Frauen leiden noch immer unter den Spätfolgen wie Angstzuständen oder Schlaflosigkeit, zum Beispiel Brigitte Ballnow, die einräumt, dass ihre Nächte unruhig sind und keine Rede sei von Seelenfrieden. Ihr Mann war 1971 in die Bundesrepublik geflohen, sie selbst versuchte im Jahr darauf, mit beiden Kindern im Kofferraum eines PKW über die Grenze zu gelangen. Die Flucht scheiterte.

Eine andere Form des Traumas hat sich bei Heidrun Breuer ausgeprägt, die 1954 im brandenburgischen Döbern geboren wurde: „Die Haftzeit hat mich hart gemacht. Ich lasse bis heute keine Schwäche zu.“ Klar und eindringlich schaut sie vom Foto, eine selbstbewusste Maske unterm rotgefärbten Wuschelkopf.

Die Ausstellung geht zurück auf die Initiative von Tatjana Sterneberg, sie ist 1974 wegen Republikflucht zu vier Jahren Haft in Hohen­eck verurteilt worden. Aus dem 2012 erschienenen Fotoband „Der dunkle Ort“ hat sich die klare, klug aufgebaute Schau gespeist, in der Fotograf Dirk von Nayhauß und die Autorin Maggie Riepl imposant das Leid der Gefangenen auf den Punkt bringen.

Von Lars Grote

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