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Buchmesse in Leipzig Lesen verbindet

Fluchtgeschichten stehen im Zentrum der Leipziger Buchmesse. Bis zum Sonntag werden rund 250 000 Besucher erwartet. Der Buchpreis 2016 geht an den sächsischen Schriftsteller Guntram Vesper. Sein 1000 Seiten starker Roman Frohburg breitet „eine umfangreiche Geschichtslandschaft vor uns aus“, schreibt Literaturkritiker Dirk Knipphals in seiner Laudatio.

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Bücher sind mitunter überlebensgroß – nicht nur in ihrer Wirkung.

Quelle: dpa

Leipzig. Ein tätowierter Matrose, eine Achtzigjährige mit einer warmen Stimme, ein pickliger Teenager und eine Mitarbeiterin der Weltbank: Sie alle haben ein Buch von Charles Dickens in der Hand, lesen reihum daraus vor. Sie teilen ihre spontanen Eindrücke, beim Vorlesen werden ihre Stimmen Teil des Kunstwerks. So beschrieben die Gründer der Berliner Agentur Böhm & Sommerfeld gestern auf der Leipziger Buchmesse ihre Erfahrungen mit dem Prinzip des „Shared Reading“. Sie wollen das „geteilte Lesen“ nach Deutschland bringen. Vorbild ist die Liverpooler Organisation The Reader, deren mehr als 100 Mitarbeiter Lesehappenings in Schulen, Altenheimen, Gefängnissen und Unternehmen organisieren.

Buchmesse ist primär ein großes Lesefest

Die gemeinsame Lektüre als verbindender und sogar heilender Kraftspender – welch stimmige Botschaft zum Auftakt der Leipziger Buchmesse, die primär ein großes Lesefest ist. Bis Sonntag werden an 410 Leseorten 3000 Autoren und rund 250 000 Besucher erwartet. Zum 25. Geburtstag von „Leipzig liest“ dokumentieren Schriftsteller und Leser unter dem Twitter-Stichwort #25 ihr persönliches Lektüreerlebnis: vom Roman auf dem Nachttisch bis zum Flashmob auf dem Leipziger Marktplatz.

Aladdin aus Syrien mit Stromstößen gefoltert

Die Debatte um Zuwanderung steht mit 60 Lesungen und Diskussionsrunden im Zentrum der diesjährigen Messe. Der Hueber Verlag bringt in einem Crashkurs Ehrenamtlichen bei, wie sie Asylsuchenden die deutsche Sprache vermitteln können, an Hörstationen in der Glashalle erzählen Flüchtlinge aus Leipzig ihre Geschichte. Wie der 20-jährige Aladdin. In Syrien ist der Sohn eines Professors mit Stromstößen gefoltert worden, seit sechs Monaten lebt er in Leipzig und organisiert mit seinen Freunden deutsch-arabische Partys. In fast akzentfreiem Deutsch berichtet er, wie er lieber auf Demonstrationen gegen Assad gegangen ist, statt für das Abitur zu lernen: „Meine Eltern wollten mich abhalten. Aber ich habe gesagt: Das Abitur kann ich auch nächstes Jahr machen. Freiheit brauche ich jetzt.“

Gespräche mit schwierigen Partnern sind unumgänglich

Die aktuelle Politik kommentiert der frischgekürte Träger des Leipziger Buchpreises zur Europäischen Verständigung, Heinrich August Winkler, im ARD-Forum. Der Historiker sagt: „Wenn wir die Sicherung der europäischen Außengrenzen anstreben, und das sollten wir, kommen wir um Gespräche mit sehr schwierigen Partnern wie der Türkei nicht herum.“ Seit dem Beginn der EU-Beitrittsverhandlungen sei in dem Land ein Abbau von Pluralismus und Rechtsstaatlichkeit zu verzeichnen, deshalb solle Deutschland nicht den Eindruck vermitteln, dass die Türkei bald in die Europäische Union aufgenommen werde.

Auf die Rückwand des Forums „Traduki“ in Halle 4, das sich mit Flucht, Migration und Heimat beschäftigt, ist das Bild eines nackten Fußes gezeichnet, das im Gehen eine Wurzel aus dem Boden reißt. Sie bleibt am Fuß hängen und mitgenommen an den neuen Ort.

Christoph Hein stellt seinen neuen Roman vor

Der Autor Christoph Hein, der Grand Seigneur der ostdeutschen Literatur, sagt in der Autorenarena der „Leipziger Volkszeitung“, Fremdenhass sei kein sächsisches Phänomen, auch wenn die Berichterstattung über Pegida das manchmal suggeriere. „Es gehört – leider – zur menschlichen Natur, sich im Rudel zusammenzurotten und nach außen abzugrenzen.“ Heins aktueller Roman „Glückskind mit Vater“ handelt von einer anderen Art von Flucht, der psychischen und geografischen Flucht vor dem Vater.

Stress mit Teenagern und apokalyptische Zukunftsvisionen

Weniger ernst geht es in den selbstironischen Kolumnen des Journalisten Jan Weiler zu, der in „Im Reich der Pubertiere“ vom Leben mit seinen Kindern im Teenageralter berichtet. Auf der Messe erzählt er, wie er die Freunde seiner Tochter vergrault, indem er sie einen Fragebogen ausfüllt lässt und Auto wie Parteipräferenz des Vaters abfragt. Der vielleicht am kontroversesten diskutierte Roman der Saison stammt von Karen Duve. In „Macht“ entwirft sie eine apokalyptische Zukunftsversion: Der Planet ist hoffnungslos zerstört, Frauen regieren das Land, und der Protagonist hält seine Exfrau über Jahre als Sexsklavin im Keller gefangen. Auf der Messe erzählt Duve, sie sei von Entführungsfällen wie dem von Natascha Kampusch inspiriert worden. „Der Science-Fiction-Überbau kam erst durch die Frage: Was hat die Sache Kampusch mit uns allen zu tun? Ich wollte keinen Psychopathen zeigen, sondern jemanden, der im Angesicht des Weltuntergangs durchdreht.“

Buchpreis geht an Guntram Vesper

Guntram Vesper , 1941 in Frohburg/Sachsen geboren, ist mit dem diesjährigen Preis der Leipziger Buchmesse geehrt worden. Er erhielt die Literatur-Auszeichnung für seinen Roman „Frohburg“.

In seiner Laudatio betonte der Literaturkritiker Dirk Knipphals, es lohne sich bei diesem Roman auch auf die Details und die einzelnen Sätze zu sehen. Der Sohn eines Landarztes schrieb neben Büchern auch etliche Hörspiele und Radioessays.

Der Preis der Buchmesse wurde in drei Kategorien vergeben und ist mit insgesamt 60 000 Euro dotiert.

In der Kategorie Sachbuc h ging die Auszeichnung an Jürgen Goldstein für sein Buch „Georg Forster“.

Seine Studie über den Entdeckungsreisenden und Intellektuellen Forster (1754-1794) gehe über die Gattung der Biografie hinaus, „indem sie sachkundig und thesenstark das anthropologische Lebenswerk eines Mannes deutet, dessen politisches Denken durch seine bahnbrechenden Reisen unmittelbar geprägt wurde“, hieß es.

Goldstein , Jahrgang 1962, lehrt als Professor für Philosophie an der Universität Koblenz-Landau. Der Preis ist mit 15 000 Euro dotiert.

Im vergangenen Jahr hatte ihn Philipp Ther für das Buch „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent. Eine Geschichte des neoliberalen Europa“ erhalten.

In der Kategorie Übersetzung wurde Brigitte Döbert für ihre Arbeit an dem serbischen Buch „Die Tutoren“ von Bora Cosic geehrt.

„Wenn Ideologien zerbröseln, gerät die Sprache außer Rand und Band. Mit überbordendem Wortwitz bildet Brigitte Döbert ein Kompendium balkanischer Verrücktheiten nach“, hieß es von der Jury.

Döbert (Jahrgang 1959) übersetzt aus dem Bosnischen, Englischen, Kroatischen und Serbischen. Sie lebt in Berlin. Ihr Peis ist ebenfalls mit 15 000 Euro dotiert.

2015 hatte Mirjam Pressler die Ehrung für ihre Übertragung des Buchs „Judas“ von Amos Oz aus dem Hebräischen entgegen nehmen dürfen.

Mit der ersten Bloggerkonferenz möchte die Messe die Schreiber und Leser der digitalen Welt noch stärker einbinden. Erstmals eröffnet auch das Startup-Village „Neuland“. Der digitale Service „Blinkist“ bietet zum Beispiel Kernaussagen von Sachbüchern in einem für mobiles Lesen optimierten Format an.

Neuland – dieser Titel spielt auf eine Zeit an, als die Bundeskanzlerin Angela Merkel noch vor allem wegen ihrer unglücklichen Sprachwahl in Bezug auf das Internet in der Kritik stand. Die Messe führt mit ihren Fluchtgeschichten eindrücklich vor Augen, dass wir heute in einer anderen Ära leben. Und regt dazu an, dass geteiltes Lesen und Leben bereichernd sein kann.

Von Nina May

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