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Kultur Von „ostdeutscher Krankheit“ und anderem Elend
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10:54 22.02.2018
Der Schriftsteller André Kubiczek. Quelle: Bernd Gartenschläger
Potsdam

André Kubiczek ist nicht der Mann der großen Worte, auch nicht der großen Bühne, deshalb ist er so gut aufgehoben in dem Leseraum von Carsten Wist, dem Buchhändler mit seinem Separee für literarisch hochwertige Gäste. Man geht die enge Wendeltreppe hoch, balanciert ein Buch und ein Glas Wein und sichert sich mit freundlichem Ellbogen und entschiedenem Lächeln einen Stuhl, um in dem engen, schön verwinkelten Wohnzimmer der Lesung zu folgen.

Am Montag hat Kubiczek aus seinem neuen Roman „Komm in den totgesagten Park und schau“ gelesen, die Leute haben sich gedrängt, man kennt so eine Nähe nur aus Punkkonzerten. Denn André Kubiczek ist eine große Nummer, seitdem er 2016 mit seinem Potsdam-Roman „Skizze eines Sommers“ auf der Shortlist, also in der Endauswahl des Deutschen Buchpreises gestanden hat.

Schweigende Männer am Lagerfeuer

André Kubiczek ist Potsdamer, doch mit seinem neuen Buch hat er die Heimat verlassen. „Nur Potsdam-Romane, das ist beim Verlag nicht vermittelbar“, erzählt er, und kommt zur Sache. Er hat sich Richtung Köln orientiert, obwohl das auch nur eine der Etappen ist, die hinleiten in eine Gegend, die schön klingt, doch vielen Menschen geografisch wenig sagt: Böhmische Schweiz. Dorthin rutscht die Handlung, nicht schnurgerade, sondern konsequent verwinkelt. Marek und sein Sohn Felix, auch ein Freund von Marek treffen sich in einer Hüte. Zur Besinnung. Und um die eigene Verlorenheit zu spiegeln. Drei schweigende Männer am Lagerfeuer. Dieses Lagerfeuer stellt Buchhändler Wist mit seinem Kollegen Felix Palent im Hof der Buchhandlung nach, sie lesen den Beginn dieses Romans als Rollenspiel und halten sich mit einer Whiskyflasche warm. Es raucht, man fragt sich, ob das mit dem Brandschutz kompatibel ist. Ihre kurze Lesung wird vom Mikrofon ins Lesezimmer übertragen. Das klingt nach Muppet-Show und riecht nach frischgefälltem Feuerholz.

Dann übernimmt Kubiczek mit seiner sanften Stimme, er liest aus seiner Rollenprosa, erzählt von Felix, der Nina, seiner Angebeteten, einen späten Brief schreibt und die Hürden noch einmal Revue passieren lässt, die der Liebe im Wege standen. Vor allem Sascha kam ihm in die Quere, der auch scharf auf Nina war und sogar vegetarisches Sushi probiert hat, um ihr zu imponieren. Auch wenn er kurz die Luft vorm Schlucken angehalten hat.

Die ostdeutsche Erbkrankheit: Früher was alles besser

Kubiczek erzählt vom Rechts-Links denken, dem Weg in die Extreme, die nach der Wende die Identität der Jugendlichen, doch auch deren Eltern sicherstellen sollten. „Es gibt den Morbus Ostdeutschland“, sagt er, die ostdeutsche Malaise, „die in manchen Gegenden wie eine Erbkrankheit übertragen wird.“ Früher war alles besser, heißt es dann, man fühle eine Degradierung nach der Wende.

Von dieser Krankheit erzählt Kubiczek in seinem Roman. Es ist ein unterhaltsames Buch, aber auch ein präzises, das soziologische, aber vor allem literarische Ambitionen hegt. Der volle kleine Lesesaal bei Carsten Wist hat andächtig dem ruhigen Mann bei seiner Lesung zugehört. Bevor die Leute wieder mit dem Glas und Buch in ihren Händen runterbalancierten in das Erdgeschoss. Festen Boden unter den Füßen. Noch einen Wein. Und Atem holen nach der trauten, kuscheligen, fast intimen Lesung, bei der Tuchfühlung dazugehört.

André Kubiczek:
Komm in den totgesagten Park und schau. Rowohlt, 384 Seiten, 22 Euro.

Von Lars Grote

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