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Libertines, die liebenswerten Hallunken

Rock Libertines, die liebenswerten Hallunken

Nach elf Jahren Pause haben die Libertines ein neues Album aufgenommen – die genialischen, oft verkrachten Freunde Carl Barât und Pete Doherty haben sich zusammengerauft, ihnen ist ein großer Wurf gelungen: Die Poesie und Rohheit ihrer ersten beiden Alben konnten sie auf die neue Platte retten. Und ziehen gleich mit einem alten Kontrahenten.

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Carl Barât (l.) und Pete Doherty verbindet eine komplizierte Freundschaft, die musikalisch reiche Früchte trägt.

Quelle: DPA

Potsdam. Man hatte an die neue Platte ja nicht mehr geglaubt, zu viel Gewitter gab es damals bei der Trennung, nach gerade mal zwei Alben. Seither gelten die Libertines als romantische Laune der Rockgeschichte, wahlweise auch als ihre genialische Fußnote. Sie haben eine Epoche geprägt, trotz ihres kurzen Atems und der langen Krankenakte von Pete Doherty, der Drogen wie Grundnahrungsmittel schluckte.

Nun gibt es das neue, dritte Album doch noch, nach elf Jahren Pause. „Anthems For Doomed Youth“ glänzt mit den Grobheiten der frühen Jahre, mit Hymnen, eher aus dem Ärmel geschüttelt als wirklich komponiert – sie riechen nach Dosenbier und lassen die Gitarre an der langen Leine. Vorab zu hören war die Single „Gunga Din“, wie ein Fiebertraum beginnt sie, in weiten Teilen aber ist sie frei von jenen Kanten und den mondsüchtigen Melodien, die einst den Charme der Libertines begründet haben. Normalerweise geben die vier Briten nichts auf Feinheiten der Notenblätter, sondern leben von gut in Szene gesetzter Wehmut.

Die komplizierte Freundschaft von Pete Doherty und Carl Barat stand einer berechenbaren, kontinuierlichen Karriere im Weg, die Giftstoffe haben Doherty fast in die Frühverrentung geführt. Die ersten zwei Alben der Libertines, erschienen 2002 und 2004, waren Versprechen, wie sie früher auch der Punk in Aussicht stellte, der die Parameter des Popgeschäfts verschob und eigentlich ganz allgemein mit Pop aufräumen wollte – zugunsten eines waghalsigen, handwerklich oft zweifelhaften Gitarrenspiels, gepaart mit einem Gesang, der wie ein atem- und gottloses Gebet klang.

Drogen und ein Model pflastern ihren Weg

Die Libertines gründeten sich 1997 in London, zur aktuellen Besetzung zählen Pete Doherty, Carl Barât (beide Gesang und Gitarre), John Hassall (Bass) und Gary Powell (Schlagzeug).

Bis zur Trennung im Jahr 2004, die durch Dohertys Drogenkonsum provoziert wurde, nahm die Band zwei Alben auf: „Up The Bracket“ (erschienen 2002) und „The Libertines“ (2004).


Wahlweise dem Post-Punk oder Indie-Rock wird die Band zugeordnet, nicht nur musikalisch gilt sie als epochemachend durch ihre rohe und poetische Gitarrenmusik, sondern auch modisch, was nicht zuletzt an der ehemaligen Beziehung von Pete Doherty mit dem Model Kate Moss liegt.

Doherty spielte in den letzten Jahren bei den Babyshambles, Barât bei den Dirty Pretty Things.

Hält sich das neue Album an diese Tradition des sensibel-verhärmten, vor Sex nur so strotzenden Geklimpers? Wenn man „Gunga Din“ abzieht, das für den Libertines-Kosmos zu sauber und zu allgemeinverträglich klingt, und wenn man auch das Auftaktstück „Barbarians“ links liegen lässt, das routiniert das Pathos von The Damned verwaltet, dann hält man ein starkes Album in Händen.

Aufgenommen wurde es in Thailand, wo Doherty gerade eine Entziehungskur abschloss. Barat singt tief und väterlich, Doherty durchweg wund, wie mit geweiteten Augen. Doherty ist das hochbegabte Kind, das freilich immerzu Probleme macht, doch mit seinen verwirrenden Ideen den ganzen Laden unterhält. Barat kümmert sich darum, dass aus den delikaten Häppchen, die Doherty serviert, ein Ganzes wird, ein Album mit einem roten Faden und so etwas wie – großes Wort bei dieser Band – eine Dramaturgie. Sorgfältig sind die Temperamente verteilt auf der Platte, denn wo das Stück „You’re My Waterloo“ ein haderndes, herabgedimmtes Stück in Moll ist, ganz in der Tradition von Dohertys Soloalbum „Grace/Wastelands“, geben sie mit „Glasgow Coma Scale Blues“ gekonnt die Kraftmeier: Bezwingender Refrain mit hingerotzten, angetrunkenen Strophen. Filigran und halt beseelt auf eine Art, wie man das vor den Libertines kaum kannte.

Die neue Platte ist kein PR-Gag, sondern ein relevantes Album – verschossen ins Unfertige und dennoch dem Anspruch verpflichtet, keinen müden Nachwasch der eigenen so kryptischen, doch gefeierten Bandgeschichte aufzutischen. Wem gelingt das schon nach mehr als zehn Jahren Pause? Blur! Auch denen ist in diesem Jahr ein gefeiertes Comeback geglückt, selbst wenn zwischen den Libertines und Blur mental mitunter Welten liegen. Wohl darum, weil sie beide britisch sind und hier der Klassenunterschied gefeiert wird: Blur sind die Studierten, gerade mit den späten Songs fühlen sie der Globalisierung und der Marktwirtschaft den Puls. Die Libertines zünden sich lieber in der Raucherecke eine an und schauen der Kellnerin auf den Po.

The Libertines: Anthems For Doomed Youth. EMI/Universal.

Von Lars Grote

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