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Lichterfelds Abraumförderbrücke F 60

Technisches Denkmal Lichterfelds Abraumförderbrücke F 60

Gigant der Industriekultur: Einst beförderte die 502 Meter lange Abraumförderbrücke

F 60 in Lichterfeld (Elbe-Elster) pro Stunde 29 000 Kubikmeter Erdreich. Nachdem der Tagebau Klettwitz-Nord Anfang der 1990er Jahre stillgelegt wurde, sollte sie gesprengt und zerlegt werden. Heute kümmert sich ein Förderverein um das technische Denkmal und führt Besucher herum.

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Olaf Umbreit vor der Förderbrücke

Potsdam. Man steht davor und staunt: Was für ein Dinosaurier der Industriekultur! Diese Abraumförderbrücke vom Typ F 60, die sich da in Lichterfeld (Elbe-Elster) am Rand des einstigen Tagebaus Klettwitz-Nord über die Landschaft erhebt. 502 Meter lang ist dieser Riese, mit einer Höhe von beinahe 80 Metern über dem Grund. Kein Ungetüm. „Nee“, sagt Olaf Umbreit vom Förderverein Besucherbergwerk F 60 stolz, „das ist unser liegender Eiffelturm der Lausitz.“ Nun ja – der Vergleich hinkt. Weil das Pariser Wahrzeichen ja bloß 324 Meter misst. Manche Besucher, die der 63-Jährige herumführt, nennen den Stahl-Giganten auch liebevoll Heuschrecke. Wegen der Form.

An die 1000 Montagearbeiter hatten ab November 1988 gut zu tun, den Koloss vom VEB TAKRAF Anlagenbau, Werk Lauchhammer, vor Ort zu errichten. Zwei schwenkbare Eimerkettenbagger, die in unterschiedlichen Höhen baggerten, trugen das Erdreich über dem Braunkohleflöz ab. Die F 60 mit ihrem Förderband bugsierte es auf die andere Seite des Tagebaus. „Sonst hätte man die Erdmassen ja umständlich mit Zügen drumherum transportieren müssen“, erklärt Olaf Umbreit. In einer Stunde wurden sage und schreibe 29 000 m³ bewegt. „Ungefähr so viel wie ein Fußballfeld, mit acht Metern Aufschüttung drauf.“ Schon nach 13 Monaten Betrieb – die Hälfte davon Probelauf – war am 30. Juni 1992 Schluss. Der Tagebau wurde nach der Wende stillgelegt. „Die F 60 sollte gesprengt und zerlegt werden.“

Gerhard Schröder war auch mal da

Mitte 1998 trafen sich 30 Leute. Experten, Bergmänner, Politiker. Bloß vier waren dafür, den Hünen nicht zu verschrotten. Vornweg die Landschaftsarchitektin Elke Löwe, die bei Senftenberg wohnt. Sie plädierte dafür, die F 60 in die Bergbaufolgelandschaft zu integrieren. Die Gemeinde Lichterfeld-Schacksdorf bewies Mut, kaufte für einen symbolischen Preis Brücke samt knapp 70 Hektar Umfeld und den Bergheider See, ein Tagebaurestloch. Inzwischen ist das Besucherbergwerk mit der F 60 Touristenmagnet. Gerhard Schröder war im September 2000 da. Stieg hinauf bis zu einem Punkt auf der F 60, den man seitdem „Kanzlerblick“ nennt.

Dem Berliner Künstler Hans Peter Kuhn kam in den Sinn, die Brücke mit einer Licht- und Klanginstallation auszustatten. Sommers sorgen 40 Lichtstäbe am Wochenende im Dunkel dafür, dass sie in Gelb, Rot, Orange, Grün, Blau erstrahlt. Umbreit schwärmt: „Dann sieht sie wie ein riesiges Kunstwerk aus.“ Der Clou: Über Lautsprecher sind die einstigen Arbeitsgeräusche zu hören. Die Maschine knarrt und quietscht und dröhnt. Wie finden das die alten Bergmänner? „Sie sind gerührt.“

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Auf der Abraumförderbrücke F 60 – sie ist ein Gigant aus hochwertigem Stahl

Auf der Abraumförderbrücke F 60 – sie ist ein Gigant aus hochwertigem Stahl.

Quelle: Matthias Baxmann

m Werkstattwagen, wo dereinst repariert wurde – im Prinzip ein graugetünchtes dreistöckiges Haus – können Besucher einen Imbiss bekommen. Umbreits Blick schweift dort oben über die Tagebaulandschaft. „Ist das nicht faszinierend“, sagt er. Und wird dann technisch. „Die Bezeichnung F 60 bedeutet, dass mit diesem Gerät in einem Arbeitsgang 60 Meter Abraum abgetragen werden konnte.“ Erfunden wurden die ersten kleinen Förderbrücken im rheinischen Braunkohlerevier vorm Ersten Weltkrieg. Unikate. Dann setzte sich diese Technologie 1924 in der Niederlausitz durch, in der Braunkohlegrube „Agnes“ in Plessa. In der DDR wurden ab den 1950er Jahren Einheitsförderbrücken hergestellt: die F 23, die F 35 – und eben die F 60, das größte bewegliche Arbeitsgerät der Welt. „Ein technisches Kulturgut“, sagt Olaf Umbreit, „man muss sie bewahren, sonst begreift die nachfolgende Generation ja gar nicht, wie es gelingen konnte, in der Lausitz das Unterste zu oberst zu kehren. Wie alles bis auf die eiszeitliche Erdschicht abgetragen wurde, um an die Kohle zu kommen.“

Rostet die F 60 denn nicht? „Klar. Unser Förderverein packt jedes Jahr rund 25 000 Euro auf die hohe Kante für den Korrosionsschutz.“ Die kommen durch die Führungen zusammen. Und wenn zum Beispiel Industriekletterer hier das Abseilen üben. Und der Koloss ist imposante Kulisse für Open Air und mehr.

„Kommen Sie“, sagt Olaf Umbreit. Er will noch die lange Reihe der über 200 Motoren unter der Brücke zeigen, die sie einst bewegten. „Alle sind noch da.“ Nur Aggregate wurden abgebaut. Deshalb hat die F 60 ein bisschen abgenommen. Statt einst 13 500 wiegt sie nur noch 11 000 Tonnen. Was macht’s!

Weitere Infos: www.f60.de

Von Angelika Stürmer

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