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Kultur „Lieber eine schöne Frau als schönes Theater“
Nachrichten Kultur „Lieber eine schöne Frau als schönes Theater“
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18:16 28.09.2017
Drei Polizeihundertschaften postierten sich rund um das Gebäude der Berliner Volksbühne, mehr als ein Dutzend Mannschaftswagen fuhr auf. Quelle: DPA
Berlin

An diesem Donnerstag haben die Besetzer nach einer Woche die Berliner Volksbühne verlassen. Die Räumung stand bevor – unter Aussicht auf Straffreiheit beendeten sie den Protest, nie war ganz klar, worum es dabei ging. Gegen die „kommerzorientierte Kunst“ des neuen Intendanten, des Belgiers Chris Dercon, der bisher als Museumsmanager gearbeitet hat? Offiziell wurde das bestritten, in einem Schreiben ist verkündet worden: „Wir wollen mit unserer transmedialen Theaterinszenierung ein Zeichen setzen gegen die aktuelle Kultur- und Stadtentwicklungspolitik.“

Man könnte sagen: Gähn. Geht’s noch? Ist das nötig, nun die Rituale von 1968 nachzuspielen? Gibt es da im Osten einen Nachholbedarf, weil in der DDR die Rebellion von ’68 notgedrungen ausgefallen ist?

Doch selbst manchen Intendanten anderer Theater galt die Besetzung als aufregendste Premiere der neuen Saison. Vielleicht lässt es sich damit erklären, dass auf der Bühne neue Stoffe fehlen – Goethe, Schiller, Kleist sind ausgepresst, man übersetzt nun gerne Filme und Romane fürs Theater.

Aber auch Romane oder Filme sind nur ein Behelf. Am liebsten hätte man natürlich nacktes, ungeschminktes Leben auf der Bühne.

Ist das die knappe SMS-Sprache oder doch schon Selbstgerechtigkeit?

Da kommen diese „Jungs und Mädels“, wie Frank Castorf sie nennt, gerade recht. Castorf ist der vormalige Intendant des Hauses, der im Sommer nach 25 Jahren unfreiwillig abtrat, weil der Senat ihn nicht mehr wollte. Die Jungs und Mädels kleben ein Plakat ans Tor des Hauses. „Doch Kunst“, steht darauf, kryptisch genug, um assoziativ, renitent und sexy zu klingen. Nebulös genug, um im Dunkeln zu bleiben, ob das die knappe SMS-Sprache der neuen Zeit ist, oder die Selbstermächtigung, die man auch von anderen besetzten Häusern kennt: Hände weg! Wir bleiben! Begehrt euch!

Besetzen ist auch stets getrieben von Koketterie, endlich Tatkraft zu zeigen. Eine Form des oftmals eitlen Paragrafenbruchs. Er legitimiert sich nicht durch Satz und Nebensatz, ihm reichen Parolen.

„Staub zu Glitzer“ schrieben die Besetzer, das klingt wie Gurken zu Bananen. „Staub zu Glitzer“ immerhin birgt einen Eros, der so sehr herbeigesehnt wird in der Kunst, denn natürlich kennen die Besetzer ihren Sigmund Freud: Kunst ist Triebsublimierung, sagte der Wiener vor gut 100 Jahren. Will sagen: Ich kann nicht immer Sex haben, aber die Kraft des Eros in Kulturarbeit umleiten. Das meint wohl auch Frank Castorf so, wenn er aktuell in einem Interview bekennt: „Eine schöne Frau ist mir wichtiger als ein schöner Theaterabend.“

Da ist sie wieder, die Koketterie, die an der Besetzung so nervt. Castorf sagt, es sei ein „Glücksfall“, dass die Arbeit seines Nachfolgers Dercon so staatsstreichartig behindert werde, und lässt keinen im Unklaren darüber, dass er sich am Haus fies rausgeworfen fühlt. Ein Mann, dem das Theater das Herz gebrochen hat, doch der kühl behauptet: Pah, was ist schon das Theater gegen diese Wahnsinnsweiber ... Er fühlt sich allemal befähigter als Chris Dercon, die Bühne zu führen: „Ich schicke ja auch nicht Turbine Potsdam in die Champions League, sondern eben Bayern München.“

Castorf vergleicht Äpfel mit Birnen (Turbine Potsdam spielte häufig in der Champions League, bei den „schönen Frauen“) und offenbar auch Staub mit Glitzer. Die Debatte läuft verquer. Genau wie der Protest der Besetzer, die Dercon bereits vor dessen Premiere am Haus über den Mund fahren. Auch Andrea Nahles von der SPD möchte der CDU „auf die Fresse geben“, bevor die CDU etwas gesagt hat. Maulhelden aller Länder, bitte haltet die Klappe.

Von Lars Grote

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