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Kultur Liederzyklus eines Alban-Berg-Schülers über „Mexikos geheime Juden“
Nachrichten Kultur Liederzyklus eines Alban-Berg-Schülers über „Mexikos geheime Juden“
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15:00 02.11.2015
Die Philosophin Sina Rauschenbach spielt an der Harfe. Quelle: Karla Fritze
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Potsdam

„Keine Frage – bei der Musik eines in Buenos Aires geborenen Komponisten wartet man unwillkürlich auf Tango-Anklänge. Aber kann das gehen bei einem Stoff, der von Demütigung, Folter und Todesmartyrium handelt? „Verfolgt und verbrannt – Mexikos geheime Juden“ heißt der Liederzyklus, der am Donnerstag in der Potsdamer Schinkelhalle uraufgeführt wurde.

Der Abend basiert auf Poemen, biografischen Texten und Briefen des 1596 hingerichteten Autors Luis de Carvajal. Das Programm ist quasi das öffentliche Fazit eines Projekts, das Sina Rauschenbach, Professorin für Religionswissenschaft und Jüdisches Denken an der Universität Potsdam, aus ihrer Konstanzer Zeit mit an die Havel gebracht hat. Es nimmt sich einer speziellen Facette des großen Themas „Inquisition“ an, die er vom 15. bis 19. Jahrhundert von der katholischen Kirche mit Eifer geführten Gerichtsverfahren, deren Ziel es war, Andersdenkende entweder zu bekehren oder dem Scheiterhaufen auszuliefern. Zehntausende Unschuldige fanden dabei den Tod. Und das perfide System wurde nach der Entdeckung Amerikas mit in die neue Welt genommen. Dorthin war der Jude Carvajal geflohen, weil er hoffte, hier vor Nachstellungen sicher zu sein. Ein Trugschluss.

Könnte man, so fragte sich Rauschenbach, in ihrer Freizeit selbst Harfenistin, die Erinnerung an das Schicksal Carvajals nicht als Musikprojekt in die Öffentlichkeit tragen? Sie stieß auf den 1933 in Argentinien geborenen Alban-Berg-Schüler Osias Wilenski, der aus dem Stoff bereits eine Oper gemacht hatte, für deren Aufführung er aber immer noch nach einer Bühne suchte. Da lag es nahe, den Komponisten zumindest für eine verschlankte Lieder-Fassung zu gewinnen. Und mit dem Berliner Modern Art Ensemble ist es gelungen, eine Spitzengruppe im Bereich der modernen Musik ins Boot zu holen. Dazu den Tenor Friedemann Hecht sowie Kantor Nikola David als Sprecher.

Klar, es ist alles andere als ein gefälliger Abend. Zum Auftakt skizzieren Flöte, Cello, Harfe, im Weiteren unterstützt vom Klavier, zwar noch so etwas wie die Hoffnung auf ein erfülltes Leben. Doch nach und nach werden die Töne schriller, beklemmender: „in prison“, im Gefängnis, gibt es kein Entkommen mehr. Nun übernimmt das Cello, klagend, verzweifelt, der Text erzählt, wie es ist, wenn man den Mut verliert, keine Hilfe kommt, man schutzlos der Folter ausgeliefert ist.

Am Ende zitiert der Sprecher aus dem Urteil des Santo Oficio, des Heiligen Gerichts. Der Angeklagte sei ein zur Buße unfähiger rückfälliger Dogmatisierer. Bei lebendigem Leibe soll er den lodernden Flammen übergeben werden, „bis er sich in Asche verraucht“. Um diese Ungeheuerlichkeit zu brechen, baut Wilenski in das Finale einen „Satan-Tango“ ein, jenen für seine Schwermut bekannten Tanz. Getragen von der Hoffnung, die Mächte der Finsternis letztlich doch zu besiegen, entlässt der Komponist sein Publikum.

Unter den Zuhörern auch Unipräsident Oliver Günther, der zur Begrüßung darauf verwies, dass es zum Selbstverständnis seines Hauses gehört, Brücken zu schlagen in andere Bereiche, in das Land, in die Stadt. Hier war es eher ein schmaler Steg, das Publikumsinteresse hielt sich in Grenzen. Vor vollen Sälen spielt seit langem das aus einer studentischen Initiative erwachsene Unidram-Festival; am Dienstag startet in der Schiffbauergasse sein 22. Jahrgang.

Von Frank Starke

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