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Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Weißrussland Literaturnobelpreis für Swetlana Alexijewitsch

Das Stockholmer Komitee hat entschieden: Der diesjährige Nobelpreis für Literatur geht an die weißrussische Autorin Swetlana Alexijewitsch – eine Autorin die bislang vor allem bei Osteuropa-Kennern bekannt war. Das wird sich jetzt ändern. Eine gute Entscheidung.

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Die diesjährige Trägerin des Literaturnobelpreises: Swetlana Alexijewitsch. „Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen“, sagte die weißrussische Autorin am Donnerstag in einer ersten Reaktion.

Quelle: epd

Stockholm. Erinnern. Immer wieder geht es um das Erinnern. Und zwar um jenes jenseits der offiziellen Geschichtsschreibung, der staatlich verordneten Heldenprosa oder der weichgespülten Wohlfühlberichte. „Wir müssen darüber sprechen, was mit uns geschehen ist“, hat Swetlana Alexijewitsch einmal gesagt. Das klingt beinahe schlicht. Doch wer diesen Satz ernst meint und nimmt – und das macht die 67-jährige Weißrussin wie kaum eine andere Autorin ihrer Generation – muss über Krieg und Tod, Vertreibung und Verdrängung sprechen. Genau darüber schreibt Alexijewitsch seit Jahrzehnten – und dafür erhält sie, wie die Schwedische Akademie am Donnerstag bekannt gab, den Literaturnobelpreis 2015.

Die Autorin wird geehrt für „ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“. Dem Leiden ein Denkmal setzen? Das klingt etwas pathetisch. Pathos jedoch liegt Alexijewitsch ziemlich fern. Lange hat sie als Journalistin gearbeitet, und ihre Bücher sind manchmal nah an der Alltagssprache. Das hängt auch mit der Entstehungsweise der Texte zusammen: Die Weißrussin führt Interview um Interview und arrangiert die Gespräche zu außergewöhnlichen literarischen Reportagen, zu Texten, in denen Dutzende, manchmal gar Hunderte von Einzelstimmen zu einer Collage geformt sind.

Swetlana Alexijewitsch

Die diesjährige Literaturnobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch wurde am 31. Mai 1948 im westukrainischen Stanislaw (Iwano-Frankiwsk) als Tochter einer Ukrainerin und eines weißrussischen Soldaten. Sie wächst in einem Dorf in Weißrussland auf.

In den 60er-Jahren arbeitete sie als Dorflehrerin und Lokaljournalistin, später bei einem Literaturmagazin.

Ihre wichtigsten Bücher: „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ (1983), „Zinkjungen“ (1989), „Tschernobyl. Eine Chronik der Zukunft“ (1997), Secondhand-Zeit. Leben auf den Trümmern des Sozialismus“ (2013).

2013 erhielt Swetlana Alexijewitsch in Frankfurt/Main den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

So hat Alexijewitsch von Anfang an gearbeitet. Für ihr erstes Buch, „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“, hat sie mit sowjetischen Frauen gesprochen, die während des Zweiten Weltkriegs als Soldatinnen im Einsatz waren. Als das Buch Mitte der achtziger Jahre erschien, bescherte es der Autorin – trotz der ersten Perestroika-Anzeichen – Ärger: Der Text hatte wenig zu tun mit den offiziellen Erinnerung an den Großen Vaterländischen Krieg gegen Nazi-Deutschland. Alexijewitsch schrieb über den Alltag; und der ist vor allem im Krieg wenig glorreich.

Was Weltkrieg, Umsiedlung, Stalinismus mit den Menschen gemacht haben, ist das eine große Thema dieser Autorin. Geboren ist sie 1948 in der West-Ukraine, aufgewachsen vor allem in Weißrussland, der Heimat ihres Vaters. Im weißrussischen Minsk hat sie Journalistik studiert, später bei verschiedenen Zeitungen und auch eine Weile als Lehrerin gearbeitet. Ihre ersten Bücher erschienen in Deutschland mit Verspätung; im Verlag Hanser Berlin sind jetzt mehrere Titel in überarbeiteten Neuausgaben herausgekommen. Als Alexijewitschs Buch „Zinkjungen“ Anfang der neunziger Jahre in Deutschland auf den Markt kam, staunten nicht wenige Leser. Die Autorin schrieb über die jungen russischen Soldaten, die im Afghanistan-Krieg getötet worden waren und deren Leichname in Zinksärgen zurück in die Heimat kamen. Eindringlich schilderte sie den Kummer der Mütter und Lebensgefährtinnen, und vielen deutschen Leser wurde durch dieses Buch bewusst, welche sozialen und seelischen Verheerungen auch dieser Krieg bewirkt hatte.

In Deutschland hat Alexijewitsch nach „Zinkjungen“ zahlreiche Auszeichnungen erhalten – vom Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung über den Remarque-Friedenspreis bis zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den sie 2013 entgegennahm. Seit der Verleihung des Friedenspreises galt sie als ernstzunehmende Kandidatin für den Literaturnobelpreis.

Dass sie ihn nun am 10. Dezember in Stockholm bekommt, mag mit dem Wechsel an der Schwedischen Akademie, die die Auszeichnung verleiht, zusammenhängen: Seit Kurzem leitet Sara Danius die Akademie; möglich, dass die neue Chefin den Preis politischer gestalten will, eine andere Richtung einschlagen möchte als ihr Vorgänger Peter Englund.

Und durchaus möglich, dass die Entscheidung auch als Signal an Weißrussland gedacht ist. Dort wird am kommenden Wochenende gewählt und aller Voraussicht nach Diktator Alexander Lukaschenko erneut im Amt bestätigt. Der Preis an die kritische Swetlana Alexijewitsch stärkt die weißrussische Opposition.

Trotz vieler Einschüchterungsversuche lebt die Autorin nach verschiedenen Auslandsaufenthalten seit einigen Jahren wieder in Minsk – geschützt durch das internationale Interesse an ihrer Person und ihrem Werk. Wer das liest, hat den Eindruck, einmal durch die sowjetische Historie des 20. und frühen 21. Jahrhunderts zu reisen. Zu den einschneidenden Ereignissen über die diese literarische Chronistin geschrieben hat, zählt auch das Reaktorunglück von Tschernobyl. Und in ihrem jüngsten Band, „Secondhand-Zeit“, schildert sie, wie Menschen „auf den Trümmern des Sozialismus“ leben – so der Untertitel.

Swetlana Alexijewtisch hat gerade westlichen Lesern den Blick ermöglicht auf die dunklen, lange verschütteten oder verschwiegenen Seiten der Sowjetunion und des heutigen Russlands. Was Traumatisierung und Verdrängung mit Menschen macht, ist jedoch ein universelles Thema. Ihre Dokumentarprosa ist eindringlich, berührend, manchmal nur schwer auszuhalten, aber immer großartig zu lesen. Die Schwedische Akademie hat eine glänzende Wahl getroffen. Alexijewitsch drückt das recht handfest aus: „Das ist ganz groß, diesen Preis zu bekommen.“

Von Martina Sulner

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