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Kultur Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller stellt Wort-Bilder aus
Nachrichten Kultur Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller stellt Wort-Bilder aus
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20:07 14.09.2018
Herta Müller erhielt 2009 den Nobelpreis für Literatur. Foto: Stuwe
Neuhardenberg

Wenn eine Schriftstellerin einen Nobelpreis bekommen hat, fühlt sich ihr Leben danach sicher ganz anders an. Aber wie? Materiell hat sie ihr Auskommen, ideell muss sie keinem mehr etwas beweisen. Die österreichische Dramatikerin Elfriede Jelinek, die 2004 zu dieser Ehre kam, blieb ihrem Erfolgsrezept treu. Sie verpackt ihre Zeitdiagnosen nach wie vor in grantelnde, kalauernde Bühnentexte, die aber immer souveräner klingen.

Herta Müller dagegen, die Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009, schreibt seit dem Stockholmer Ritterschlag keine Prosa mehr. Die Rumäniendeutsche hat gar nicht versucht, am Erfolg ihres letzten Romanes „Atemschaukel“ anzuknüpfen.

Die kleine, zarte, elegante und stets in Schwarz gekleidete Dame steht in der Ausstellungshalle in Neuhardenberg, Kreis Märkisch Oderland, und erzählt, was sie seither am liebsten tagein, tagaus macht. Es klingt, als könne sie es selbst kaum fassen. Sie schneidet einzelne Worte aus Zeitungen und Werbedrucksachen aus und klebt sie auf weiße Kartons. Welche Worte und in welcher Reihenfolge, darüber denkt sie oft tagelang nach. Liest man die Wörter hintereinander, ergeben sich klangvolle, surreale Sinnzusammenhänge.

„Land wie eine dünne/ Brotscheibe ich sollte/ fort von hier und/ bleibe Zeit ist ein/ spitzer Kreis ich weiss“, steht auf einer von 227 Postkarten in der Ausstellung mit dem Titel „Zeit ist ein spitzer Kreis“. Angeordnet in Blöcken hängen die Sprachbilder – in gleichgroßen Passepartouts und schlichten grauen Rahmen – an den lang gestreckten Wänden.

„Ich würde mich nicht hinsetzen und ohne Schere dichten“, sagt Herta Müller. Sie hat die Worte nicht im Kopf, sie kommen von außen. Sie sammelt und sortiert sie zu Hause in Berlin, wo sie seit 1987 lebt. „Es gibt Worte, die ich immer ausschneide. ,Koffer‘ oder ,Bahnhof‘ würde ich immer ausschneiden. ,Nacht‘, ,Haase‘, ,Dorf‘, ,Stadt‘ auch – egal, wie oft ich sie schon habe. Und dann gibt es Worte, die wollte ich nie ausschneiden, weil ich dachte, die sind ideologisch und haben in einem literarischen Text nichts zu suchen. Diktator etwa.“

Die 65-Jährige weiß, dass sie die rumänische Ceaușescu-Diktatur in den Knochen hat. Ihre Prosa kreiste beständig um dieses eine Thema der Ohnmacht. Will sie sich mit poetischen Arbeiten von dieser tiefen Prägung lösen?

Das wäre eine Erklärung, aber so witzig und fantasievoll ihre lyrischen Texte sind, so welthaltig sind sie auch. Zwei Zufallsstichproben, die deutlich machen, wie gesellschaftliche Zwänge immer noch ihr Unterbewusstsein bestimmen: „Und dann kam/ das Gesetz aus/ Weissblech über mich es/ war dreieckig bewegte sich und/stach mir ein Knopfloch in/ die Zunge…“ Oder: „Der Bruder/ war zur Polizei bestellt er blieb/ sehr lang und das gelbe/ Maisfeld zog sich wieder seine dünnen grauen Strümpfe an….“

Die Wortcollagen, die sie stets noch mit einer winzigen Bildcollage würzt, wirken schon deshalb welthaltig, weil sie ästhetisch der Zeitungs- und Katalogwelt verhaftet sind. Als Künstlerin setzt Herta Müller der Gutenberg-Galaxie ein letztes authentisches Denkmal.

Jedes Wort behaupte seine eigene Typografie und Farbe, betont sie. Sie klebt zwei Kartons unter jedes Wort, so dass sie erhaben sind – „Jedes Wort ist wie eine kleine Plakette ist. Alle Wörter müssen die gleiche Ebene haben.“

 Zwischendrin platziert die Autorin gern auch einmal handgeschriebene Worte, die sie in den Drucksachen der Ökoläden findet – „die machen die Texte weich.“ Aber manchmal passen in ihren Augen die Farben der ausgeschnittenen Worte nicht zusammen. „Wenn ich dann das Wort in einer anderen Farbe in meinen Schubladen suche, stoße ich manchmal auf ein ganz anderes Wort und denke, das passt ja sehr gut. Und dann entsteht ein ganz anderer Wortzweig. Oder das Wort, das ich finde, hat eine ganz andere Farbe, dann muss ich die anderen Farben ändern“, berichtet sie über ihre Obsession. „Wenn ich etwas verwerfe, tun mir die Wörter leid und dann mache ich damit eine andere Collage. Die liegt dann mitunter vier, fünf Wochen. Inzwischen habe ich zwei, drei andere gemacht“, erzählt sie.

Herta Müller ist reich, wortreich. „Ich habe in meiner Werkstatt sicher 100 000 Worte. Die Worte sind eigentlich verloren zwischen den vielen anderen, aber irgendwie auch aufgehoben. Sie sind auch in einer Masse, wie in einem Bahnhof. Sie warten, dass sie irgendwie abfahren können – in einen Text. Oder sie sind froh, dass man sie in Ruhe lässt. Darum haben sie diese Sinnlichkeit.“

Herta Müller spricht mit einem donauschwäbischen Dialekt. Die rumänische Sprache, die sie liebt, lernte sie erst in der Schule und dann ab 1976 als Arbeiterin in einer Bukarester Maschinenfabrik. Sie unterschlägt das reflexive „sich“, wenn sie sagt: „Im Rumänischen reimt ja alles, in den romanischen Sprachen reimt ja alles. Da muss man aufpassen, dass man nicht reimt.“ An ihre deutsche Lyrik hat sie folgenden Anspruch: „Die Reime müssen sich verstecken in den Zeilen und dürfen nicht so auftrumpfen, aber sie müssen das im Takt halten wie ein kleiner Motor.“

Die Nobelpreisträgerin verbringt den ganzen Tag mit ihren Collagen „Ich kann das nicht nebenher machen.“ Sie begann damit vor 30 Jahren, kurz nachdem sie nach Deutschland kam. „Ich fand oft keine Ansichtskarten, die mir gefallen haben, da habe ich mir die Karten selbst geklebt.“ Zu Hause hat sie heute mehr als 1000 fertige Arbeiten liegen. Sie sind unverkäuflich. Nur einmal hat sie eine der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch gespendet, die dann auch viel Geld einbrachte. Wie viel, verrät sie nicht.

„Warum soll ich mich von meinen Collagen trennen? Ich bin nicht darauf angewiesen. Sie haben Platz und fressen kein Brot, sagte immer meine Mutter“, so Müller.

Wird sie wirklich keinen Roman mehr schreiben? „ Ich weiß nicht, ich halte alles für gleichwertig. Romane sind Romane, Lyrik ist Lyrik.“ Und zeigt in die Ausstellung: „Was das ist, weiß ich nicht. Man sagt, dass sei Bildende Kunst, ich hab keine Ahnung.“

info Ausstellung „Zeit ist ein spitzer Kreis“ : 16. Sep. bis 2. Dez., Di-So 10-18 Uhr. Ausstellungshalle Neuhardenberg.

Von Karim Saab

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