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Deichkind denken beim Lollapalooza groß

Kult-Festival in Berlin Deichkind denken beim Lollapalooza groß

4 Euro für einen Becher Fanta, 368 Menschen warten in einer Schlange vor den Dixi-Klos. Das Kultfestival Lollapalooza hat jede Menge Geschichten, über die es sich zu erzählen lohnt. Unser Autor war aber vor allem von der Musik begeistert. Besonders von Deichkind – und das nicht nur wegen ihrer eigenartigen Hüte.

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Deichkind lieferten einen wahnsinnigen Auftritt, nicht nur wegen der Hüte.

Quelle: dpa-Zentralbild

Berlin. Ein jahrmarktartiges Buden-Gewirr und ein Zaun trennen das Festival Lollapalooza von den Weiten des Tempelhofer Feldes. Der historische Flughafen mit seinen Hangars im Halbrund stecken für die 45. 000 Besucher einen harten Resonanzraum ab. Für Samstag und Sonntag herrscht auf der betonierten Flugpiste Ausnahmezustand. Es gilt ein dicht getakteter, ultimativer Fahrplan, ein großes Versprechen, das nun eingelöst wird. 33 Bands bespielen drei Riesenbühnen. Und wer DJ-Sets bevorzugt, findet noch eine vierte Bühne.

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Sonntag, 13. Septemeber: Das Lolapalooza-Festival ist ein absolutes Kultfestival. Am Wochenende ist es zum ersten Mal in Europa gefeiert worden. Genauer in Berlin, auf dem Gelände des einstigen Flughafen Tempelhof. Mit dabei: die Beatsteaks, Seeed, Deichkind, Franz Ferdinand mit den Sparks, die Libertines und viele andere.

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Zum Preis von anderthalb Stadionkonzerten lässt sich auf die Schnelle die ganze popkulturelle Gegenwart uploaden. Im angloamerikanisch dominierten Business der Lebensgefühl-Ausdruckskunst können auch einige deutsche Bands gut mithalten. Die Beatsteaks sowie Seeed, beide aus Berlin, verfügen am Sonntagabend gegenüber der britischen Rockband Muse und der schwedischen Synthi-Pop-Formation Little Dragon sogar über einen Heimvorteil.

Viele Besucher des erstmals in Europa ausgerichteten Festivals sind ebenfalls von weither angereist. Die Jüngeren tragen Stoffbeutel auf dem Rücken und sind mit Package-Angeboten und bargeldlosem Bezahlen bereits bestens vertraut. Essen und Trinken sind nicht inklusive. Wer eine Brezel für drei Euro will, einen Becher Fanta für vier oder ein warmes Handbrot für 5,50 Euro, muss vorher am bunten Armgelenkbändchen einen Chip mit Geld aufladen und vor allem ewig anstehen.

Musikalisch lassen sich gute Entdeckungen machen. Wer hat schon Hot Chip aus London auf der Rechnung? Eine Schlagzeugerin und sechs Männer geben einen suggestiven, fein abgemischten, durchweg tanzbaren Elektro-Pop zum Besten, in dem die dünne, helle Stimme eines Sängers nur eine Komponente von vielen ist.

Lange Schlange vor dem Dixi-Klo

Mit dem letzten Akkord, auf die Minute 18 Uhr, betritt die schottische Band Franz Ferdinand mit dem Sänger Alex Kapranos die etwa 250 Meter entfernte Nachbarbühne. Seit März firmiert Franz Ferdinand (FF) unter dem Namen FFS, weil sie sich mit den Sparks (S) aus Kalifornien zusammengetan haben. Ein herzerfrischender Befreiungsschlag, denn die Kargheit des Britpops erhält durch den operettenhaften Falsett-Gesang von Russell Mael eine Spiegelung ins Fantastische.

Zur Geschichte des Festivals

Das Festival Lollapalooza wurde in den USA 1991 ins Leben gerufen. Jane’s Addiction-Sänger Perry Farrell hatte Lollapalooza vor 24 Jahren eigentlich als Abschiedstour für seine Band auf die Beine gestellt. Mit dabei waren damals ganz unterschiedliche Musiker und Bands wie Ice-T, Nine Inch Nails oder Violent Femmes.

Seinen festen Platz fand das Festival in Chicago, wo es - nach einem zwischenzeitlichen Aus - jährlich vor rund 160 000 Zuschauern über die Bühne geht. Ableger des Festivals gibt es bereits in Chile, Argentinien und Brasilien. Berlin war der erste Ort in Europa.

Die „New York Times“ nannte das Festival in den 1990er Jahren „das Woodstock für die verlorene Generation“. Die Kult-Serie Simpsons widmete dem Spektakel die Folge „Homerpalooza“.

Zeitgenössische Künstler präsentierten auf dem Festival-Gelände ihre Werke. Für Kinder gab es das „Kidzapalooza“ mit Spielstationen und Spatzenkino. Gemeinnützige Organisationen unterhielten kleine Stände und verteilten Aufklärungs-Material.

Doch wehe, der Festivalbesucher muss sich zwischendurch einmal erleichtern. Vor einer Batterie blauer Dixi-Klos steht eine Schlage von sage und schreibe 368 Menschen. Also hinten anstellen und hinnehmen, dass sich hier die druckvollen Schallwellen zweier Gigs überlagern. Denn keine Band spielt in die Ruhe hinein, jede spielt gegen mindestens eine andere an und sie alle wollen sich im gigantomanischen Sound und in der Dezibelzahl übertreffen. Nicht umsonst unterhält die Deutsche Tinnitus-Stiftung einen Aufklärungsstand und verteilt kostenlos Ohrstöpsel.

Deichkind stellen alles in den Schatten

Einem langweiligen Auftritt der Charts-orientierten englischen Band Bastille folgt schließlich ein atemberaubender Act. Ausgerechnet die Hamburger Rapper mit dem Namen Deichkind stellen bei ihrer Bühnenshow alles in den Schatten. Ihren Hit „Denken Sie groß“ haben sie selbst in die Tat umgesetzt. Die raubeinigen Männer verstehen sich nicht nur als Meister des Sprechgesangs, sondern auch als Bühnenfiguren und ekstatische Tänzer. Sie schlüpfen in bizarre Kostüme und liefern eine dramaturgisch ausgeklügelte, großformatige Choreographie ab. Am Ende rollen sie in einem Fass über die Köpfe des völlig begeisterten Publikums und skandieren den Song „Roll das Fass rein“. Einer von ihnen schwenkt eine Fahne mit der Aufschrift „Welcome Refugees“. Wäre ihr Sprechgesang nicht auf den deutschen Sprachraum beschränkt, hätte Deichkind sicher auch auf internationaler Bühne eine Chance und würde wie Kraftwerk, Nina Hagen oder Rammstein wahrgenommen.

Von Karim Saab

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