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Kultur Lucille blieb selten im Koffer
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15:42 19.05.2015
B. B. King liebkost seine „Lucille“. Quelle: DPA
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Potsdam

Eigentlich hieß er ja Riley King. Aber dieser Name passte nicht zu einem Musiker, fand er, und deshalb nannte er sich „Blues Boy“. Daraus wurde dann im Laufe der Jahre B. B. King. Im Alter von 89 Jahren ist der größte Blues-Gitarrist aller Zeiten am Donnerstag in Las Vegas gestorben.

Im Leben von B. B. King kamen alle Klischees zusammen, die man in Verbindung mit einem farbigen Blues-Musiker bringen kann. Geboren wurde er auf einer Baumwollplantage im finstersten Mississippi, seine Eltern sangen im Kirchenchor, der Pastor der Gemeinde brachte dem kleinen Riley die ersten Gitarren-Griffe bei.

Ansonsten war das Leben des jungen B. B. King genauso von Armut und schwerer Arbeit geprägt wie das Leben vieler Farbiger im Süden der USA. Er jobbte als Baumwollpflücker, brachte es bis zum Traktorfahrer und verließ die Plantage, als er den Traktor bei einem Unfall zerstört hatte. Mit 2,50 Dollar in der Tasche ging er nach Memphis/Tennessee, um eine Karriere als Musiker zu beginnen. 1946 war das.

Gearbeitet hat B. B. King in Memphis als Schweißer, Musik machte er wenig erfolgreich nur nebenbei. Damals war er auch noch nicht der große Gitarrist, der Generationen von Blues-und Rockmusikern prägen sollte. Er zweifelte an seinem Können, ging zurück nach Mississippi, um ein Jahr später einen Neustart in Memphis zu wagen. Und der gelang.

Erste Auftritte im Radio machten B. B. King in der schwarzen Community populär, Blues war damals keine Musik der Weißen. Ab 1950 nahm King erfolgreiche Platten auf und tourte durch die schwarzen Clubs der gesamten USA - die Rassentrennung sorgte dafür, dass farbige Musiker längst nicht in allen Clubs und Konzerthäusern spielen durften.

B. B. King blieb auch im Geschäft, als Pop und Rock auch in der schwarzen Gemeinde immer mehr Anhänger fanden, er war und blieb - trotz einiger weniger Ausflüge in die Popmusik - ein Blues Boy alter Schule. Mitte der 60er Jahre aber begannen sich auch Weiße für den Blues zu interessieren, B. B. King fand ein internationales neues Publikum - die Zahl der Gitarristen, die von ihm lernten und sich auf ihn beriefen, ist Legion. Eric Clapton, Jimi Hendrix, Keith Richards, Johnny Winter: Sie alle zählten B. B. King zu ihren größten Vorbildern.

Verheiratet war B. B. King zwei Mal, beide Ehen scheiterten schnell, nur die dritte hielt: die mit seiner Gitarre, der er den Namen Lucille gegeben hatte. Der Legende nach gab es seinem Instrument, meistens einer halbakustischen Gibson, den Namen, nachdem er seine Gitarre aus einem brennenden Club gerettet hatte. Das Feuer war durch die Prügelei zweier Männer entstanden, die sich um eine Frau namens Lucille stritten.

Lucille blieb selten im Koffer, B. B. King ging bis ins hohe Alter auf Tour, manchmal trat er auch in seinem eigenen Club in der legendären Beale Street in Memphis auf. Wer das Glück hatte, ihn dort zu erleben, sah und hörte einen Musiker, der unglaublich authentisch war. B. B. King liebte und spielte den Blues nicht nur, er lebte ihn auf der Bühne. Sein Gitarrenspiel war in gewissem Sinne minimalistisch, aber von großer Emotionalität.

Die klagenden Töne, die er seiner Lucille entlockte, die eleganten und nie aufgesetzt wirkenden harmonischen Feinheiten waren ehrlich, ebenso die Stimme des alten Herren im bunten Dinnerjackett, der von Liebe, Leid und Schmerzen sang. Bei kaum einem anderen Musiker dieses Genres ist so deutlich zu verstehen gewesen, dass der Blues wirklich „the working man’s reality“ ist, wie Alexis Korner es einmal formulierte. B. B. King verkörperte eine musikalische Tradition, die direkt aus der Lebenswelt des farbigen Prekariats der amerikanischen Südstaaten stammte.

Wie hart die „Wirklichkeit des arbeitenden Mannes“ war, hatte B. B. King am eigenen Leibe erfahren. Seine Musik war Ausdruck dieser Realität, und bei all dem Weltschmerz, den sie vermitteln konnte, war sie doch der Welt und dem Leben zugeneigt. Und wenn der alte Herr in seinem Club in Memphis den Kopf nach links neigte und versonnen seiner Lucille die allerschönsten Töne entlockte, dann sah man einen Menschen, der in sich ruhte, der mit sich und der Welt im reinen war. Jetzt ist er von uns gegangen, dieser unglaubliche Musiker, dieser Meister des Blues. Er spielt jetzt in einer ganz eigenen Liga.

Von Jürgen Feldhoff

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