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12:27 31.01.2013

Der andere, ein recht unbekannter Autor, feierte im Dezember 2012 seine Goldene Hochzeit und ist bereits 75.

Auf einem rustikalen Couchtisch in Potsdam-Babelsberg liegt die alte Langspielplatte von Frank Schöbel. Die Worte des Titelsongs, „Wie ein Stern in einer Sommernacht/ Ist die Liebe, wenn sie strahlend erwacht/ Leuchtet hell und klar durch Raum und Zeit/ Wie ein Stern aus der Unendlichkeit“, stammen von Dieter Lietz. Das Lied wurde zu einer Supernova, die sein Leben überstrahlt hat. Es war der erste Schlager aus dem Osten, der auch im Westradio hoch- und runtergespielt wurde und in „Schlager der Woche“, der Hitparade des Feindsenders Rias, zehn Mal auf Platz eins stand.

Für die kreative Leistung von 1971 erhält Lietz noch heute von der Gema regelmäßig Vergütungen. Und weil das Lied als Klassiker gilt, werden wohl auch seine beiden Kinder und die vier Enkelkinder noch in den Genuss von Tantiemen kommen, die noch 70 Jahre nach dem Tod eines Urhebers fließen.

„Das Lied ist nicht durch meinen Text ein Hit geworden“, gibt Dieter Lietz unumwunden zu. „Das hat die Melodie von Hans-Georg Schmiedecke bewirkt. Ich bekam sie als Klavierstimme auf einer Kassette zugeschickt und habe dann den Text draufgebastelt. Als dann eines Tages Frank Schöbel bei mir im Wohnzimmer saß und das Arrangement von Gerhard Siebholz vorstellte, „war das Gänsehaut pur“. Komponist und Arrangeur sind heute nicht mehr am Leben.

„Mädchen, ich lieb dich/ Du machst mich glücklich/ Heut scheint die Sonne heller“, beginnt die Glanznummer. Die Synthesizer-Klänge malen das Pathos des Frisch-Verliebt-Seins als absoluten Erregungszustand aus. An wen dachte Dieter Lietz, als er „von drei Sonntagabendküssen“ schwärmte, die ein „stolzes Herz“ besiegt haben? An seine Frau?

„Als das Lied entstand, waren wir schon fast zehn Jahre verheiratet“, antwortet Lietz zunächst ausweichend. „Drei Monate, nachdem wir uns kennengelernt haben, wurde Gabi schon schwanger und wir haben geheiratet“, fügt er hinzu. Die Frage unterstellt, dass beim Verfertigen solcher Texte authentische Gefühle im Spiel sein müssen. Doch natürlich hat der Dieter bei „Wie ein Stern“ an seine Gabi gedacht! Ohne sie würde der Stern nicht so hell leuchten. Bei der Feier seines 50. Ehejubiläums im Restaurant „Alter Stadtwächter“ in Potsdam ließ Lietz den Frank-Schöbel-Hit einspielen, bevor er eine gereimte Danksagung auf seine „Goldbraut“ vortrug, Strophen wie: „Vor fünfzig Jahr’n schon ahnte ich:/ du bist und bleibst so knusperich/ wie keine andre im Revier./ So hast du mir auf nette Art/ den blöden Fremdgeh-Stress erspart –/ mein Goldbroiler, hab Dank dafür!“

„Dem Erfolg von Frank Schöbel habe ich viel zu verdanken“, sagt Dieter Lietz. So traute er sich 1974, seinen Brotberuf an den Nagel zu hängen und freiberuflicher Autor zu werden. Zuvor hatte er elf Jahre als gelernter Architekt sein Scherflein dazu beigetragen, Potsdam als sozialistische Stadt wieder aufzubauen. „Ich war an einigen Zentrumsbauten beteiligt, die heute abgerissen werden“, sagt er mit leicht trotziger Stimme und nennt die heutige Fachhochschule (neben dem Landtagsschloss) und das Rechenzentrum, das nun der Garnisonkirche weichen soll. „Ich war erst gegen den Wiederaufbau des Potsdamer Stadtschlosses, aber mittlerweile erkenne ich, dass es der Stadt sehr gut tut. Meine Bauten werden abgerissen, mein Stern aber, der leuchtet weiter.“

Auch auf einer anderen Baustelle hat Dieter Lietz seine Grundhaltung korrigiert. „Wir haben 1964 in der DDR nur standesamtlich geheiratet und sind nun, nach 50 Probejahren, vor den Traualtar geschritten und haben uns den kirchlichen Segen erteilen lassen“, erzählt er.

Als Lietz noch „in der Hochbauprojektierung“ tätig war, betrieb er „die Schreiberei“ nur nebenbei. Mit einem Text von ihm gewann Rosemarie Ambè 1968 den DDR-Schlagerwettbewerb. Das Lied strotzt nur so vor „Bau auf, Bau auf!“-Optimismus und überliefert damit das freudige Lebensgefühl des jungen Architekten: „Das schöne Städtchen, in dem wir wohnen/ ist noch genau so jung wie wir zwei./ An hellen Häusern und bunten Gärten/ geh’ ich jeden Morgen vorbei./ Dann seh’ ich wie das Sonnenlicht/ sich in den großen Fenstern bricht/ und sehe auch im Handumdreh’n/ so manches neue Haus entsteh’n.“ Vom Komponisten Schmiedecke erfuhr Lietz, warum der optimistische Schlager plötzlich doch nicht mehr im Radio gespielt wurde. Die Funktionäre hatten Angst, dass der Refrain „Es fängt ja alles erst an“ nach dem Aufstand in Prag von der Bevölkerung falsch interpretiert wird.

Dieter Lietz nervt heute, dass die Neubauten aus DDR-Zeiten oft schlechtgeredet werden. „Wir waren stolz, wenn wir überhaupt etwas realisieren konnten“, sagt er. Doch im Plattenbau wollte er als freischaffender Autor auch nicht länger wohnen. Er bezog er mit seiner Familie ein romantisches Häuschen in einer abgelegenen Straße im bürgerlichen Babelsberg, kurz vor der Grenze zu Westberlin.

„Wie ein Stern“ blieb nicht sein einziger erfolgreicher Text. Auch „Alles im Eimer Kristina-Marie – nur die Liebe nicht“ machte Frank Schöbel in der DDR zu einem Riesenhit. Die Melodie schrieb der Potsdamer Siegfried Schulte, der heute noch in einem Hochhaus an Potsdams Neustädter Havelbucht lebt. Das Lied erzählt von einem gewaltigen Wasserschaden, weil ein Mann so verliebt und kopflos ist, dass er vergisst, den Wasserhahn abzudrehen.

„Alles, was ich schreibe, gerät mir humoristisch. Deshalb habe ich nicht mehr für Schlagersänger geschrieben, die mögen es nicht so lustig, sondern gefühlsduselig“, erklärt der große schlanke Mann mit dem kahlen Schädel. Eines seiner originellsten Lieder, das vielleicht sogar die Ironie der Neuen Deutschen Welle anderthalb Jahrzehnte später vorweggenommen hat, sang Chris Doerk 1969: Häng’ den Mond in die Bäume,/ Sag’ der Nachtigall Bescheid,/ Denn ihr Lied soll uns heute erfreu’n.“

1978 war Dieter Lietz einer der Mitgründer des Potsdamer Kabaretts Am Obelisk. Das Politbüro in Berlin hatte beschlossen, dass jede Bezirkshauptstadt ihr eigenes Berufskabarett haben solle. Lietz merkte bald, dass Verse für Satirebühnen von den staatlichen Stellen weit weniger kritisch gegengelesen wurden als Schlagertexte. Und Geschriebenes, das nicht zur Aufführung kam, wurde sogar bezahlt. Eintrittskarten für das Obelisk-Kabarett waren bis 1989 so begehrt, dass die Fleischersfrau dafür Kalbslenden oder Rinderzunge zurücklegte.

Ein kleines Heft mit „Euphorismen und Reimwerkeleien von Dieter Lietz“, so steht es auf dem Titelblatt, erschien kurz nach der Wende. Der Verlag ging bald darauf pleite. Es enthält keine Schlagertexte, sondern kabarettistische Lyrik, die von Christian Morgenstern und Joachim Ringelnatz inspiriert ist. „Nur einmal lügen/ reicht oft nicht/ bei einem Rechenschaftsbericht“ – dieser treffende Aphorismen stammt auch von Dieter Lietz. (Von Karim Saab)

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